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Clubbetreiber über Corona-Regeln: „Die Akzeptanz sinkt“

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Von: Sebastian Richter

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Eine Diskokugel dreht sich in einem Club und reflektiert das einfallende Licht der Scheinwerfer und Lampen.
Wegen Corona kämpfen zahlreiche Clubs ums Überleben. Auch den „Ponyhof“ in Frankfurt hat die Pandemie schwer getroffen. (Symbolbild) © Britta Pedersen/dpa

Thomas Winterscheid betreibt den „Ponyhof“ im Frankfurter Partyviertel Alt-Sachsenhausen. Im Interview findet er klare Worte zur Corona-Politik.

Herr Winterscheid, wie fühlt man sich als Clubbetreiber in diesen Zeiten?

Man weiß aktuell nicht, was los ist. Wir sitzen auf der Warteposition. Jeden Augenblick könnte die Nachricht kommen, dass wir wieder öffnen dürfen. Wenn man uns als Betreibern klare Ansagen machen würde, dann könnten wir uns auch besser darauf einstellen.

Wie fühlt man sich als Clubbetreiber von der Politik behandelt?

Man hat das Gefühl, dass die Pandemiemaßnahmen mitunter auf unserem Rücken ausgetragen werden. Wieder sind wir es, die schließen müssen. Es nervt. Die Maßnahmen gelten nur punktuell. Warum wieder nur die Clubs? Warum machen wir nicht einfach alle zu? Warum kann eine Bar oder ein Fitnessstudio geöffnet sein, aber wir müssen schließen?

Ich glaube, dieses Gefühl hat auch die Bevölkerung. Man sah ja die nächste Corona-Welle auf uns zukommen, wir wurden vor Omikron gewarnt, warum gibt es wieder eine halbherzige Regelung? Es ist alles viel zu lasch, was wir machen. Die Politik sollte alle Bereiche für eine kurze Zeit komplett dicht machen, damit die Kurve schneller gebrochen wird.

Clubs in Zeiten von Corona: „Tage unter 2G-Plus waren eine Katastrophe“

Würden Sie sich also härtere Maßnahmen wünschen?

Jein, also definitiv gleichberechtigte Maßnahmen für alle und überall. Ich weiß nicht, ob es schöner wäre, wenn ich unter bestimmten Maßnahmen öffnen dürfte. Die getroffenen Maßnahmen sind entweder zu hart oder zu weich. Wenn zu lasche Regeln gelten, dann zögert das die Situation nur hinaus – und effektiv kostet das Menschenleben. Macht einen harten Lockdown, der tatsächlich eine Besserung bringt. Stattdessen dürfen zum Beispiel Bars öffnen. Und dann werden die Bars zu Clubs gemacht – das ist ja auch nicht der Sinn der Sache.

Was wäre Ihr Vorschlag für angemessene Maßnahmen in den Clubs?

Lasst den Clubbetrieb unter 2G laufen. Lasst die Schnelltest-Regelung weg. Das hat bei uns von Vorneherein nicht funktioniert. Denn auch diese Regel war für uns als eher kleinen Club nicht fair: Nicht jeder kann ein Zelt aus unterschiedlichen Gründen vor der Tür aufbauen. Ich verstehe, warum 2G-Plus gemacht wird, bei uns funktioniert das aber nicht. Diese Regelung ergibt aus meiner Sicht nur Sinn, wenn 2G-Plus überall eingeführt werden würde. Also auch in den Restaurants und so weiter. Denn wenn die Leute – egal was sie in der Öffentlichkeit machen – einen Test brauchen, dann kommen sie am Ende auch zu uns.

Zur Person

Thomas Winterscheid ist Betreiber des Clubs „Ponyhof“ in Alt-Sachsenhausen in Frankfurt. Der 41-Jährige hat ein weiteres Standbein als DJ und legt unter dem Namen Funktomas in Clubs und bei Partys auf.

Mehr Informationen: ponyhof-club.de und auf facebook.com/Ponyhofclub

Warum, glauben Sie, wird diese Regel nicht umgesetzt?

Da sich die Menschen jeden Tag testen lassen müssten, wäre das vermutlich schwierig zu realisieren. Aber ich fände diese Regel zumindest fair. Unter 2G konnten wir halbwegs arbeiten, die Tage unter 2G+ waren aber eine Katastrophe. Jeder Club, der eine Teststation vor der Tür hatte, hatte so gesehen einen Vorteil. Als kleiner Club haben wir keinen Platz dafür. Das ist eine Form der Wettbewerbsverzerrung. Denn wenn ich zum Club gehen und mich da direkt testen lassen kann, machen das die Meisten. Wir mussten viele abweisen, die keine Zeit für einen Test hatten, oder keinen mehr bekommen haben.

Club „Ponyhof“ in Frankfurt: Betreiber vermisst klare Ansagen von der Politik

Seit wann ist der Ponyhof jetzt wieder geschlossen?

Seit dem 03. Dezember. Wir haben damals nicht zu gemacht, weil wir unbedingt mussten und sonst bestraft werden würden – es waren einfach zu wenig Gäste da. Die Gäste sind effektiv nicht gekommen. Zu dem Zeitpunkt war es ja schon mit Ansage klar, dass Omikron unterwegs ist. Außerdem haben die ersten Clubs schon angefangen zu schließen. Wie schon beim ersten Lockdown kamen keine klaren Ansagen von der Politik. Wir wussten, dass ab dem Punkt, an dem man im Club eine Maske tragen und Abstand einhalten muss, niemand mehr kommen würde und sich das Öffnen erst Recht nicht lohnen würde.

Aber der Ponyhof dürfte selbst als Gastronomie öffnen? Also der Club zur Bar gemacht werden?

Theoretisch ja. Aber wir sind ein Club – Ende. Eine „ernsthafte“ Bar kann ich nicht einfach mal schnell machen, das ist ein ganz anderes Konzept. Und den Club als Bar zu tarnen, um dann doch Party zu machen, ist halt einfach illegal. Ich möchte, dass die Gäste den Ponyhof so sehen und antreffen, wie sie ihn kennen.

Halten Sie eine Schließung finanziell weiter durch?

Ich habe die Zeit genutzt und umgebaut. Also sehr viel Geld in den Ponyhof gesteckt, demnach werden wir auch weitermachen. Wir haben so lange darauf hingearbeitet, den Laden zum Laufen bringen, dass wir jetzt nicht das Handtuch werfen können. Außerdem ist das Ende der Pandemie ja absehbar.

Inwiefern?

Die Wissenschaft sagt, dass die Corona-Pandemie allmählich zur Endemie wird. Corona selbst werden wir nicht mehr los, das ist inzwischen klar. Aber es sieht so aus, als würde das Virus allmählich kontrollierbar werden. Omikron soll einen milderen Verlauf und weniger Tote verursachen – und schließlich tatsächlich so ähnlich wie die Grippe werden – wie gewisse Fraktionen ja schon lange behaupten. Also müssen wir jetzt lernen, mit dem Virus wieder „normal“ zu leben. Zumindest in unserer Region gibt es eine relativ hohe Impfquote, ich gehe davon aus, dass sich das Thema bei uns in ein bis zwei Jahren erledigt haben könnte.

Frankfurt: „Akzeptanz der vernünftigen Clubbetreiber sinkt“

Und wenn das nicht passiert? Wenn jeden Winter eine neue Welle kommt und der Ponyhof wieder schließen muss?

Die Akzeptanz der vernünftigen Clubbetreiber, damit meine ich auch meine eigene, sinkt so langsam. Der Kreislauf aus Öffnen und Schließen nervt natürlich sehr. Ich kann zwar so überleben, aber ich verdiene kein Geld. Als Selbstständiger müsste ich ansparen für meine Zukunft, aber unter den aktuellen Umständen ist das nicht möglich.

Was könnte die Politik besser machen?

Ich versuche Verständnis für die Aktionen der Politik zu haben. Aber was mich immer ärgert, dass das gleiche Verständnis nicht zurückkommt. Warme Worte helfen uns nicht weiter.

Welche Befürchtungen hat man als Clubbetreiber für die Zukunft?

Wichtig ist, dass die Überbrückungshilfen erhalten bleiben. Ich habe keine Lust auf eine haarkleine Abrechnung, sobald irgendwann die Normalität zurückkehrt. Man bekommt das Geld unter Vorbehalt, das hat man dann erstmal. Aber später wird dann geschaut, ob das auch gerechtfertigt war. Ich und wahrscheinlich andere Clubbetreiber befürchten, dass sobald die Maßnahmen der Corona-Pandemie beendet sind und das Thema aus den Medien verschwunden ist, dass dann die große Abrechnerei hinterher beginnt. Das muss nicht passieren, aber ich befürchte es. Mich würde es nicht überraschen. Dann könnten im Nachhinein Fragen gestellt werden wie: „Hätten Sie das wirklich gebraucht? Wäre das unbedingt nötig gewesen?“ Und dass dann Rückforderungen unter bestimmten Vorwänden gestellt werden.

Thomas Winterscheidt betreibt den Club „Ponyhof“ in Frankfurt – und ist auch als DJ tätig.
Thomas Winterscheidt betreibt den Club „Ponyhof“ in Frankfurt – und ist auch als DJ tätig. © Privat

Wie könnte das aussehen?

Gerade habe ich einen Installateur im Laden, der die Heizung wartet und repariert. So etwas wird zum Beispiel von den Überbrückungshilfen getragen. Jetzt befürchte ich, dass in zwei Jahren vom Amt dann die Frage kommt: „Hätten sie nicht einen günstigeren Handwerker finden können? Warum haben Sie nicht drei Angebote eingeholt usw.“ Dann muss ich rückblickend argumentieren und mich rechtfertigen und bleibe am Ende wegen solchen Dingen auf Kosten sitzen. Die Frage nach den drei Angeboten kann jeder schnell selbst ausprobieren: Versuch aktuell einmal, nächste Woche drei Heizungsleute für ein Angebot zu dir kommen zu lassen. Viel Spaß dabei. Ich bin froh, dass ich überhaupt wen gefunden habe, der Zeit hat, und kompetent dazu.

Nach Corona: „Ponyhof“ in Frankfurt muss „quasi bei null anfangen“

Wie hat sich der Kontakt zur Stammkundschaft in den letzten Monaten verändert?

Ich muss sagen, bei Beginn der Pandemie war es deutlich mehr. Den einen oder anderen habe ich schon gesprochen, aber mit der Zeit ist es weniger geworden.

Würden Sie sich härtere Kontrollen wünschen?

Ganz klar, ja. Ich bestehe darauf, dass die Corona-Regeln eingehalten werden und das auch kontrolliert wird. Denn ich halte mich daran. Es gibt sicherlich schwarze Schafe. Und am Ende sind wir die Leidtragenden, wir, die sich an die Regeln halten.

Sind Sie optimistisch für die Zukunft?

Ich bin so optimistisch, wie man das als Gastronom in diesen Zeiten sein kann. Ich weiß, dass die Pandemie früher oder später vorbei sein wird. Ich hoffe nur, dass die Leute dann wieder vor die Tür gehen. Da aber schon so viel Zeit vergangen ist, seit Ausbruch der Pandemie, werde ich den Laden wieder so öffnen müssen, als würde ich ganz neu beginnen. Ich fange quasi bei null an. Und das ist ziemlich frustrierend nach 12 Jahren erfolgreicher Arbeit. (Interview: Sebastian Richter)

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