Nicht hoch vom Türmerstübchen des Höchster Schlosses, sondern neben dem Weihnachtsbaum auf dem Schlossplatz erklangen an Heiligabend die Choräle. FOTO: Maik Reuß
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Nicht hoch vom Türmerstübchen des Höchster Schlosses, sondern neben dem Weihnachtsbaum auf dem Schlossplatz erklangen an Heiligabend die Choräle.

Posaunenchor

Choräle als Zeichen gegen die Dunkelheit

  • Holger Vonhof
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Auch wenn weniger Besucher auf den Schlossplatz kamen - so war es trotzdem ein wichtiges Zeichen in der Pandemie.

Höchst. Als plötzlich "Fröhliche Weihnacht überall" erklingt, verstummen die Gespräche. Rund 120 Menschen stehen in kleinen Gruppen auf dem Höchster Schlossplatz, als der Posaunenchor der Evangelischen Gemeinde Höchst am Heiligabend nach der Corona-Unterbrechung des Vorjahres eine Tradition fortsetzt, wie es sie nicht überall gibt: Nach dem letztjährigen Weihnachten ohne Choräle sind die Bläser wieder da. "Es ist schön, dass das stattfindet; es ist ja sonst kaum etwas, das ein bisschen ablenkt", sagt ein junger Mann und hört zu. Es fällt auf: Diesmal sind sehr viele junge Leute da; manch Ältere sind - wohl auch angesichts der Pandemie - zu Hause geblieben. Auch den traditionellen Glühwein-Ausschank gibt es diesmal nicht, vor allem aus Gründen der Abstands-Wahrung.

Nicht vom Schlossturm, wie es die Tradition eigentlich gebietet, spielen die fünf Musiker; zwei von ihnen gehören nicht zum Posaunenchor, unterstützen aber die Bläser der Gemeinde. Den Schlossturm durften sie nicht nutzen, denn die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Eigentümerin des Schlosses, hat schon seit Langem die Vergabe ihrer Baudenkmäler für öffentliche Anlässe eingestellt - wegen Corona.

"Fröhliche Weihnacht überall! / tönet durch die Lüfte froher Schall" ist der Auftakt zu einer Dreiviertelstunde mit bekannten Weisen, vorrangig aus Deutschland und England. Die Klänge ziehen weitere Zuhörer an; Menschen kommen durch Burggraben und Allmeygang, verharren, hören zu.

Was kaum jemandem bewusst ist: Es ist - zumindest der Legende nach - die 150. Wiederkehr der Erfüllung eines Gelöbnisses. Der Legende nach haben vier Brüder aus der Familie Schäfer gelobt, jedes Jahr zu Heiligabend vom Schlossturm Choräle zu blasen, sollten sie gesund aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870 / 71 heimkehren. Noch vor 50 Jahren waren Nachfahren dieser Brüder unter den Musikern.

Die Tradition geht allerdings wohl viel weiter zurück als die Legende glauben macht, hat der Höchster Historiker Dr. Wolfgang Metternich vor Jahren schon recherchiert: Spätestens seit dem Jahr 1587, als der Schlossturm seine heutige Höhe von 50 Metern erreicht hatte, gab es auch den Brauch des Turmblasens. Im Turmstübchen wohnte nämlich der Turm- und Feuerwächter, der die Bürger vor Feuer- und Feindesgefahr zu warnen hatte. Weil der Job nicht sonderlich gut bezahlt war, räumte man dem Türmer das Recht ein, bei Hochzeiten und anderen Festen gegen Honorar aufzuspielen. An Weihnachten bedankte sich der Turmwächter dann mit frommen Weisen vom Turm. Als die Preußen sich 1866 das zuvor nassauische Städtchen Höchst einverleibten, wurde dem Turmwächter gekündigt - "Lied aus" hieß nun das Kommando. Früher wie heute gilt: So etwas macht man nicht mit den Höchstern. Also verschafften sie sich über die Etablierung der Legende wieder Zugang zum Schlossturm. Welcher preußische Amtmann hätte es gewagt, vier leibhafte Kriegshelden samt frommem Gelübde den Zugang zu verweigern? Deshalb war das Choralblasen auch "von unten" dieses Jahr ein wichtiges Zeichen, dass die Tradition weiterlebt. Denn Tradition, so heißt es nicht umsonst, ist nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe der Glut. Holger Vonhof

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