Corona-Test
+
Negative Corona-Tests und doch alles andere als gesund. Eine Frankfurterin schildert ihre Erfahrungen mit Long-Covid.

Corona-Erkrankung

Wenn plötzlich nichts mehr geht: Frankfurterin wünscht sich mehr Aufklärung über Long-Covid

  • VonSabine Schramek
    schließen

Offiziell von Corona genesen und trotzdem so krank, dass (fast) nichts mehr geht. Susanne Harbrecht aus Frankfurt berichtet von ihren Erfahrungen mit Long-Covid.

Frakfurt-Sachsenhausen ‒ Autofahren geht nicht, Kochen geht nicht, Einkaufen geht nicht, Spazierengehen geht nicht. Lesen geht nicht. Arbeiten schon gar nicht. Sogar das Sprechen fällt schwer. Susanne Harbrecht hatte im März Corona. Offiziell ist sie längst genesen. Sich selbst und ihr Leben erkennt sie nicht wieder.

Als Corona kam, hatte Susanne Harbrecht (52) erst Halskratzen und Kopfweh. „Der erste Test war negativ. Aber nicht einmal starke Migräne-Tabletten haben geholfen“, erinnert sie sich. Der zweite und der dritte Test waren positiv. Schüttelfrost, Gliederschmerzen und so starke Kopfschmerzen, dass sie dachte, sie habe „Aliens im Kopf“. „Ich konnte nicht aufstehen, sprechen und auch kaum die Augen öffnen.“ Wie und wo sich die gebürtige Oberräderin, die in Sachsenhausen lebt, angesteckt hat, weiß sie nicht. „Wir haben seit einem Jahr Homeoffice und außer zum Einkaufen oder mal zum Spazierengehen, war ich nicht draußen“, sagt sie müde und frustriert.

Frankfurterin schildert Corona-Symptome: „Konzentration ist nicht möglich“ - Tests negativ

Die PR und Marketing Manager-Assistentin einer Fluggesellschaft wollte nicht ins Krankenhaus, obwohl es ihr sehr schlecht ging. Sie konnte nicht zum Hausarzt, telefonisch hat er ihr zu Ruhe und Schmerztabletten geraten. Anrufe beim ärztlichen Bereitschaftsdienst fielen ihr schwer. „Bis man durchkommt, muss man mindestens zehnmal anrufen. Das war so anstrengend.“ Nach Wochen ging es ihr ein bisschen besser. „Meine beiden Kinder (19 und 21) haben jede Stunde nach mir gesehen und Brote geschmiert. Beide hatten und haben kein Corona.“

Die Frankfurterin Susanne Harbrecht leidet an Long-Covid.

Harbrecht sollte zum PCR-Test und wusste nicht, wie. Ihr Sohn hat sie gefahren, weil sie zu schwach war. Der Test war negativ, ihr wurde bescheinigt, dass sie genesen sei. Die Symptome sind geblieben. „Man fühlt sich unendlich elend, allein und hilflos. Man hat furchtbare Angst“, sagt sie. Sie versuchte, im Homeoffice zu arbeiten. „Ich dachte, dass es gehen muss. Es ging immer.“ Aber schon nach kurzer Zeit konnte sie kaum reden oder schreiben. „Es ist, als habe man Watte im Kopf, Konzentration ist nicht möglich. Die Schlappheit kann man nicht beschreiben. “ Auch der Geschmacks- und Geruchssinn fehlen ihr nach der Corona-Erkrankung weiterhin.

Long-Covid nach Corona-Erkrankung: Alle ärztlichen Tests negativ - „Es ist ein Auf und Ab“

Alle Tests beim Arzt sind ohne Befund. Die Organe ebenso wie das Blut. „Long Covid“ heißt die Diagnose, die Patienten neurologisch angreift. „Es ist ein Auf und Ab. Mehr als eine Sache am Tag schaffe ich immer noch nicht. Entweder ich kann ein bisschen kochen oder Wäsche aufhängen. Dann gibt es Tage, da geht überhaupt nichts.“ Sie wagt es nicht einmal, spazieren zu gehen, weil sie dabei einschlafen könnte. „Bevor ich Corona bekam, war ich jeden Tag im Wald spazieren und habe die Rehe besucht. Das fehlt mir so.“ Schwindel, Gelenk- und Kopfschmerzen sind ständig dabei. Häufig auch Schmerzen in der Brust, „als ob ich erdrückt würde.“

Harbrecht hat per Mail Kontakt zur Long-Covid-Ambulanz an der Uniklinik in Frankfurt. Auch hier rät man ihr, Geduld zu haben. „Pacing“ zu lernen, also in den Grenzen zu bleiben, die ihr die Erkrankung momentan vorgibt. Wie lange, weiß niemand. „Ich verstehe das nicht. Ich war nie krank und habe immer gesagt, dass ich arbeite, solange ich den Kopf nicht unter dem Arm trage. Die Schübe jetzt sind unerträglich und beängstigend. Jeden Abend frage ich mich, wie es morgen wird. Ich bin mir selber völlig fremd.“ Manche Tage sind besser, aber kurz darauf übermannt sie wieder die Erschöpfung.

Jeder zehnte Corona-Patient leidet an Long-Covid: Frankfurterin wünscht sich Aufklärung

Schätzungen von Experten zufolge, leidet jeder zehnte Corona-Patient an Long-Covid. Das sind bei 3,7 Millionen Corona-Patienten 370.000 Männer, Frauen und Kinder, die wochen- oder monatelang unter bis zu 50 unterschiedlichen Symptomen leiden. Das macht auch Bundesforschungsministerin Anja Karliczek Sorgen. „Das Post-Covid-Syndrom besteht unabhängig davon, ob die Infektion im Einzelfall schwer oder mild verlaufen ist“ erklärte sie in Berlin. Forschung sei enorm wichtig. Daher werden fünf Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für die neue Richtlinie zur Förderung von Forschungsvorhaben zu Spätsymptomen von Covid-19 bereitgestellt.

Mit dem FNP-Newsletter bekommen Sie alle wichtigen Nachrichten aus Frankfurt direkt in Ihr Postfach.

Harbrecht findet Unterstützung bei Selbsthilfegruppen in den sozialen Netzwerken, in denen sich Menschen, denen es ähnlich geht, wie ihr, austauschen. „Ich will, dass darüber aufgeklärt wird, wie furchtbar nicht nur Corona, sondern auch die Spätfolgen sein können“, sagt Harbrecht, die sich nichts mehr wünscht, „als endlich wieder arbeiten zu können, sich mit einer Freundin zu treffen, im Wald spazieren zu gehen und nicht jeden Tag Angst zu haben, dass der nächste Tag wieder ein ganz schlechter Tag wird.“ (Sabine Schramek)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare