Finanzmärkte

Chinas Aktienmarkt erreicht Rekordwert

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Frankfurt. Vor allem die rasche Eindämmung der Covid-Infektionen und die entsprechend schnelle wirtschaftliche Erholung in China treibt die Rally am Aktienmarkt im Reich der Mitte weiter voran: Am Mittwoch ist die Marktkapitalisierung aller Aktien an den Börsen Shenzen und Shanghai auf 10,08 Billionen Dollar gestiegen - und hat damit einen neuen Rekordwert erklommen. Der alte Höchststand stammte noch vom Juni 2015. Damals erreichte die Marktkapitalisierung 10,05 Billionen Dollar - allerdings folgte unmittelbar darauf ein Absturz, der rund die Hälfte des Börsenwerts vernichtete, weil Chinas Führung dem massenhaft kreditfinanzierten Aktienkauf privater Haushalte Einhalt gebot.

Im Gegensatz zu 2015 handele es sich bei der derzeitigen Rally nicht um eine Blase, hieß es gestern bei Händlern. Damals habe das Kurs-Gewinn-Verhältnis des CSI 300 für die vorangegangenen zwölf Monate beim 40-fachen Wert gelegen, heute beim 19-Fachen. Zudem halten heute institutionelle Investoren rund 70 Prozent des Streubesitzes aller chinesischer Aktien. Dabei entfallen auf ausländische Anleger allerdings nur rund fünf Prozent.

In diesem Jahr hat der Blue-Chip-Index CSI 300 - der sich aus den größten Werten der Aktien an den Börsen Shenzen und Schanghai zusammensetzt - um mehr als 17 Prozent zugelegt. Zum Vergleich: Der S & P 500 in den USA kommt auf ein Plus von neun Prozent, der EuroStoxx 50 und der Dax liegen im Minus. Allerdings liegt der US-Aktienmarkt mit einer Kapitalisierung von fast 39 Billionen Dollar noch weit vor dem chinesischen auf dem ersten Platz. Auf den Rängen drei und vier folgen Japan und Hongkong. Deutschland belegt den achten Rang.

China dürfte am Ende dieses Jahres als einziges großes Industrieland ein Bruttoinlandsprodukt vermelden, das gegenüber dem Vorjahr gewachsen ist. Der IWF prognostiziert einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um 1,9 Prozent. Für 2021 rechnet der Währungsfonds mit einem Wachstum von 8,2 Prozent. Der durch das Coronavirus ausgelöste Einbruch im Frühjahr ist laut den offiziellen Angaben bis zum Ende des dritten Quartals schon fast wieder aufgeholt worden.

Neben der konjunkturellen Erholung trug nicht nur eine Vielzahl von Börsengängen zur Aktien-Rally der vergangenen Monaten bei. Auch die Erwartung der Investoren, dass Chinas Führung die Region Shenzen in einen globalen Technologie-Hub verwandeln und die Kommunistische Partei bei einem Treffen in diesem Monat Maßnahmen zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur ergreifen wird, heizte den Aktienmarkt an.

"Chinas Erfolge in der Pandemie-Bekämpfung ermöglichen es der Wirtschaft, sich schneller zu erholen als im Rest der Welt. Und langfristig verspricht Chinas Wandel von der Werkbank zum größten Binnenmarkt der Welt erhebliches Ertragspotenzial für die dort engagierten Unternehmen", kommentiert Tilmann Galler, Kapital-Marktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, die Rally. Seiner Ansicht nach dürfte dem chinesischen Aktienmarkt "zumindest kurzfristig der Rückenwind erhalten bleiben". Dabei böten die lokalen in Shanghai und Shenzhen gelisteten A-Aktien ein besseres Spiegelbild des Wirtschaftswachstums als die in Hongkong gelisteten, besser bekannten H-Aktien.

Und das trotz des Handelskriegs mit den USA: "Die Exportabhängigkeit der chinesischen Wirtschaft ist in den vergangenen zehn Jahren immer weiter gefallen", gibt Galler zu bedenken. Der Wert aller exportierten Waren und Dienstleistungen am Bruttoinlandsprodukt sei auf 18,8 Prozent gesunken, wovon nur 2,9 Prozent auf die USA entfielen. "Die chinesische Wirtschaft zeigt eine wachsende Resistenz gegenüber Exportschocks wie beispielsweise Strafzöllen", stellt Galler fest. Im Prinzip gebe es nur in einem Segment eine bedeutsame Abhängigkeit von den USA: bei den US-Halbleiter-Importen. Ein Großteil der Unternehmen in der IT-Branche ist demnach abhängig von der US-Technologie. "Die Einführung eines weitreichenden Exportverbots der US-Regierung wäre da ein Worst-Case-Szenario für Wirtschaft und Märkte. Ob die aktuelle US-Regierung bereit ist, diesen Weg vor der Präsidentschaftswahl am 3. November zu gehen, ist jedoch fraglich", sagt Galler.

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