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Clownshut, Kippa und Karossen: Frankfurts ungewöhnlichstes Purim-Fest

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Von: Sabine Schramek

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Auf einem roten Teppich bis ins Zelt durfte die Purim-Gäste am Ratsweg fahren. Dort erwarteten sie Clowns und Geschenke.
Auf einem roten Teppich bis ins Zelt durfte die Purim-Gäste am Ratsweg fahren. Dort erwarteten sie Clowns und Geschenke. © sauda

Ostend -Hohe weiße Zelte, ein schier endloser roter Teppich, fetzige Musik wie in der Disco und kunterbunte Kostüme locken Neugierige an. Der breite rote Teppich in den Zelten ist kein Fußweg, sondern eine Autostraße. "Herzlich willkommen" steht auf Hebräisch und Deutsch auf großen Bannern. "Purim Drive by" heißt es beim fröhlichsten jüdischen Fest.

Trillerpfeifen und Verkleidung

"Wegen Corona wollten wir das Fest nicht ausfallen lassen. Darum haben wir jetzt zum zweiten Mal ein neues Konzept", sagt Rabbiner Moshe Mendelson, der einen bunten Clownshut trägt und ausgelassen mit bunt verkleideten Kindern tanzt. Wer eine Trillerpfeife umhängen hat, pfeift im Takt, andere singen die fröhlichen Lieder auf Hebräisch mit.

"Ganz wichtig hier sind vier Bräuche", erklärt der lachende Rabbi und zeigt hinein in die Zeltstraße, in der Frauen und Kinder seit früh morgens Päckchen voller Süßigkeiten und Chips packen. "Mischloach Manot" heißt die erste "Mitzwa"- ("Pflicht")-Station auf der nachgebauten roten Autobahn mit der Nummer "18". "Weil Purim ein Fest der Einheit und Freundschaft ist, machen wir Freunden und Familien Geschenke und Essen. Die Geschenke sollen durch Dritte übergeben werden."

Batya (12) übergibt Kindern Minions zum Spielen und Erwachsenen Päckchen mit Süßigkeiten und Chips. Die Süßigkeiten werden sofort an die Kinder weiterverschenkt. An der zweiten Station stehen zwei große Kartons mit Schlitzen drin. "Hier macht man Geschenke für Bedürftige", so Rabbiner Mendelson. "Jeder gibt so viel wie er möchte. Bei uns ist es sehr wichtig, Wohltat zu lernen und anderen zu geben", erklärt er. Es duftet aus dampfenden Töpfen. "Die dritte Station ist die schwierigste. Eigentlich sitzen hier alle zusammen an einem Tisch und essen gemeinsam. Weil das nicht geht, verteilen wir Hot Dogs mit Pommes an die Kinder und den Chulent-Eintopf mit speziellem Brötchen als Festmahl an die Erwachsenen", sagt Mendelson, der die tanzenden Kinder der Chabad Gruppe beobachtet.

Er hilft ihnen in aufblasbare Kostüme. Ein Junge sieht plötzlich aus wie ein Clown im Handstand, andere verwandeln sich in pinkfarbene und knallrote Riesenfiguren mit krausen Perücken. Der DJ trägt Mäuseohren und hopst zwischen den Gemeindemitgliedern herum.

Lesung aus dem Buch Esther

Die letzte Station findet ohne Auto im Zelt statt. Mit Maske und Abstand sitzen die Besucher auf Stühlen und lauschen der Lesung der Megila. "Das Buch Esther" wird aus der Rolle zweimal auf Hebräisch vorgelesen. Es ist die Geschichte von Purim, die ursprünglich einen alles anderen als fröhlichen Hintergrund hat. Sie erzählt, wie Juden in biblischer Zeit mit List und Tücke einem Pogrom entgingen. Alle Juden im persischen Reich sollten vor 2500 Jahren vernichtet werden, doch die Ehefrau des persischen Königs Ahasveros, die schöne und kluge Esther, war selbst Jüdin. Mutig trat sie vor den König und outete sich, obwohl es auch ihr Todesurteil hätte sein können. Doch Ahasveros liebte sie so sehr, dass er ihr versprach, jeden Wunsch zu erfüllen. So wurden die Juden vor dem Tod bewahrt. Zweimal wird die Magila vorgetragen. Ohne Pause. Mit Rasseln und Sprechchören stimmen die Zuhörer ein. Nicht nur Besucher, die im Auto gekommen sind, sondern auch vier Frauen mit sechs Kindern, die gerade erst vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind. Die Kinder lächeln zum ersten Mal mit den Minions in der Hand. Die Mütter lauschen ernst. Ihre Gedanken sind in der Ukraine.

Ein Moment des Vergessens

Zu gern würden sie Purim mit ihren Männern in der Heimat feiern. Die fröhliche Stimmung und die bunten Kostüme der anderen Kinder lassen schließlich auch die traumatisierten Frauen ein paar Mal zaghaft lächeln. Die Herzlichkeit der Chabad-Mitglieder reißt sie mit. Rabbiner Zalman Gurevitch und Rabbiner Moshe Mendelson kümmern sich um die Kinder, damit sie wenigsten an Purim kurz auf schöne Gedanken kommen.

SABINE SCHRAMEK

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