Schiene, Straße und Schifffahrt verbindet der Trimodalport im Industriepark Höchst. Einem Joint Venture des internationalen Logistik-Dienstleisters Contargo mit dem Industrieparkbetreiber Infraserv gelingt es, den Hafen zum Fracht-Drehkreuz für die Region auszubauen.
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Schiene, Straße und Schifffahrt verbindet der Trimodalport im Industriepark Höchst. Einem Joint Venture des internationalen Logistik-Dienstleisters Contargo mit dem Industrieparkbetreiber Infraserv gelingt es, den Hafen zum Fracht-Drehkreuz für die Region auszubauen.

Wirtschaft

Container statt Kamele: Die neue Seidenstraße

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Über Industriepark und Osthafen neue Handelswege knüpfen

Frankfurt -Die Seidenstraße verband früher auf Karawanenpfaden Ostasien mit dem Mittelmeer. Kamelladungen von Seide, Gewürzen oder Porzellan kamen aus den unbekannten Ländern nach Europa; im Gegenzug wurden Gold, Edelsteine oder auch Glas exportiert. Immer war die Seidenstraße auch ein Weg des Wissens- und Kulturaustauschs. Als "Neue Seidenstraße" bezeichnet man hierzulande die gebündelten Projekte, die von der Volksrepublik China zum Ausbau internationaler Handels- und Infrastrukturnetze vorangetrieben werden. Ein wichtiger Knoten in diesen Netzen ist nun auch Frankfurt: An Ostern ist im Contargo-Terminal im Industriepark Höchst der erste Container-Zug aus China eingetroffen. Künftig sollen jeden Monat zwei kommen - 600 Meter lang, beladen mit Containern.

China ist heute die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Die Bedeutung Fernosts für globale Versorgung zeigt sich nicht nur, wenn dem Suezkanal ein Container-Gigant im Hals steckt und die ganze Weltwirtschaft würgt - die chinesische Ökonomie hat direkten Einfluss auf das Gefüge der gesamten Welt; globale Machtverhältnisse verschieben sich. "Vom Kindersitz bis zum Sportartikel" habe der erste Zug aus China alles an Konsumgütern transportiert, was man sich so vorstellen könne, sagt Kawus Khederzadeh, der Geschäftsführer der Contargo Industriepark Frankfurt-Höchst GmbH. Das Joint Venture des Industriepark-Betreibers Infraserv und des internationalen Logistik-Dienstleisters Contargo hat vor fünf Jahren den Trimodal-Port des Industrieparks übernommen. Trimodal (dreiwegig) heißt: Hafen, Schiene und Straße werden verknüpft. "Wir versuchen, mehr Lkw von der Straße zu holen", sagt Khederzadeh: Binnenschiff und Bahn sind die bevorzugten Transportmittel der "Hinterland-Terminals", wie es sie in Frankfurt im Industriepark und im Osthafen oder dann wieder in Gustavsburg, Koblenz, Mannheim oder Ludwigshafen gibt.

Erster Zug aus China

Hinterland ist nicht despektierlich; es heißt nur, dass diese Terminals nicht an Seehäfen wie Rotterdam oder Antwerpen liegen. Der erste Zug aus China mit Bestimmungsort Höchst hat für Frankfurt eine neue Dimension eröffnet: Die Seehäfen sind längst überlastet, nicht erst jetzt, wo sie mit den Folgen des Suez-Staus zu kämpfen haben; die Bahn ist "grüner" als der Überseetransport, von Lkw ganz zu schweigen. Knapp 20 Tage hat der Zug aus China gebraucht und rund 15 000 Kilometer zurückgelegt. Vom Industriepark Höchst aus sind die Güter "auf die letzte Meile" weiterverteilt worden, sprich: zum Empfänger. "Etwa 80 Prozent der Empfänger liegen in einem Radius von 100 Kilometern", sagt Khederzadeh. Auch wenn der Zug im Industriepark endet, heißt das nicht, dass die Fracht für Chemie- und Pharmaunternehmen bestimmt ist: Das Contargo-Terminal ist lediglich der "Hub", das logistische Drehkreuz.

Künftig sollen pro Monat zwei Züge aus China in Höchst eintreffen, einer aus Hunan, der andere aus Guangzhou, dem früheren Kanton. Am liebsten hätten sie bei Contargo gleich vier oder sechs. Denn Frankfurt muss aufholen: "In Duisburg kommen derzeit etwa 40 Züge die Woche aus China an", weiß Khederzadeh. Derzeit ist das Contargo-Gelände am südlichen Mainufer des Industrieparks rund 52 000 Quadratmeter groß, bietet Lagerfläche für 1800 Standard-Container (TEU). Zwei Portalkräne laden die Blechbüchsen zwischen Zug, Schiff und Lkw hin und her, zwei Container-Stapler sind außerdem im Einsatz. "Die wirtschaftliche Situation bedingt, dass wir erweitern müssen", sagt Khederzadeh. Er hofft, bis Ende des Jahres die Genehmigung für weitere 8000 Quadratmeter zu haben; dann soll ein dritter Portalkran dazukommen. Fünf bis sieben Binnenschiffe werden derzeit pro Woche in Höchst umgeschlagen, verbinden den Industriepark mit Antwerpen und Rotterdam. "Die Binnenschiffe haben 300 bis 350 Standardcontainer drauf, damit spart jedes Schiff etwa 150 Lkw ein", sagt Khederzadeh. Dazu kommen zwei oder drei wöchentliche Zugverbindungen in den größten Hafen Europas; vom Contargo-Terminal im Frankfurter Osthafen fährt ein wöchentlicher Zug nach Hamburg.

Mit einem Jahrestransportvolumen von 2,1 Millionen TEU gehört Contargo zu den großen Container-Logistik-Netzwerken in Europa. Ganz ohne Lkw geht es noch nicht. Um Emissionen zu sparen, hat Contargo für die als Verkehrsversuch mit Oberleitung versehene Darmstadt-Strecke auf der A 5 einen Lkw mit Stromabnehmer im Einsatz, betriebsintern liebevoll "die Tram" genannt, erzählt Khederzadeh - und grinst: "Gefahren wird er von Conny, einer Frau - um mal gegen alle Klischees zu verstoßen." Holger Vonhof

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