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Neue Musik

Aus dem Computer zwitschern Vögel

Sie klingt nicht immer harmonisch. Manchmal hört sie sich wüst und bizarr an. Neue Musik ist ein Universum ganz eigener Art. Die Frankfurter Reihe „Shortcuts“ führt mitten hinein.

In den runden Mauern der KunstKultur-Kirche Allerheiligen im Frankfurter Ostend platzieren sich die drei Künstler des Abends, allesamt Studenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK). Anders als gewöhnlich in einem Konzert befinden sie sich hinter den im Halbkreis angeordneten Zuschauerreihen. Der Blick des Publikums geht nach vorn zum Altar, der unter der großen Kuppel der Kirche thront. Die Klänge kommen von hinten und entfalten sich in der offenen Akustik der Kirche: Am Anfang ist es ein wiederkehrendes Klopfen in dunklem Dröhnen. Es klingt, als würden sich die Wände bewegen. Dann zwischendrin eingeworfene Orgeltöne, Trommelschläge, Vogelgezwitscher und Geräusche, die sich fast ein wenig wie die Laserschwerter aus „Star Wars“ anhören.

In der Konzertreihe „Shortcuts“ präsentiert das Institut für Zeitgenössische Musik der HfMDK seit 2005 die Vielfalt Neuer Musik. Immer daran beteiligt sind Mitarbeiter oder Studenten der Hochschule. In der Kunst-KulturKirche oder den eigenen Räumen der Hochschule führen sie jeweils einmal im Monat Werke bekannter zeitgenössicher Komponisten wie György Ligeti, John Cage und Iannis Xenakis auf, aber auch eigene Kompositionen. So auch die Kompositionsstudenten Elias Schomers und Terje Sylvarnes und ihre Kommilitonin Hanyu Xiao – allesamt Teilnehmer des Seminars „Musik und Technologie“ an der HfMDK.

Über zwei Semester lotet das Seminar „das Spannungsfeld zwischen Mensch und Technologie“ aus, wie es im Vorlesungsverzeichnis der Hochschule heißt. So saßen die drei Studenten am Konzertabend auch nicht mit Instrumenten, sondern mit Laptop und Mischpult hinter dem Publikum. Im Fokus stand diesmal die Improvisation. Für Elias Schomers (26) war das nicht neu. In einer musikalischen Familie aufgewachsen – der Vater Musiklehrer, die Geschwister spielen alle ein Instrument – nahm Schomers bereits mit 9 Jahren Cellounterricht. Anfangs nicht ganz so begeistert, entwickelte sich die Zuneigung zum Cello dann aber, als er begann, im Orchester zu spielen, in dem er die klassische Musikausbildung aus dem Unterricht fortsetzen konnte. Fünf Jahre lang studierte er später in Frankfurt Cello.

Als Ausgleich dazu brachte er sich das Spiel auf Gitarre und E-Bass selbst bei und fing an, erste Songs zu schreiben. „Wenn man so etwas autodidaktisch lernt, muss man ganz viel ausprobieren. Da kommt man um das Improvisieren gar nicht herum“, sagt der 26-Jährige.

Auch an ihrem Konzertabend in der „Shortcuts“-Reihe wurde viel improvisiert. Festgelegt waren nur die ersten fünf Minuten des Abends. Was danach zu hören war, passierte spontan. „Natürlich haben wir vorher auch geprobt, geübt, uns die Einsätze zu geben zum Beispiel. Aber nur weil wir das so geübt haben, heißt es nicht, dass es am Ende auch so passieren muss. Die Entscheidung trifft man erst in dem Moment. Da ist es wichtig, auf die anderen zu reagieren und auch mit den anderen zu kommunizieren“, sagt Terje Sylvarnes.

Kommuikation spielte auch in Sylvarnes’ musikalischem Werdegang eine große Rolle: Weil der Vater Akustikgitarre spielte, wandte auch er sich zunächst der Gitarre zu. In einer Schule mit Schwerpunkt Musik in seinem Heimatland Norwegen lernte er weitere Instrumente und die klassische Ausbildung kennen. Schon in der Abiturzeit fing er an, eigene Stücke zu komponieren. Doch erst in einem Kompositions-Lehrgang an einer Volkshochschule lernte er, dass man mit Musik kommunizieren kann. „Hier habe ich einen ganz neuen Blick auf Musik bekommen und gelernt, dass ich mich durch Musik ausdrücken kann“, sagt Sylvarnes. In diesem Zusammenhang fand der 25-Jährige schließlich den Zugang zur Neuen Musik – einem seit Jahrzehnten lebendigen Genre, das aber noch immer als Nische wahrgenommen wird. Auf manche wirken die bisweilen bizarren Klänge jenseits des aus Klassik, Pop oder Rock Gewohnten sogar ein bisschen abschreckend. Man brauche schon etwas Hörerfahrung, um Neue Musik verstehen und mögen zu können, sagt Elias Schomers: „Ich habe den Eindruck, viele sind traumatisiert, weil sie etwa einmal ein Stück von Stockhausen gehört haben und es ganz schrecklich fanden. Aber Neue Musik ist so vielfältig. Es klingt nicht alles wie Stockhausen.“

Die

Vielfalt des Genres

machen auch die computergenerierten Klänge der drei Studenten deutlich. Dass manch einer sich fragt, ob solche Klänge überhaupt noch Musik seien, können Schomers und Sylvarnes nur schwer nachvollziehen. Natürlich habe die Neue Musik, die im 20. Jahrhundert aufkam, den geläufigen europäischen Musikbegriff in Frage gestellt. „Aber das gehört zur Musikgeschichte der vergangenen 70 Jahre“, sagt Elias Schomers. Musik bestehe nicht nur aus Akkorden, Tönen und Melodien. „Musik kann alles sein“, so Schomers.

Wichtig sei, sich die Werke nicht einfach nur anzuhören, sondern auch darüber zu sprechen: „Man muss oft einen Kontext herstellen, um diese Musik verstehen zu können“, erklärt sein Kommilitone Terje Sylvarnes. Aber dazu müsse man sich auf einen Dialog einlassen. Die „Shortcuts“ seien dafür der ideale Rahmen, findet Sylvarnes: „Das Format ist wirklich gut dafür, sich einfach mal auf so etwas einzulassen. Die dreißig Minuten, die dabei Musik gemacht wird, sind genau richtig.“ Vor allem aber seien die Komponisten oder Interpreten immer bereit, Fragen zu beantworten. „Man kann leicht mit ihnen ins Gespräch kommen“, so der Kompositionsstudent. Die Gelegenheit dazu bekommen Interessierte dieses Semester noch am heutigen Dienstag. Dank der Mischung, die von Konzert zu Konzert ganz verschiedenartige Werke präsentiere, könne man sich bei den „Shortcuts“ ein gutes Bild von der Vielfalt der Neuen Musik machen, wirbt Terje Sylvarnes.

Konzert-Info

Heute präsentieren Tobias Hagedorn und Richard Millig ab 19 Uhr live elektronische Musik zu Ulli Böhmelmanns Ausstellung „Schwarm“ in der Frankfurter Kunst-Kultur-Kirche Allerheiligen, Thüringer Straße 36.

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