Victor Oswalt von der Initiative Clubs am Main im menschenleeren Club: „Die Stimmung ist schlecht!“
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Victor Oswalt von der Initiative Clubs am Main im menschenleeren Club: „Die Stimmung ist schlecht!“

Pandemie

„Wir sind bereit“: Nachtclubs in Frankfurt fiebern Lockerungen entgegen

  • Sandra Kathe
    VonSandra Kathe
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Clubbetreiber in ganz Deutschland sind nach über einem Jahr Corona-Pandemie in Sorge um ihre Zukunft, da macht das Frankfurter Nachtleben keine Ausnahme. Einige Betreiber geben nun einen Ausblick.

Frankfurt – „Der Gürtel ist so eng wie möglich geschnallt“, so bringen die Betreiber der Live-Musik-Location „Das Bett“ ihre aktuelle Überlebensstrategie in der Corona-Pandemie in wenigen Worten auf den Punkt. So eng wie möglich, das bedeutet im Fall vieler Clubs gerade dasselbe, wie eine Befragung des Online-Magazins Jetzt.de der Süddeutschen Zeitung ergeben hat: Kurzarbeitergeld, Überbrückungshilfen, Fixkostenminimierung. Was im Kampf ums Überleben noch dazugehört, sind eine große Portion Optimismus und kreative Energie.

Denn manch ein Club, darunter auch „Das Bett“ in Frankfurt, lässt sich in der Not etwas Besonderes einfallen: Hier gibt es neuerdings die #BleibimBett-Rooftop-Sessions von der eigenen Dachterrasse. „Wir steigen mit unseren Bands aufs Dach und präsentieren euch jeden Mittwoch energetische Tanzmusik vor der Skyline Frankfurts“, so die Veranstalter. Wer virtuell dabei sein will, könne sich ein Streaming-Ticket für zehn Euro kaufen und aus dem eigenen Bett oder von wo auch immer zuschauen.

Frankfurter Clubszene: Als Metropole mit Zukunft braucht Frankfurt sein Nachtleben

Neben dem Live-Musik-Club im Gallus geben sich auch das „Gibson“ auf der Zeil, der „Ponyhof“ in Alt-Sachsenhausen, „Silbergold“ und „Freud“ in der Innenstadt sowie der Offenbacher Kultclub „Robert Johnson“ in der Umfrage des Onlinemagazins verhalten optimistisch, dass sie die coronabedingte Zwangspause irgendwie überstehen werden. Die Betreiber des „Freud“, einem Electro-Club im Holzgraben, betonen jedoch wie wichtig neben Bundeshilfen und städtische Unterstützung für die Betreiber sind. An Berlin könne man sehen, wie viel die Clubszene einer Stadt zu Attraktivität in Sachen Work-Life-Balance und Tourismus beitrage: „Eine moderne Stadt braucht Nightlife und die dazugehörigen Clubs, wenn sie heutzutage eine Metropole mit Zukunft sein möchte“, so die Betreiber des „Freud“.

Die Betreiber des „Gibson“ betonten in der Umfrage außerdem, wie wichtig es sei, dass der Neustart komme, bevor „über viele Jahre aufgebaute Strukturen und Know-How für immer verloren gehen“. Die Herausforderung für die Branche werde sein, „den Re-Start als Neubeginn zu verstehen; verbunden mit neuen Mitarbeitern, einem neuen Klientel und vielleicht auch neuen Gewohnheiten.“ Dazu sei man auch auf die Mithilfe der Frankfurter Stadtpolitik angewiesen, fügen die Macher des Musikclubs „Ponyhof“ in Sachsenhausen hinzu: „Wir haben allerdings mehr Angst, dass die Ausgehkultur nach Corona nicht mehr dieselbe sein wird, dass man in Vergessenheit gerät oder dass eben die Zeit genutzt wird, um mit behördlichen Mitteln unser Leben noch schwerer zu gestalten“. In der Stadt werde aktuell eine Vorverlegung der Sperrstunde von 5.00 auf 3.00 oder sogar 1.00 Uhr nachts diskutiert, die den Clubs massiv schaden könnte.

Frankfurter Clubszene: Die Stimmung ist schlecht, die Zukunftsaussichten ungewiss

Die optimistischen Stimmen sollen aber nicht über die extrem schwierige Gesamtsituation der Clubszene hinwegtäuschen, die auch in Frankfurt bereits Opfer gefordert hat: „Die Stimmung ist schlecht, am schlimmsten ist die fehlende Perspektive: Natürlich blicken wir auf den Sommer und sinkende Inzidenzen, aber es ist gar nicht klar, was wann stattfinden kann“, sagt Victor Oswalt von der Initiative „Clubs am Main“, die die Interessen von etwa 30 Clubs in Frankfurt und Umgebung vertritt.

Von der Politik wünscht er sich vor allem mehr Flexibilität und Unterstützung: Außenbereiche müssten abends länger geöffnet sein. „Wir brauchen Flächen, wo bis zwei, drei Uhr eine Musikbeschallung möglich ist“, sagt er. Und: „Die Leute haben das Bedürfnis zu feiern. Wenn wir keine Angebote schaffen, drängen wir sie in illegale Bereiche oder es kommt zu Szenen wie im letzten Jahr auf dem Frankfurter Opernplatz.“ Angesichts geschlossener Clubs und Diskotheken hatte sich der Opernplatz vergangen Sommer zu einer Partyzone unter freiem Himmel entwickelt. Es kam auch zu heftigen Krawallen, bei denen in einer Juli-Nacht Polizeibeamte und ihre Fahrzeuge angegriffen wurden.

Kreative Clubszene: Frankfurter Batschkapp will schnellstmöglich den Sommergarten starten

Ralf Scheffler, der seit über 40 Jahren die Frankfurter „Batschkapp“ betreibt, ist angesichts des mehr als einjährigen Stillstands etwas ratlos. „Ich habe mir abgewöhnt, einen Hoffnungsschimmer zu haben“, sagt er trocken. „Die Politik ist immer wieder für Überraschungen gut. Und macht lustige Dinge, die wir weniger lustig finden.“

Die „Batschkapp“ könne noch ein bisschen durchhalten: „Wir werden dieses Jahr auch noch überstehen, selbst wenn gar nichts mehr passiert. Danach wird es allerdings eng. Nicht nur finanziell, sondern weil ich mich auch fragen würde: Was soll das Ganze?“, sagt Scheffler. Wie schon im letzten Corona-Sommer soll es auch in diesem Jahr vor der „Batschkapp“ wieder einen Sommergarten mit Bühne und Ausschank geben – sofern dieser genehmigt wird.

Frankfurter Clubs mit Blick nach England: „Wir sind bereit!“

In einem anderen Teil Europas ist man schon einen großen Schritt weiter. So hat manch ein Clubbetreiber zuletzt sicher neidisch nach Liverpool geblickt: Dort tanzten am ersten Mai-Wochenende Tausende Menschen indoor zu wummernden Bässen und blinkenden Scheinwerfern. Die Besucher, die vor und wenige Tage nach dem Event auf Corona getestet wurden, sind Teil eines Pilotprojekts, mit dem erforscht werden soll, wie Großveranstaltungen in Zeiten der abflauenden Pandemie wieder stattfinden können. „Wir schauen mit großem Interesse auf solche Projekte und wünschen, dass wir auch bald Vergleichbares durchführen können“, sagt Oswalt. „Wir sind auf jeden Fall bereit.“ (Sandra Kathe mit dpa)

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