Hessen erstattet Gebühren

Kitas in Frankfurt während Corona: Eltern sind verzweifelt – Scharfe Kritik am Land Hessen

  • vonSarah Bernhard
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Die Situation in den Kitas in Frankfurt ist wegen Corona angespannt. Eltern fühlen sich alleine gelassen. Das Land Hessen will Gebühren nun teilweise erstatten.

Frankfurt – Sandra Müller ist wütend. Und ziemlich verzweifelt. Die alleinerziehende Mutter, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, arbeitet in Teilzeit als Ärztin in einem Frankfurter Krankenhaus. Ihre Schicht beginnt um 8 Uhr - doch die Kita ihrer vierjährigen Tochter öffnet nun erst um 9 Uhr. "Ohne zusätzliche Fremdbetreuung ist es mir nicht mehr möglich, meinen Arbeitsvertrag zu erfüllen - und das in einem in dieser Situation sehr wichtigen Beruf", klagt sie. Ihre Stundenzahl weiter zu verringern, sei ob des teuren Lebens in Frankfurt ebenfalls keine Option.

Die Entscheidung von Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD), die Betreuungszeiten für Kitas pauschal auf sieben Stunden pro Tag zu kürzen, kann sie deshalb so gar nicht nachvollziehen. "Wie soll das denn zu einer Kontaktreduktion führen?"

Kitas in Frankfurt: Corona-Regeln sorgen für verkürzte Öffnungszeiten

Weber kann die Sorgen der jungen Mutter nachvollziehen: Die Öffnungszeiten zu verkürzen, "fällt uns allen unendlich schwer". Doch sie sagt auch: "Aktuell sieht es nicht danach aus, dass wir den Vorgaben des Infektionsschutzes anders Rechnung tragen können." Und der Infektionsschutz sei nach wie vor die Voraussetzung dafür, dass die Einrichtungen geöffnet bleiben* - und damit überhaupt Betreuung stattfindet.

Wer seine Kinder nicht in die Kita bringt, soll nun einen Teil der Beiträge vom Land zurückerhalten.

Im Übrigen seien die verkürzten Zeiten ausdrücklich auch von den Trägern gewünscht: Einerseits, weil sie Betreuer, die zu einer Risikogruppe gehören, schützen wollen, so dass weniger Personal zur Verfügung stehe. Andererseits, weil die neuen Regelungen verbieten, dass Erzieher zwischen Gruppen wechseln. Jede Gruppe braucht nun eigene Betreuer, so dass eigentlich mehr Personal nötig wäre. Die Lösung: die Betreuungszeit morgens oder nachmittags zu kürzen. Nur bei Horten fällt die Stunde grundsätzlich morgens weg.

Kitas in Frankfurt: Familien während Corona „alleine gelassen“

Sandra Müller sieht darin nicht das einzige Problem. "Warum wird es den Eltern selbst überlassen zu entscheiden, wer eine Betreuung braucht? Warum werden systemrelevante Berufe nicht benannt?" Bildungsdezernentin Weber schlägt in dieselbe Kerbe. Wieder einmal würden die Familien vom Land Hessen "alleine gelassen, und, schlimmer noch, die Solidarität unter den Familien bricht weg, da alle das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen, welche Entscheidung sie für ihr Kind auch treffen".

Die Begründung für dieses Vorgehen kommt direkt von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Im ersten Lockdown habe man systemrelevante Gruppen definiert, damit aber "überhaupt keine guten Erfahrungen gemacht": Fast täglich habe er Briefe von Berufsgruppen bekommen, die sich ebenfalls als systemrelevant empfanden, am Schluss sei eher die Frage gewesen, wer eigentlich nicht systemrelevant sei. Deshalb appelliere das Land nun an die Vernunft der Menschen: "Wann immer es geht, lasst die Kinder zu Hause." Erst, wenn alle privaten Möglichkeiten ausgeschöpft seien, solle die Kita-Betreuung in Anspruch genommen werden.

Kitas in Frankfurt in der Corona-Pandemie: Land Hessen will Beitrag zur Hälfte erstatten

Weber geht mit ihrer Kritik jedoch noch weiter: "Wer Eltern ermutigen will, ihr Kind zu Hause zu lassen, muss mindestens eine Entgeltfreiheit anbieten, wenn es ein glaubwürdiges Angebot sein soll." In anderen Bundesländern sei dies längst beschlossen.

Und das Land Hessen reagiert. "Wenn keine Betreuung in der Kita erfolgt, ist es richtig, dafür auch keine Beiträge zu erheben", heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung von Finanz- und Sozialministerium. "Das Land unterstützt Familien und Kommunen daher mit zwölf Millionen Euro pro Monat, um diese Beiträge auszugleichen". Und zwar, indem es die Elternbeiträge für die Betreuung der Kinder zur Hälfte ausgleicht. Das Geld soll aus dem Kommunalpakt kommen, der im November vergangenen Jahres geschaffen wurde, um flexibel auf die Anforderungen der Corona-Krise reagieren zu können.

Sozialdezernat Frankfurt erwartet volle Erstattung der Kita-Beiträge

Das Sozialdezernat reagiert auf diese Nachricht eher verhalten. "Wir werden das jetzt prüfen", sagt Jan Pasternack, Referent im Integrations- und Bildungsdezernat. "Aber eigentlich haben wir schon die Erwartung, dass das Land die Vollkosten erstattet."

Bei der Überbrückung der einstündigen Betreuungslücke hilft Sandra Müller ein Beitragsersatz sowieso wenig. "Ich fühle mich in diesem Bezug sowohl von der Stadt Frankfurt als auch von der Landesregierung völlig im Regen stehen gelassen." (Sarah Bernhard) *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/dpa-Zentral

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