Die Kuratorinnen Juliane von Herz (links) und Aileen Treusch (rechts) zusammen mit dem Künstler Vitus Saloshanka.
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Die Kuratorinnen Juliane von Herz (links) und Aileen Treusch (rechts) zusammen mit dem Künstler Vitus Saloshanka.

Kunstprojekt

New Citizens will Geflüchteten ein Gesicht geben

  • VonAlexandra Flieth
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Sie leben in der Wohnwagenunterkunft auf dem Rebstockgelände und sind neue Bürger dieser Stadt. In einer Serie porträtiert der weißrussische Künstler Vitus Saloshanka Geflüchtete. Die Fotografien zeigen sie als Menschen, die ein Teil von Frankfurt sind.

Viele Wochen an Planungen und Vorbereitungen liegen hinter Juliane von Herz und Aileen Treusch. „New Citizens“ heißt das Projekt, dessen Umsetzung die beiden Kuratorinnen realisiert haben. Nicht in einer Galerie, nicht in einem Museum, sondern in den Straßen Frankfurts. 14 großformatige Fotografien des weißrussischen Künstlers Vitus Saloshanka werden an Haus- und Kirchenfassaden sowie an Baustellengerüsten gezeigt - als Kunst im öffentlichen Raum. Eröffnet wird die Präsentation am Sonntag, 30. April, um 12 Uhr auf dem Roßmarkt mit einem öffentlichen Konzert des syrischen Pianisten Aeham Ahmad und dem Ensemble „Staccato Burnout“ des Orchesters Bridges.

Eine Brücke schlagen

Jede Fotografie zeigt das Porträt eines Geflüchteten und doch ist es nicht die Idee, mit den Aufnahmen auch die Fluchtgeschichten zu erzählen. Im Mittelpunkt stehen Menschen – Menschen, die ein Teil von Frankfurt sind. Neue Stadtbewohner, wie der Titel der Ausstellung „New Citizens“ ausdrückt. Texte zu den Fotografien gibt es daher keine, aber einen Flyer, auf dem auf einer stilisierten Stadtkarte die Orte angegeben werden, an denen die Portraits zu sehen sind – jeweils versehen mit den Vornamen der Abgebildeten. „Jeder von ihnen könnte auch ein Frankfurter sein. Es sind Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Bildungsschichten – vom Handwerker bis zum Akademiker“, schildert Treusch.

Saloshanka fängt ihre Gesichter in einer besonderen Bildästhetik ein, die an die Tradition der klassischen Porträtmalerei vergangener Jahrhunderte erinnert. Die Köpfe leicht zur Seite gedreht und teils ein wenig geneigt, scheint es fast so, als schauen sie aus der Fotografie heraus in einen für den Betrachter nicht sichtbaren Raum. Der Künstler lenkt den Blick auf die Augen der Menschen, die in sich gekehrt und nachdenklich wirken. Die Aufnahmen vermitteln einen sehr persönlichen Moment, den sie von sich zeigen und den sie durch das Projekt mit der Öffentlichkeit teilen.

Wie ist die Idee hierzu entstanden? Vitus Saloshanka, der selbst seit 2010 in Frankfurt zu Hause ist, näherte sich den Porträtierten, die in der Wohnwagenunterkunft auf dem Rebstockgelände leben, langsam an. „Der Künstler ist nicht gleich auf die Menschen zugegangen, sondern hat erst einmal aus der Entfernung beobachtet“, erzählt Treusch. „Im vergangenen Sommer hat er mich angesprochen und mir von der Serie erzählt“, sagt Juliane von Herz.

Den beiden Kuratorinnen ist es wichtig, dieses Projekt im öffentlichen Raum zu präsentieren. „Es ist für uns eine wirkliche Herzensangelegenheit“, sagt Treusch. Beide haben Erfahrungen mit Kunstprojekten dieser Art. Mit „Rossmarkt hoch 3“ ließ von Herz bereits den gleichnamigen Platz in der Innenstadt durch namhafte Künstler wie Tomás Saraceno und Tamara Grcic bespielen. Aileen Treusch ist die Mitinitiatorin von „Poesie des Wohnens“, eines interdiziplinären Projekts, das im vergangenen Sommer ebenfalls am Roßmarkt organisiert wurde und sich mit der Frage auseinandersetzte, wie eine Gesellschaft künftig wohnen und leben möchte.

„Über Poesie des Wohnens habe ich Juliane kennengelernt. Sie hat mir von dem Künstler und seiner Serie erzählt“, sagt Treusch. So sei die Idee entstanden, gemeinsam ein Projekt für den öffentlichen Raum zu entwickeln.“ Die beiden nahmen Kontakt auf zu Projektentwicklern, zu Kirchen und zu privaten Hausbesitzern, stellten die Idee vor und stießen überwiegend auf positive Resonanz.

Zu den Ausstellungsorten gehören etwa die Fassaden der Matthäuskirche (Friedrich-Ebert-Anlage 33), der Dreifaltigkeitskirche (Funckstraße 16) und der Friedenskirche (Fischbacher Straße 2), außerdem das Literaturhaus (Schöne Aussicht 2), der WINX-Tower gegenüber des Schauspiel Frankfurts, das Haus Schweizer Straße 5 oder die Synagogengedenkstätte in der Friedberger Anlage.

Eine Herausforderung

„Ich denke, dass viele Menschen die Porträts registrieren und sich fragen, was es damit auf sich hat und sich dadurch auch damit auseinandersetzen“, sagt Treusch. Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren sei eine ganz andere Herausforderung als in einem Museum oder in einer Galerie. Die Stadt als Ausstellungsort bietet nach Ansicht der beiden Kuratorinnen viel politisches Potenzial. Es sei ein demokratischer Raum der Meinungsvielfalt, über den die Stadtgesellschaft samt Stadtpolitik befindet und entscheidet.

Begleitend zum Projekt gibt es ein umfangreiches Programm mit Vorträgen, Filmen und Diskussionen.

Weitere Infos hierzu unter im Internet.

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