Eine Platte mit Corona-Tests wird in einem Labor in Frankfurt vertauscht. Das gesundheitsamt ordnet fälschlicherweise Quarantäne an.
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Eine Platte mit Corona-Tests wird in einem Labor in Frankfurt vertauscht. Das gesundheitsamt ordnet fälschlicherweise Quarantäne an.

Verwechslung mit Folgen

Quarantäne ohne Corona: Frankfurter Labor ordnet dutzende Tests falsch zu

  • Sarah Bernhard
    VonSarah Bernhard
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  • Sebastian Richter
    Sebastian Richter
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Durch einen Fehler in einem Labor in Frankfurt werden rund 30 Corona-Tests falsch zugeordnet. Das Gesundheitsamt ordnet Quarantäne an – mit schweren Folgen.

Update vom Samstag, 30.10.2021, 16.55 Uhr: Im Fall der vertauschten Corona-Proben in einem Frankfurter Labor hat sich eine zweite Betroffene gemeldet. Auch ihr wurde fälschlicherweise ein positives Ergebnis zugeordnet. In ihrem Fall fiel durch die Verwechslung sogar ein Urlaub ins Wasser.

Simone Breuer (Name von der Redaktion geändert) macht am selben Tag wie Thorsten Reinhart (siehe Erstmeldung unten) einen PCR-Test. Symptome hat sie keine, doch zwei Tage zuvor ist ihr Partner positiv getestet worden. Sie ist nervös, obwohl sie sofort auf seine Couch gezogen ist, während er das Schlafzimmer nicht mehr verlassen hat: Ihre Mutter ist Risikopatientin, zudem wohnen die Großeltern im Haus. Bevor sie wieder nach Hause fährt, will sie sichergehen, dass sie nicht infiziert ist.

Frankfurt: Ausgefallener Urlaub wegen vertauschter Corona-Tests

Am Abend bekommt sie das Ergebnis: Corona. „Ich war geschockt! Ich bin zweimal geimpft, wir hatten räumliche Trennung, ich hatte keine Symptome, wie konnte das sein?“ Nach kurzem Überlegen fällt sie ihrem Freund in die Arme, zieht zurück ins Schlafzimmer, die beiden kochen zusammen, küssen sich. „Ich dachte ja, ich kann mich nicht mehr anstecken.“

Simone Breuer telefoniert mit der Fluggesellschaft, bei der sie mit ihrer besten Freundin für den Samstag einen Flug nach Athen gebucht hatte. „Wir hatten ein tolles Hotel, mit Rooftop-Pool und Blick über Athen.“ Doch daraus wird nun nichts. Anders als Reinhart bekommt sie keinen Anruf vom Labor.

Erst als sie am Dienstag, fünf Tage nach dem ersten PCR-Test, wieder zu ihrer Ärztin geht, um sich „freizutesten“, erfährt sie vom Fehler. „Mir ist die Farbe aus dem Gesicht gewichen.“ Zwar habe die Praxis bereits am Tag nach dem Test vom Irrtum erfahren. Doch sei man mit dem Labor so verblieben, dass es sich selbst bei den Betroffenen melde.

Corona-Proben im Labor vertauscht: Frankfurter Labor entschuldigt sich

Mittlerweile habe sich das Labor entschuldigt, sagt Breuer. Doch das reicht ihr nicht. Zwar hat ein weiterer PCR-Test gezeigt, dass sie sich nicht angesteckt hat. „Aber durch den Fehler habe ich mich diesem potenziell tödlichen Virus ausgesetzt!“ Auch Breuer macht sich Sorgen, dass eine mit corona-infizierte Person mit einem negativen Testergebnis unterwegs war und andere Angesteckt haben könnte. Vielleicht war die Person am Wochenende feiern, sagt Breuer.

Auch sie überlegt sich wie Reinhart, rechtliche Schritte einzuleiten. Durch die Anordnung der Quarantäne durch das Gesundheitsamt bestehe zunächst ein Anspruch auf Entschädigung gegenüber dem Land Hessen, erklärt das Frankfurter Gesundheitsamt. Gegebenenfalls müsse sich das Labor mit dem Land Hessen einigen. Und weiter: Eine solche Verwechslung passiere, sei sehr selten. „Dies ist der erste Fall in diesem Jahr.“

In einem Labor in Frankfurt wurden Platten mit Corona-Tests vertauscht. Das kann für die Betroffenen weitreichende Folgen haben.

Fehler im Labor: Dutzende Corona-Tests falsch zugeordnet

Erstmeldung vom 22.10.2021, 14.34 Uhr: Frankfurt – Diagnose: Corona-Infektion. Und sofort ordnet das Gesundheitsamt die Quarantäne an. Das gilt sogar für vollständig Geimpfte, denn auch sie können die Krankheit weiter verbreiten. Neben den Selbst- und Schnelltests wird dann stets der sogenannte PCR-Test zum Nachweis angeführt. Er gilt in der Medizin und Forschung als „Gold-Standard“, also als untrüglicher Nachweis für die Erkrankung und kann sogar die Stärke der Infektiösität anzeigen. Wem der PCR-Test die Krankheit nachweist, der hat sie. Daran gibt es keinen Zweifel, heißt es. Dass jedoch selbst beim PCR-Test Fehler unterlaufen können, zeigt ein aktueller Fall aus Frankfurt*.

Mit leichten Erkältungssymptomen ging Thorsten Reinhart (Name von der Redaktion geändert) am Mittwochvormittag (20.10.2021) zu seiner Hausärztin. Rotznase, Halsschmerzen, Ohr etwas taub – schon seit Wochen zog sich das für ihn in die Länge, wie es im Herbst vielen ergeht. Der Patient bekam Schnupfenspray und Kopfschmerztabletten verordnet und sollte viel Trinken – das Übliche. In wenigen Tagen sei alles wieder vorüber und für Reinhart war die medizinische Begutachtung damit auch schon erledigt, so die Hausärztin. Routinemäßig testete die Hausärztin dennoch pflichtbewusst auf Corona* und schickte die Probe ins Labor.

Anruf vom Hausarzt in Frankfurt: PCR-Test positiv auf Corona

Fast genau 24 Stunden später erhielt Reinhart dann einen überraschenden Anruf von der Hausarztpraxis: Er müsse die nächsten 14 Tage zwingend in Quarantäne bleiben. Seine Ehefrau und das Kind ebenso. Der PCR-Test war „leider positiv. Das ist definitiv Corona“, so die Hausärztin.

„Das war ein Riesenschock“, erzählt der Frankfurter. „Wir wollten auf die Buchmesse gehen, hatten berufliche Termine, das Kind sollte in die Kita gehen.“ Im Regelfall bedeutet die Corona-Quarantäne, dass man alles bleiben lassen und sich umgehend für 14 Tage isolieren muss. Einkäufe und Besorgungen sollen Freunde organisieren. Nur notwendige Arztbesuche sind beispielsweise noch gestattet. Geimpfte können dies, sofern ein weiterer Test Genesung bescheinigt, auf sieben Tage verkürzen. Doch auch das ist eine lange Zeit und stellt Betroffene vor arge Probleme, beruflich und privat. Besonders Selbstständige kann das hart treffen, denn es steht zwar eine Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz zu, doch wie soll man nachweisen, dass man theoretisch etwas verdient haben könnte? Und meistens ist man nicht alleine von der Quarantäne betroffen. Auch ungeimpfte Mitglieder des Hausstandes, Kinder zum Beispiel, müssen zuhause bleiben.

Der ursprüngliche Befund zum positiven Corona-Test.

Zweifel am Testergebnis machten sich breit. Er kontaktierte seine Hausarztpraxis noch einmal, fragte nach möglichen Fehlerquellen, wieder die gleiche Antwort: Das Labor habe definitiv einen positiven Corona-Test gemeldet. Das habe man ja schriftlich mit Namen und Nummer. Verwechslung ausgeschlossen. Per Fax schickte die Praxis den Beweis.

Corona: Unsicherheit über PCR-Testergebnis – Irgendwas passte für den Frankfurter nicht zusammen

Aber irgendwie passte das für Reinhart nicht zusammen. Auch ein Schnelltest zeigte jetzt ein negatives Ergebnis. „Man hört ja immer wieder von Infektionen, die ohne die typischen Symptome verlaufen und mein Körper war von der Erkältung ja geschwächt“, erzählt er. „Aber ich war mir sicher, dass es sich nur um einen einfachen Schnupfen handelt und ich keine riskanten Kontakte hatte. Außerdem war in der Praxis so ein Trubel gewesen. Vielleicht hatte jemand die Proben verwechselt?“

Er forderte ein zweites Ergebnis und telefonierte hektisch mit den Hotlines vom Gesundheitsamt und dem Bürgertelefon. Es kamen Ratschläge wie, er könne ja einen zweiten Corona-Test aus eigener Tasche bezahlen und im Zweifel sogar einen dritten. Die meisten Auskünfte gingen aber in die eine Richtung: Er müsse sich eben der Anordnung fügen und „das sei halt so“. Erst ein studentischer Mitarbeiter bei der Hotline des Frankfurter Gesundheitsamtes konnte die Zweifel nachvollziehen und riet ihm, einfach eine zweite Meinung einzuholen.

„Zweiter Arzt, neues Glück sozusagen. Ich sollte mit Corona-Symptomen vorstellig werden und mich erneut testen lassen. Ich rief bei einer Arztpraxis bei mir um die Ecke an und sollte sofort vorbeikommen, denn der Fahrer für die Abholung der Laborproben käme gleich. Der könne meinen Test gleich mitnehmen.“ Die Zeit drängte, denn es war schon Donnerstag. Das zweite Ergebnis sollte nicht übers Wochenende auf sich warten lassen. Dann wäre womöglich sogar noch der Montag als Arbeitstag verloren. Wenige Minuten später saß der Mann schon beim zweiten Arzt. Ein neuer Test wurde gemacht und tatsächlich klingelte in diesem Moment der Abholdienst an der Tür und nahm die Probe mit. Doch auf das Ergebnis musste Reinhart nicht warten. Sein Verdacht wurde schon vorher bestätigt.

Corona-Test im Labor verwechselt: Mann aus Frankfurt war eigentlich negativ

Die Praxis der Hausärztin, die ihm noch am Morgen das schlechte Ergebnis übermittelt hatte, meldete sich am Nachmittag erneut. Es habe eine sehr ärgerliche Verwechslung gegeben. Im Labor seien Proben vertauscht worden. Nicht nur seine, sondern eine ganze Menge. Reinhart wurde mitgeteilt, dass er sich doch nicht mit Corona angesteckt habe. Sofort rief der empörte Mann im besagten Labor an. Dort sagte man ihm, dass menschliches Versagen die Ursache war. Eine falsche Trägerplatte sei in das PCR-Gerät gestellt worden. Schlicht vertauscht.

Der später korrigierte Befund zum eigentlich negativen Corona-Test.

Auf Nachfrage dieser Redaktion bedauert das Frankfurter Labor den Vorfall. Man habe sofort „sämtliche Maßnahmen ergriffen“, nachdem der Fehler aufgefallen war, berichtet die Leitung des Labors. Man habe alle betroffenen Klienten direkt informiert. Jeden Tag werden in dem Labor demnach zwischen 500 und 2000 Corona-Proben untersucht, es gebe mehrere Sicherheitsstufen. Dennoch bliebe der menschliche Faktor – und dabei können Fehler passieren.

Auf der vertauschten Platte befanden sich laut der Leitung des Labors 30 Corona-Proben. Das Verhältnis zwischen positiven und negativen Proben liege aber nicht vor. Man wolle den Vorfall intern aufarbeiten und die Abläufe prüfen. Am wichtigsten sei dabei der offene Umgang mit den Betroffenen.

Unzweifelhaftes Corona-Testergebnis schließt menschlichen Fehler nicht aus

Reinhart hatte also das Ergebnis einer anderen Person zugeordnet bekommen, weil ein Mensch die Geräte falsch bedient hatte. Das PCR-Ergebnis stimmte – aber es war nicht seins. Und, was noch viel schlimmer wiegt: Da draußen musste jemand infektiös sein, aber ein angeblich eindeutig negatives Ergebnis vorweisen können. Nach dem Gold-Standard und mit Laborurkunde.

„Vielleicht ist diese Person heute auf der Buchmesse mit tausenden Menschen in Kontakt gekommen oder hat im Krankenhaus gearbeitet, in dem Glauben, ganz gesund zu sein. Wenn man so liest, dass Labore häufig an der Kapazitätsgrenze arbeiten, will ich nicht an diesen Fall denken“, sorgt sich Reinhart. Klar würden mal Fehler passieren, und sowas könne unter normalen Umständen auch vorkommen. Doch das seien hier keine normalen Umstände. Eigentlich sollten derartige Tests nach über eineinhalb-Jahren Corona-Pandemie professionelle Routine sein, findet er und belächelt die Technikgläubigkeit der Mediziner.

Mann aus Frankfurt muss fälschlich in Corona-Quarantäne – ein zweiter Test wird ihm verwehrt

Wenn man schon von einem unzweifelhaften Testergebnis spricht, müsste mit Vier-Augen-Prinzip oder anderen Methoden ausgeschlossen werden, dass menschliche Faktoren eine so große Rolle spielen. Zumindest müsse man dem Patienten angesichts der drohenden Konsequenzen zugestehen, einen zweiten Test machen zu dürfen: „Ich hatte doch nachvollziehbare Zweifel, aber niemand wollte sie hören.“

Er ärgert sich ganz besonders aber über diejenigen, die sich noch immer nicht haben impfen lassen. Ihretwegen breite sich die Krankheit weiter aus und daher sei es weiter notwendig, dass selbst geimpfte und genesene Personen solche Rücksicht nehmen und in Corona-Quarantäne gehen müssen.

Positiver Corona-Test vertauscht: Gesundheitsamt Frankfurt will Quarantäne anordnen

Später am Donnerstagnachmittag meldete sich auch das Gesundheitsamt bei ihm. „Sie wissen bestimmt schon, worum es geht“, sagte die Stimme am Telefon. Schnell stellte sich heraus: Thorsten Reinhart wusste sogar noch mehr als der Mitarbeiter beim Gesundheitsamt. Ursprünglich sollte dem Mann durch den Anruf die Quarantäne verordnet werden. Dass es sich um einen falsch-positiven Corona-Test handelte, wusste man dort noch gar nicht. Im Gespräch ging man gemeinsam der Sache auf die Spur. Der Frankfurter erklärte, dass die angebliche Infektion sich schon wieder erledigt hatte. Das Gesundheitsamt kontaktierte umgehend das Labor zur Klärung und bescheinigte ihm auch schriftlich das Ende der Quarantäne. „Heilung nach 6 Stunden, könnte man sagen“, belächelt Reinhart seine Geschichte.

Insgesamt zwei Personen hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt gemeldet, die von der Verwechslung im Labor betroffen waren, erklärt eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes. Wenn jedoch negative mit ebenfalls negativen Ergebnissen verwechselt werden, fällt das wohl nicht sonderlich auf. Solche Laborfehler seien alleine in der Stadt Frankfurt schon vorgekommen, erklärt die Mitarbeiterin. Alle halbe Jahre hätte sie von so einem Fall erfahren.

Quarantäne trotz falschem PCR-Test: Wer haftet für den Schaden?

Für Reinhart gibt es dann am Freitag weitere Erleichterung: auch der zweite Test ist wie erwartet negativ ausgefallen. Das Wochenende also gerettet. Ihm bleibt kein gesundheitlicher aber doch ein wirtschaftlicher Schaden. Trotz der „schnellen Heilung“ war der Reinhart für zwei Tage nicht in der Lage, seiner Arbeit als Selbständiger nachzugehen. Jetzt stellt der Frankfurter sich die Frage, wer für den Schaden durch die Quarantäne wegen des Laborfehlers haftet. In jedem Fall will er sich juristisch beraten lassen. Fehler passieren zwar, aber wer sie macht, müsse eben dafür geradestehen und haften. Haftet das Labor, die testende Arztpraxis oder gar das Gesundheitsamt?

Er hatte seit dem Test und spätestens nach dem Anruf der Hausärztin keine andere Wahl als sich zu Hause zu isolieren und auf weitere Anweisungen des Gesundheitsamtes zu warten. Er erklärt: „Das ist ja keine freundliche Handlungsempfehlung, sondern steht unter Strafe. Da war die Arztpraxis sehr deutlich. Und man will ja auch keinen anstecken.“

Frankfurt: Quarantäne nach falschem Corona-Test hätte mindestens sieben Tage gedauert

Seine ebenfalls doppelt geimpfte Ehefrau hätte übrigens nicht zwangsläufig in Quarantäne gemusst, solange sich bei ihr nicht auch Symptome zeigten oder sie selbst positiv getestet werde. „Eine Quarantäne ist in der Regel nicht erforderlich, wenn die Kontaktperson gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) vollständig geimpft wurde“, heißt es dazu bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Anders sieht das aber beim gemeinsamen Kleinkind aus: Das hätte nicht in die Kita gekonnt. Für die Betreuung hätten wohl am Ende beide Eltern für die Dauer der Quarantäne zu Hause bleiben müssen – mindestens sieben Tage. Da wäre ein großer finanzieller Schaden entstanden, stellt Thorsten Reinhart fest. Ohnehin hing er einen halben Tag am Telefon, um die Sache zu klären. Und das alles, obwohl sein eigentlicher PCR-Test negativ war.

Die Recherche zu diesem Artikel ist in Zusammenarbeit mit InZwischenZeit:Filme entstanden. (Sebastian Richter/Rafael Bujotzek) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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