Eintracht Frankfurt

Charlys Blickwinkel: Wie in einer anderen Welt

Mit 602 Einsätzen im Eintracht-Trikot ist er Bundesliga-Rekordspieler: Adler-Ikone Charly Körbel blickt zum Abschluss der Saison zurück und gibt seine Einschätzung zur der Lage von Eintracht Frankfurt.

Es ist jetzt zwei Wochen her, aber ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Das ganze Wochenende in Berlin war unfassbar, und dass unsere Eintracht nach 30 Jahren wieder den DFB-Pokal geholt hat, war natürlich die Krönung! Eines kann ich jetzt ja verraten: Was ich vor der Überreichung des Pokals gemacht habe, stand so nicht im Protokoll. Eigentlich sollte ich ihn nur auf dem Podium abstellen, damit ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die Mannschaft übergeben kann ... Ich habe mir die Chance aber nicht nehmen lassen, den Pokal noch einmal hochzuheben und zu jubeln. Wie 1988! Später habe ich gehört, dass Menschen vor dem Fernseher sogar geweint haben, als sie das gesehen haben. Für mich war es einer der größten Momente überhaupt. In diesem Moment wusste ich: Es hat sich alles gelohnt!

Der Finalabend hatte ja schon sagenhaft angefangen mit der Choreographie in der Eintracht-Kurve, mit dem riesigen Bild von mir damals mit dem Pokal. Ich wusste das vorher gar nicht und habe mich nur gefragt: Wahnsinn, was ist denn hier los! Diese Wertschätzung der Fans hat mich unglaublich gefreut. Das ganze Wochenende habe ich dafür gekämpft, dass Eintracht Frankfurt den Pokal gewinnt, und so bin ich auch aufgetreten. Schon am Freitagabend, beim Pokalabend mit den Vorständen von der Eintracht und den Bayern, als ich Kalle Rummenigge gesagt habe, dass wir diesen Titel unbedingt holen wollen. Er hat da etwas verdutzt geguckt und gesagt: „Der Weg geht nur über uns.“ Aber ich habe Recht behalten, wir haben seine Münchner geschlagen ...

Das Pokalendspiel ist immer etwas ganz Besonderes. Es war auch eine gute Entscheidung vom DFB, wieder mehr auf Tradition zu setzen. Nichts gegen Helene Fischer, aber die Zuschauer wollen nicht nur Show. Die Sache mit Paul Breitner und mir kam überragend an, habe ich gehört. Am Samstag um halb vier waren wir schon zur Generalprobe da, Paul und ich fast alleine im Olympiastadion. Der Musikcorps der Bundeswehr hat nur für uns die Nationalhymne gespielt – das war allein schon ein Erlebnis! Wir sind die Abläufe im Sekundentakt durchgegangen, haben die Laufwege einstudiert, das richtige Hinstellen des Pokals, sind alles 100 Mal durchgegangen. Vor dem Spiel haben wir den Pokal zusammen ins Stadion getragen, und klar war: Der, dessen Mannschaft gewinnt, darf ihn danach auch aufs Podium stellen. Paul für die Bayern, ich für die Eintracht. Mein großes Ziel war: Ich will meinen fünften Pokal, ich will meiner Mannschaft den Pokal bringen. Nach dem Abpfiff kam einer quer über den Platz auf mich zugelaufen: Paul Breitner. Er hat zu mir gesagt: „Ich freue mich für dich! Genieß diesen Moment!“ Ich wusste aber plötzlich gar nichts mehr, ich war wie in einer anderen Welt. Wo muss ich langlaufen? Wo muss ich hin? Ich habe dann eine der Frauen vom Organisationskomitee gefragt, und dann wusste ich auch wieder, was zu tun war ...

Noch so ein Finale als zweiter Sieger wie vor einem Jahr gegen Borussia Dortmund, das wäre auch nichts gewesen. Nach 30 Jahren musste mal wieder eine neue Generation kommen. Eigentlich habe ich immer gedacht, ich muss auf dem Rasen dabei sein, wenn die Eintracht einen Titel holt. Bis auf die Meisterschaft von 1959 war das ja auch immer der Fall gewesen. Diesmal war ich aber so nah dran wie seit meinen aktiven Zeiten nicht mehr. Ich habe mich fast gefühlt wie ein Einwechselspieler! Als die Spieler eingelaufen sind, habe ich ihnen zugerufen: Wir packen das, nur keine Angst! Als ich unten auf dem Rasen war, wusste ich: Wir haben eine Chance!

Alles in allem war es eine überragende Saison.

Wir haben es nur versäumt, in der Bundesliga den Sack zuzumachen. Zwischendrin hatten wir ja sogar die Champions League vor Augen. Gegen Ende aber war der Akku leer, und es kam einiges zusammen: Leistungsträger verletzten sich, das Spielglück verließ uns, dazu kam die Nachricht von Niko Kovacs Wechsel zu den Bayern.

Mit dem Pokalsieg hat sich die Mannschaft aber verdient, was sie in der Bundesliga verpasst hat – und noch viel mehr: So einen Titel kann dir keiner mehr nehmen! Und nach Europa haben wir es so doch noch geschafft. Im Finale haben wir wieder das Bild abgegeben, das wir über drei Viertel der Saison abgegeben haben. Mit Einsatz und Willenskraft, teilweise über unseren Möglichkeiten. Wenn einer vor der Saison gesagt hätte, wir wären nächstes Jahr international dabei: Ich hätte ihn für verrückt erklärt.

Von einigen müssen wir uns nun verabschieden, die wichtige Bestandteile der Eintracht waren: Von Niko Kovac, der alles in allem zweieinhalb Jahre überragende Arbeit geleistet hat, von Lukas Hradecky, der uns mit seinen Paraden zwei Mal ins Endspiel gebracht hat. Und von Alex Meier, bei dem mir das am meisten wehtut. Er hat uns immer unterstützt, auch als wir in der Zweiten Liga waren. In seiner Bescheidenheit hat er sich viel erarbeitet, hat den Verein verkörpert wie kaum ein anderer. Überall wo man nach Eintracht Frankfurt gefragt hat, war die Antwort: „Alex Meier!“ Ich wünsche ihm, dass er jetzt fit bleibt. Und ich wünsche mir, dass er nach seiner Karriere zur Eintracht zurückkehrt, dann in einer anderen Funktion.

Auf Sportvorstand Fredi Bobic kommt nun eine große Herausforderung zu, gemeinsam mit dem neuen Trainer Adi Hütter: Er muss die Mannschaft so zusammenbauen, dass sie die riesigen Belastungen in Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League stemmen kann. Ich vertraue Fredi, dass er die geeigneten Spieler dafür findet und wieder so ein gutes Händchen hat. Und ich hoffe, dass zum Vorbereitungsstart alle gesund zurückkommen.

Es geht ja gleich wieder gut los: Zum Supercup kommt Niko Kovac mit den Bayern direkt zu uns zurück, das ist schon wieder so eine Geschichte für sich. Und vielleicht kann ich wieder mit Paul den Pokal reinbringen. Dann kann ich jetzt schon garantieren: Wir holen auch den Supercup! Bedanken möchte ich mich noch bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser: Über den großen Zuspruch zu meinen Kolumnen habe ich mich sehr gefreut!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare