Ein Arzt kümmert sich auf einer Intensivstation in Bayern um einen Corona-Patienten: Auch in Südhessen spitzt sich die Lage zu.
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Ein Arzt kümmert sich auf einer Intensivstation in Bayern um einen Corona-Patienten: Auch in Südhessen spitzt sich die Lage zu.

Corona-Pandemie

Frankfurter Klinikchef befürwortet Impfpflicht: „Die Situation ist äußerst kritisch“

  • Isabel Wetzel
    VonIsabel Wetzel
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Die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich zu. Der Direktor der Uniklinik Frankfurt fordert strenge Kontaktbeschränkungen – und eine Corona-Impfpflicht.

Frankfurt – Die Corona-Situation in Frankfurt ist angespannt. Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Mainmetropole liegt bereits seit einigen Tagen wieder über dem Wert von 300, am Samstag (20.11.2021) bei 323,6. Doch die Inzidenz ist nicht mehr der einzige Indikator für die Einschätzung des Infektionsgeschehens. Die Hospitalisierungsinzidenz, also die Zahl der Corona-Patienten, die innerhalb der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, ist ein zweiter wichtiger Faktor. Dieser liegt in Hessen aktuell bei 4,81. Die erste Warnstufe ist ab einem Wert von 3 erreicht, die zweite ab einem Wert von 6.

Doch auch wenn der Wert noch nicht so dramatisch aussieht, spitzt sich die Lage auf den Frankfurter Intensivstationen nach Aussage des Direktors des Frankfurter Universitätsklinikums deutlich zu. „Die Situation ist äußert kritisch“, sagte Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor der Uniklinik. Graf leitet außerdem den Planungsstab für die stationäre Versorgung der Covid-Patienten in Hessen. „Was wir aktuell machen, ist Krisenmanagement.“

Corona-Krise: Weg zur richtigen Behandlung wird länger für Patienten

Graf erklärt weiter: „Das ist kein Problem der Covid-Patienten, das betrifft alle.“ Die stationäre Versorgung und die Betreuung von Notfällen sei bereits jetzt „beeinträchtigt“. Für Patientinnen und Patienten dauere es immer länger, bis sie an der richtigen Stelle die richtige Behandlung bekämen. Besonders stark belastet seien die Versorgungsregionen Südhessen und Frankfurt/Offenbach. Aktuell sei es in Hessen noch nicht so dramatisch wie zum Beispiel in Bayern, wo Patienten bereits nach Italien verlegt werden müssten. Aber die Lage spitze sich auch hier deutlich zu.

Aus diesem Grund hat der Corona-Krisenstab des Landes Hessen auch bereits eine weitere Verschärfung der Corona-Regeln beschlossen. Diese sehen vor allem eine Ausweitung der sogenannten 2G-Regel vor. Das bedeutet, dass in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nur noch Geimpfte und Genesene zugelassen werden.

Kritische Corona-Lage in Frankfurt: Pflegekräfte sind „ausgebrannt, frustriert, desillusioniert“

Knapp ein Prozent der Neuinfektionsfälle lande auf der Intensivstation, rechnete Graf vor. „Das wären bei den aktuellen Infektionszahlen 50 oder mehr Patienten pro Woche zusätzlich zu den heute schon rund 250 dort behandelten Patienten. Dann sind wir in einigen Wochen deutlich über dem Höchstwert des letzten Winters.“ Im vergangenen Winter mussten in Hessen zu Spitzenzeiten 575 Covid-19-Intensivpatienten versorgt werden.

Ursache der erneuten Zuspitzung sei die zu hohe Zahl der Ungeimpften, ein nachlassender Corona-Impfschutz bei Geimpften und die höhere Ansteckungsrate der Delta-Variante, sagte Graf. Verschärft werde die Situation dadurch, dass deutschlandweit bis zu 30 Prozent weniger Intensivbetten vorhanden seien als im vergangenen Winter. Ursache dafür ist laut Graf vor allem, dass Pflegekräfte fehlen. Diese seien in Folge der monatelangen Dauerbelastung „ausgebrannt, frustriert, desillusioniert“*.

Vierte Corona-Welle bremsen: Frankfurter Klinikchef für allgemeine Impfpflicht

Ob die Politik effektiv gegensteuern könne, ist für Graf fraglich: „Der Bremsweg ist lang.“ Die einzige Möglichkeit sei derzeit, die Impfungen so schnell wie möglich aufzufrischen und sofort Kontaktbeschränkungen zu erlassen. Weihnachtsmärkte und Großveranstaltungen müssten abgesagt werden. Graf sprach sich auch für eine allgemeine Impfpflicht aus, wie sie beispielsweise auch für Masern gelte, bei denen die Sterblichkeit deutlich niedriger sei. (iwe/dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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