70.000 Deutsche zurückgeholt

Passagiere im Partyzelt abgefertigt: Lufthansa-Taskforce muss bei Corona-Rückholaktion kreativ werden

Eine Taskforce der Lufthansa arbeitet am Flughafen Frankfurt, um Deutsche nach Hause zu holen, die wegen der Corona-Krise im Ausland festsitzen. 

  • Viele deutsche Urlauber sitzen wegen der Corona-Pandemie* im Ausland fest
  • Eine Taskforce der Lufthansa kümmert sich um die Rückholaktion
  • Doch nicht überall läuft alles so glatt wie am Flughafen Frankfurt*

Frankfurt - Was momentan die größte Herausforderung sei? Da muss Karan Singh nicht lange überlegen. Eindeutig Fidschi, sagt er. Karan Singh arbeitet bei der Lufthansa Group in Frankfurt im Security Risk Management. Und er ist Teil einer Taskforce, also einer Arbeitsgruppe, die sich seit gut drei Wochen im Auftrag des Auswärtigen Amtes in Berlin darum kümmert, dass Deutsche, die wegen der Corona-Krise in aller Herren Länder festsitzen, zurückgeholt werden. In Frankfurt arbeiten rund acht Lufthansa-Mitarbeiter aus mehreren Fachbereichen daran mit, weltweit dürften es etwa 25 sein, schätzt der Sicherheitsexperte.

Wie schwierig ihre Aufgabe ist, lässt sich beim Blick auf die Weltkarte erahnen, vor der Karan Singh steht. Sie ist mit zahlreichen Punkten übersät: in Südamerika, im mittleren und südlichen Afrika, in Asien, Australien und Ozeanien. Alles Orte, in denen Menschen aus Deutschland gestrandet sind, vor allem Urlauber. Ein Punkt markiert auch die Fidschi-Inseln nördlich von Neuseeland. 

Gut 200 Deutsche warten dort sehnlichst auf eine Möglichkeit, wieder in ihre Heimat zu gelangen. Aber wie? Ein Nonstop-Flug über die mehr als 16.000 Kilometer ist ausgeschlossen. Also müssen Singh und seine Kollegen einen Flughafen für die Zwischenlandung finden. Die hawaiianische Hauptstadt Honolulu scheidet aus, denn die USA, zu denen Hawaii gehört, verweigern die Einreise. Ebenso Hongkong, weil dort der Transitbereich gesperrt ist, und die Insel Guam im West-Pazifik.

Taskforce der Lufthansa organisiert am Flughafen Frankfurt große Corona-Rückholaktion

Besser dran sind momentan die Deutschen, die noch in Neuseeland festsitzen. Für sie hat die Taskforce in dieser Woche zehn Flüge organisiert: fünf von Auckland und fünf von Christchurch. Auf den Philippinen, in Costa Rica, Argentinien und Peru starten in diesen Tagen ebenfalls Flugzeuge gen Deutschland.

Rund 70.000 Menschen haben Maschinen des Konzerns seit 13. März zurück nach Deutschland gebracht. „Eine super Mannschaftsleistung“, findet Karan Singh. Darunter war auch ein Mädchenchor aus Hamburg, der nach Streichung seines Rückflugs wegen der Corona-Pandemie in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku gestrandet war, erinnert sich Aldo Espinosa von der Flugbetriebsleitung der Lufthansa-Group, der ebenfalls bei der Taskforce ist. Ebenso Menschen, die man in Nordafrika, Mittelamerika oder Asien aufsammelte. Die Reaktionen sind dabei immer dieselben. „Sehr emotional“, sagt Espinosa, „die Leute sind so dankbar dafür, dass sie endlich wieder heimfliegen dürfen“. Oft fließen dabei Tränen der Erleichterung.

Das spornt auch die Flugzeug-Crews an, für die sich viele Freiwillige meldeten, sagt Karan Singh. Ebenso die Mitglieder der Taskforce. Obwohl sie bei ihrer Arbeit etliche Probleme zu bewältigen haben. Überflug- und Verkehrsrechte müssen binnen kürzester Zeit organisiert werden, auch Maschinen und Personal. Ganz zu schweigen von der Herausforderung, an einem Flugziel wie Windhuk oder Lima, das die Lufthansa* in den vergangenen Jahren gar nicht mehr angesteuert hat, Abfertigungsmöglichkeiten, Betankung der Flugzeuge und ähnliches zu sichern. 

Normalerweise, sagt Taskforce-Mitglied Matthias Hinze, habe man dafür einen Vorlauf von mehreren Monaten. Jetzt sind es zwei oder drei Tage. Das führt gelegentlich zu kuriosen Situationen. Etwa in der peruanischen Hauptstadt Lima, wo die Lufthansa-Maschinen auf den militärischen Teil des Flughafens verbannt wurden, ohne jegliche Infrastruktur. In ihrer Not wich die Lufthansa auf einen deutschen Club in der Nähe aus, so dass die Passagiere schließlich in Partyzelten auf einer Wiese abgefertigt wurden.

Corona-Taskforce der Lufthansa am Flughafen Frankfurt: Viele Länder schotten sich ab

Dazu kommen Flugrouten, die immer komplizierter werden, seit sich etliche Länder aus Angst vor der Corona-Pandemie abschotten. In Südafrika und Namibia dürften seit einigen Tagen nicht einmal mehr Crew-Mitglieder einreisen, sagt Karan Singh. Damit Piloten und Kabinenpersonal die dringend benötigten Ruhezeiten einhalten können, suchen die Taskforce-Mitarbeiter gerade fieberhaft nach Zwischenstopp-Möglichkeiten. Wieder einmal - wie im Fall der Gestrandeten auf Fidschi. 

Für die gibt es übrigens jetzt einen Hoffnungsschimmer: Die Fluglinie des Inselstaates könnte die Menschen ins australische Brisbane bringen, und dort wiederum könnte sie eine Lufthansa-Maschine aufnehmen, hofft Karan Singh. Ob das klappt, hängt auch vom Wetter ab: In Richtung Fidschi zieht nämlich gerade ein Zyklon. Und der, fürchtet der Sicherheitsexperte, wirft womöglich die mühsam ausgetüftelten Rückflugpläne wieder über den Haufen.

Von Brigitte Degelmann

Info: Die Rückholaktion der Bundesregierung

In einer gewaltigen Rückholaktion hat die Bundesregierung seit Mitte März rund 200.000 Deutsche, die wegen der Corona-Krise im Ausland festsaßen, mit Charterflügen wieder in ihre Heimat gebracht. Auch Maschinen der Lufthansa-Group, zu der neben dem Unternehmen noch Fluggesellschaften wie Swiss, Austrian Airlines und Eurowings gehören, sind dafür im Einsatz. Mehr als 70.000 Menschen hätten die Airlines seit 13. März geholt, sagt Lufthansa-Sprecherin Lara Matuschek - mit rund 360 Flügen aus 77 Städten in aller Welt. In den nächsten Wochen sollen mindestens 55 weitere Maschinen in Richtung Deutschland abheben. Dafür müsse kein Passagier in finanzielle Vorleistung treten, teilt das Auswärtige Amt mit: „Allerdings werden die Betroffenen einen im Konsulargesetz festgeschriebenen Anteil der Kosten tragen müssen.“

Alle Informationen zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Flughafen Frankfurt* finden Sie in unserem News-Ticker. In einem weiteren Ticker informieren wir über das Coronavirus in Frankfurt*.

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