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Ehre, wem Ehre gebührt: Der rote Faden ziert Bulldogge Emma. Die ergatterte unlängst einen Pokal als Schönste ihrer Art ? und machte Frauchen Christiane Hütte stolz. Abgesehen davon macht sich das Tier im gleichermaßen schicken wie gediegenen Ambiente der ?Villa Orange? allein farblich betrachtet ganz prächtig.

Der Rote Faden, Folge 190

Christiane Hütte - Die Gastgeberin

Christiane Hütte betreibt seit 16 Jahren das vor allem bei Schriftstellern beliebte Hotel "Villa Orange". Sie ist Unterstützerin eines Literarischen Salons, überzeugte Bio-Anhängerin und begabte Netzwerkerin. Ihr widmen wir Folge 190 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Zurzeit ist Christiane Hütte ziemlich stolz. Auf Emma. Emma ist ihre acht Jahre alte Englische Bulldogge. Ein imposantes Tier mit einem gewissen Hang zur Trägheit. Vor kurzem ist Christiane Hütte auf Anregung einer Freundin zum ersten Mal zu einer Clubschau gefahren, in die Nähe von Bad Kreuznach. Und Emma räumte ab. „Ich wusste überhaupt nicht, wie das vor sich geht“, erzählt die Hundebesitzerin lachend, „und plötzlich war Emma nicht nur zur schönsten Seniorenhündin, sondern zur schönsten Hündin des gesamten Wettbewerbs gekürt worden. Unter 30 Bulldoggen!“ Wenn das kein Anlass zum Feiern ist. Jetzt sitzen wir in der Bibliothek. Und wo ist Emma? „Im Backoffice“, sagt Hütte. Mit Fremden hat die Hündin ein wenig Probleme. Bulldoggen sind zurückhaltende Tiere, die nur schwer neue Freundschaften schließen. Auch in Ordnung. Es sei Emma gegönnt.

Die Bibliothek also. Da sind wir schon beim Thema. Denn die Bibliothek befindet sich im Hotel „Villa Orange“ in der Mercatorstraße im Nordend. Die „Villa Orange“ gehört Christiane Hütte. Sie ist eine Frau, die ziemlich genaue Vorstellungen hat von dem, was sie mag und was nicht, was sie umsetzen möchte, was realistisch ist, was gut ankommt. Christiane Hütte ist eine dezente starke Frau. Sie skandiert keine feministischen Parolen. Stattdessen schreitet sie zur Tat, wenn sie eine Idee hat. Die „Villa Orange“ war so eine Idee. Aber der Reihe nach.

Geboren wurde sie 1963 im niederrheinischen Neuss, das damals noch Neuß geschrieben wurde. Als Christiane vier Jahre alt war, zog die Familie berufsbedingt nach Stuttgart um, wo Christiane Hütte das Abitur ablegte, um anschließend in Pforzheim das Studium der Betriebswirtschaftslehre zu absolvieren. Pforzheim? „Die Uni hat einen guten Ruf“, sagt sie, „und ich wollte ein bisschen, aber nicht gleich ganz weit weg.“ Auch das sollte sich in späteren Jahren ändern. Nach ihrem Abschluss ging Hütte nach Hamburg und bekam dort einen Job als Projektleiterin in einem Marktforschungsinstitut. Schwierig, sagt sie rückblickend, sei der Berufseinstieg gewesen. So richtig wohl habe sie sich in dem Job von Beginn an nicht gefühlt. Zu eng, zu wenig kreativ, zu sehr an Vorgaben anderer orientiert.

Also stieg Christiane Hütte aus, zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, kündigte ihre Stelle, vermietete die Wohnung unter, packte ihren Rucksack und reiste als Backpackerin für ein halbes Jahr quer durch Australien und Neuseeland. Durchaus einschneidende Entscheidungen. Aber wenn Christiane Hütte in der Bibliothek sitzt, die hohen, dunklen Bücherregale hinter und eine Tasse Kaffee vor sich, referiert sie ihren Lebensweg, als habe er eine gezielte Folgerichtigkeit, als sei da nichts irgendwie und irgendwann zufällig geschehen.

Dort jedenfalls, auf ihren Wegen über den australischen Kontinent, kam ihr zum ersten Mal die Idee, selbst einmal ein Hotel zu führen; eines, das etwas anders ist; das so intim ist, dass die Gäste bemerken, dass sie bemerkt werden. „In Australien und Neuseeland“, erinnert Hütte sich, „habe ich immer in kleinen Hotels oder in Privatunterkünften gewohnt. Das war sehr familiär und persönlich. Und das ist doch die Atmosphäre, die man haben will, wenn man in der Fremde unterwegs ist.“

Aber als sie zurückkam, mit noch nicht einmal 30 Jahren, war die Zeit für diesen Schritt offenbar noch nicht gekommen. Also suchte Hütte erneut einen Job in der Marktforschung – und fand ihn in Frankfurt. Nach einiger Zeit wusste sie sehr genau, dass sie zwar in der Stadt, aber keinesfalls in ihrem Beruf bleiben wollte. „Das war eben genau das: ein Beruf. Aber keine Berufung. Ich habe nichts Eigenes entwickelt, sondern die Methoden anderer angewandt. Das hat mir nicht gereicht.“

1997 ging Christiane Hüttes Vater in Rente. Er besaß ein Unternehmen in der Klimabranche, „nach Frankfurt kam er immer zur Interklo“, sagt Hütte und lacht. „Interklo“ – das ist der spöttische Ausdruck für die Bad-, Gebäude- und Klimatechnikmesse. Ein durchaus einträgliches Gewerbe. Der Vater hatte gerade Zeit und Geld übrig. Und die Tochter legte ihm ein Konzept und einen Businessplan für den eigenen Hotelbetrieb in Frankfurt vor. Beides muss dem Vater gefallen haben; jedenfalls fuhren die Hüttes ab diesem Zeitpunkt zweigleisig: Zum einen suchten sie eine passende Immobilie, in der sich die Vorstellungen der Quereinsteiger-Hotelière verwirklichen lassen könnten und betrieben intensiv Konkurrenzforschung. „Es gab“, so sagt sie, „zu diesem Zeitpunkt ja nur große Hotels in Frankfurt, nur die Ketten. Keine Gerbermühle, kein Roomers.“

Parallel dazu begann Christiane Hütte, Erfahrungen in der Hotelbranche zu sammeln, im Hotel Victoria in der Elbestraße und im Hotel Manhattan in der Düsseldorfer Straße. Geschäftsführer im Hotel Manhattan war seinerzeit Micky Rosen, der kurz darauf mit seinem Partner Alex Urseanu daranging, die Frankfurter Hotel- und Gastroszene ein wenig umzukrempeln. „Mit ihm“, sagt Hütte, „konnte ich ganz offen über meine Pläne reden. Er hat mir wertvolle Ratschläge gegeben. Von Rivalität war nichts zu spüren.“

Die Immobilie, die sie dann schließlich fand, um ihr Traumprojekt zu verwirklichen, war ein Gebäude mit Geschichte: Das 1914 erbaute so genannte Lydia-Haus wurde von Beginn an vom christlichen Lydia-Orden betrieben. Nach dem Ersten Weltkrieg diente es jungen Mädchen, die zum Arbeiten in die Stadt kamen, als Unterkunft; in den 60er-Jahren wurde es in ein Altersheim umgewandelt. Ende der 90er-Jahre waren die baulichen Auflagen zu kompliziert, um das Haus weiter als Altersheim zu betreiben – und Christiane Hütte schlug zu. Der heutige Frühstücksraum diente in früheren Zeiten als Ort für Gottesdienste und größere Feiern, und auch heute ist er für Familienfeste zu mieten, „inklusive guten Geistern“, wie die Hausherrin halb im Scherz sagt.

Die Eröffnung der „Villa Orange“ verlief im Übrigen nicht komplett reibungslos, wie Hütte sich heute eher schmunzelnd erinnert: Auf die Genehmigung des Bauantrages wartete sie ein Dreivierteljahr; dann wurden die Möbel angeliefert, während die Bauarbeiten noch in vollem Gang waren; und weil sie ihnen im Weg waren, entsorgten die Bauarbeiter die bereits für die Bibliothek gesammelten und in Kisten gelagerten Bücher in dem Glauben, es seien Altbestände aus dem Altersheim, kurzerhand auf dem Müll. Und schließlich kam der Tag der Eröffnung im Januar 2000, an den Christiane Hütte sich noch wie heute erinnert. Sie saß in ihrem Büro im Erdgeschoss, als sich ein Wasserstrahl einen Weg durch die Decke bahnte und den Raum unter Wasser setzte. „Die Zimmermädchen haben einen Duschtest gemacht, wie sie es nannten, und alle Duschen im ersten Stock gleichzeitig aufgedreht, um zu schauen, ob das Wasser einwandfrei abläuft.“ Prinzipiell keine schlechte Idee. Es lief nicht ab, wie sich herausstellte. Als Konsequenz musste im Keller ein riesiges Loch gegraben werden, um auch die veralteten Anschlussrohre auszutauschen.

Derweil lief der Betrieb in der „Villa Orange“, und er lief glänzend. Bis heute sind die 38 Zimmer fast ständig ausgebucht. Offenbar hat Christiane Hütte auf dem engen Frankfurter Hotelmarkt eine Lücke entdeckt. „Villa – das ist meine Assoziation – steht für das 19. Jahrhundert, für eine bestimmte Form von Umgang miteinander, für Salonkultur. Die Gäste sollen sich hier treffen und miteinander ins Gespräch kommen können.“ In der Bibliothek gibt es die Gelegenheit dazu. Wer sich zurückziehen will, findet in beinahe jedem Zimmer ein gut bestücktes Bücherregal vor.

Mit diesem Konzept hat sie viele Stammgäste an sich gebunden: Der S. Fischer Verlag bringt nicht nur zu Messezeiten seine Autoren in der „Villa Orange“ unter, ebenso Hanser, dtv, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Schriftsteller seien angenehme Gäste. Mehr lässt sich die Frau, für die Literatur keine Dekoration ist, nicht entlocken. Seit sie denken kann, ist sie eine begeisterte Leserin. Lieblingsautor? „Habe ich nicht. Ich verlasse mich gerne auf Empfehlungen oder entdecke etwas Neues.“

Da verwundert es auch nicht, dass sie sofort angetan war, als Lothar Ruske, Organisator des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“, im Jahr 2003 auf sie mit der Idee zukam, einen monatlichen Literarischen Salon in der „Villa Orange“ abzuhalten. „Diesen Salon“, erzählt Hütte, „gab es schon vorher. Er fand in großen Privatwohnungen statt. Aber ich habe hier die logistischen Möglichkeiten und die Räume.“ Seitdem fungiert sie an jeweils einem Freitag im Monat als Gastgeberin einer bestens besuchten Literaturveranstaltung. Der Einlass erfolgt auf vorherige Anmeldung; während der Veranstaltungen wird Wein ausgeschenkt, und im Anschluss stehen Gäste und Autoren beisammen, um über das soeben Gehörte zu diskutieren.

Auch das ist der Gastgeberin Christiane Hütte wichtig: Netzwerke zu bilden, Menschen zusammenzubringen. Und dabei vielleicht sogar auch etwas Nützliches zu tun: Hütte ist nicht nur Mitglied im Woman’s Business Club, im Netzwerk Achtsame Wirtschaft und im Umweltforum Rhein-Main, sondern vor allem auch in der Wertegemeinschaft der Bio-Hotels. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal im Rhein-Main-Gebiet. Seit 2006 hat sie nach und nach begonnen, ihr Hotel auf Bio umzustellen, „weil mir gesunde Ernährung und ökologisches Handeln auch privat sehr wichtig sind“.

Seit 2009 sind alle Speisen und Getränke Bio, vom Brötchen bis hin zum Bier und zum Wein. „Das ist“, gibt Hütte zu, „für manche Gäste gewöhnungsbedürftig. Ich kann an der Bar zum Beispiel keinen Campari ausschenken und keinen Gin Tonic, weil ich noch kein Bio-Tonic Water gefunden habe.“

Hütte ist eine Teamplayerin. Die Fluktuation unter ihren insgesamt 28 Angestellten ist gering. Im Januar fährt sie gemeinsam mit sämtlichen Vollzeitkräften ein paar Tage in die Berge, zum Skifahren. Das Hotel muss trotzdem weiterlaufen in der Zwischenzeit. Wird es auch. Organisieren hat Christiane Hütte gelernt. Von ihrem Mann wurde sie im Jahr 2014 geschieden, „trotzdem ist er“, so sagt Hütte, „mein Personal Trainer geblieben“. Und nicht nur das: „Wir teilen uns ja auch noch Emma.“ Die Bulldogge schnarcht noch immer im Büro vor sich hin. Zeit für einen Mittagsspaziergang.

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