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Frankfurter Klinik-Direktor wünscht sich „Paradigmenwechsel“ bei Corona-Maßnahmen

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Von: Florian Dörr

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Ein Intensivpfleger kümmert sich an der Uniklinik in Gießen um einen Corona-Patienten: Die Intensivstationen in Hessen laufen langsam voll.
Der Ärztliche Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums spricht sich für eine Neubewertung der Corona-Maßnahmen aus. (Symbolbild) © Boris Roessler/dpa

Die Corona-Lage hat sich mit Omikron deutlich verändert. Der Ärztliche Direktor der Uniklinik Frankfurt fordert daher eine Neubewertung der Maßnahmen.

Frankfurt – Die Omikron-Welle hat Deutschland fest im Griff. Doch während die Inzidenzen zuletzt immer neue Rekordwerte erreichten, schossen die Todeszahlen, die mit einer Corona-Infektion in Verbindung gebracht werden, weniger stark nach oben. Auch vor diesem Hintergrund wirbt der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt, Jürgen Graf, für einen „Paradigmenwechsel“ im Umgang mit Corona.

Konkret hat der Experte unter anderem die Teststrategie im Auge. Nicht nur sei das anlasslose, wiederholte Testen symptomfreier Menschen „vergleichsweise unüblich“ in der Medizin. Graf stellt vielmehr die Frage: „Wofür testen wir eigentlich?“ Übergeordnetes Ziel der Corona-Tests müsse nun sein, gezielt vulnerable Gruppen vor Infektionen zu schützen.

Die Ursprungsidee, Infektionsketten zu unterbrechen – das sei angesichts der aktuellen Verbreitung der Omikron-Variante nicht mehr möglich. Auch das „Freitesten“ nach einer Infektion funktioniere bei Omikron nicht mehr so gut: Der CT-Wert könne noch lange Zeit nach Abklingen der Symptome hoch sein. Die Frage müsse vor diesen Hintergründen mit Blick auf eine neue Teststrategie lauten: „Wen wollen wir testen?“

Corona in Frankfurt: Was gegen Delta geholfen hat, muss bei Omikron nicht funktionieren

Ähnlich wie bei den Corona-Tests hält der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Frankfurt auch bei der Impfpflicht eine Neubewertung der Lage für nötig: Gegen die Delta-Variante hätte eine Impfpflicht „einen echten Segen“ gebracht – mit Omikron habe sich die Sachlage möglicherweise geändert: „Eine Ausrottung des Virus durch Impfung erscheint nicht möglich, auch Geimpfte infizieren sich und übertragen das Virus.“ Die Umsetzung einer generellen Impfpflicht sieht Graf zum gegenwärtigen Zeitpunkt kritisch: „Wenn die Fakten sich ändern, müssen wir auch unsere Meinung ändern können.“

Dennoch sei Impfen die wichtigste Einzelmaßnahme – aus persönlicher wie aus gesellschaftlicher Sicht – gegen Corona. Die Impfung reduziere das Risiko von schwerer Erkrankung und Tod und senke die Wahrscheinlichkeit der Infektion und Übertragung.

Teststrategie und Corona-Impfpflicht in der Diskussion

Letztlich habe sich die Situation mit dem Aufkommen der Omikron-Variante im Vergleich zur Delta-Lage grundlegend geändert: „Die eingeschwungenen Maßnahmen aus den ersten Wellen greifen offensichtlich nicht mehr“, diagnostiziert Graf. Nun müsse neu bewertet werden: Welche Einschränkungen sind sinnvoll?

Und: Die Gesellschaft müsse einen Ausgleich finden zwischen dem Schutz des Einzelnen und dem Preis, den alle dafür zu zahlen bereit sind. Auch mit Blick auf die weitere Zukunft: Das Virus könne nach gegenwärtiger Kenntnis nicht ausgerottet werden: Auch ein hundertprozentiger Gesundheitsschutz aller sei nicht möglich: „Infektionserkrankungen bringen Krankheit, Leid und Tod mit sich, das war vor Corona beispielsweise für Influenza gesellschaftlich akzeptiert“, sagt Graf mit Blick auf durchschnittlich 20.000 Influenza-Tote in den Jahren vor Corona.

Erst vor wenigen Tagen hatte sich Graf zu Corona-Zufallsbefunden bei Patienten geäußert. Die Unterscheidung zwischen „mit oder wegen Corona im Krankenhaus“ sei gar nicht so einfach. (dpa/fd)

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