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Eine lange Schlange im Regen bildet sich am Samstag vor einem Luxusgeschäft in der Goethestraße in Frankfurt.

Shoppingwahnsinn

Lange Schlangen vor Frankfurter Luxus-Geschäften: „Man will auch zu Hause gut aussehen“

  • vonSabine Schramek
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Trotz Corona sind Edelmarken gefragt: Kurz vor dem Lockdown bilden sich in der Goethestraße in Frankfurt täglich lange Schlangen. Zara auf der Zeil hingegen macht dicht.

Frankfurt – Es gibt seit März so gut wie keine Touristen in Frankfurt, keine Messen oder internationale Kongresse. Dennoch stehen jeden Tag Menschen in Frankfurts feinster Einkaufsstraße geduldig an, um sich mit Nobeltaschen, edlem Schmuck und Markenschuhen einzudecken.

Schlangen sind beliebt. Als Muster auf Kleidung, als Logo auf Portemonnaies, Handtaschen und Schuhschnallen. Schlange stehen mögen die wenigsten. Schon vor Corona wurde regelmäßig beim Anstehen bei der Post und an Supermarktkassen geschimpft, weil jeder es eilig hatte. Im ersten Lockdown wurden die Frankfurter geduldiger. Zum Beispiel vor Baumärkten, die zu den wenigen Läden gehörten, die öffnen durften. Dort standen Schöne, Reiche und Berühmte stundenlang mit Handwerkern, Hobbybastlern und Hausfrauen an. Als die Geschäfte wieder öffnen durften, sind die Schlangen geblieben. Auch auf der Goethestraße. Viele machen sich seit Monaten darüber lustig, dass vor Louis Vuitton, Gucci und Chanel edel gekleidete Leute vor allem eines tun: warten. Es passt nicht zu den Vorurteilen, dass manche eigentlich nicht warten müssen, weil sie reich sind.

Goethestraße in Frankfurt während Corona: Schlangestehen im Regen

Im Regen stehen sie Schlange, um kostbare Uhren, Handtaschen, Schuhe und Kleidung zu ergattern. Nicht anders als diejenigen, die vor Primark oder New Yorker auf der Zeil anstehen. Der einzige Unterschied für die Wartenden ist der, dass es in der Goethestraße nicht hektisch zugeht, sondern ruhig, vornehm und gelassen. Der Wunsch von allen, die sich stundenlang anstellen, ist der gleiche. Sich oder seinen Liebsten etwas Gutes zu gönnen.

Einkäuferin Anke Richter hat eine einfache Erklärung dafür. "Die Menschen wollen sich treffen und andere Leute sehen. Sie wollen auch gesehen werden und das geht beim Online-Shopping nicht. Außerdem ist es nach wie vor für viele wichtig, Dinge anfassen zu können, bevor sie sie kaufen." Das gelte für jede soziale Schicht. "Statussymbole sind allen wichtig. Fast jeder möchte so gut aussehen und wirken, wie es nur geht."

Manager vor Luxus-Store in Frankfurt: „Warten ist schon in Ordnung“

Dass die Schlangen vor dem am Sonntag (13.12.2020) beschlossenen zweiten Lockdown direkt vor Weihnachten noch länger sind als im Sommer, "ist doch klar. Wir wollen doch etwas unter den Weihnachtsbaum legen können", sagt ein Manager, der mit seiner Frau mit großem Regenschirm darauf wartet, dass sie bei Louis Vuitton weiter vorrücken können. Es stört das Paar nicht. "Die Sachen sind teuer, es dürfen wegen Corona nur wenige in den Laden und man braucht einfach eine Weile, bis man das Richtige gefunden hat. Das ist schon in Ordnung so." Sie sind ebenso geduldig wie junge Männer mit Quertaschen vor dem Bauch, die "etwas aus der neuen Kollektion brauchen".

Frankfurt: Während Corona auch zu Hause gut aussehen

Die Szenen wiederholen sich vor vielen feinen Geschäften in Frankfurt, deren Schaufenster prachtvoll glitzern und vor denen teure Autos parken. "Auch wenn wir nicht ausgehen können, will man doch trotzdem auch zu Hause gut aussehen", sagt eine Frau und lächelt verträumt, während sie in einem dieser Fenster ein Paar High Heels in Schwarz mit funkelnden Steinchen am Fesselriemen entdeckt. Auch eine Studie ist zu dem Schluss gekommen, dass sich trotz aller Vorsätze für mehr Sparsamkeit das Konsumverhalten nicht verändert, wenn die eigene finanzielle Lage gesichert scheint.

"Wieso brauchen Menschen so einen Luxus, wenn wieder alles zugemacht wird?", fragt eine Spaziergängerin ihre Freundin. Diese erinnert sie daran, dass sie sich selbst vorhin bei Douglas angestellt hatte, um ein Parfum zu kaufen. "Da hast du dich nicht über dich gewundert. Ist doch auch Luxus, den man sich sparen könnte", kontert sie. Die beiden diskutieren weiter. Richter hat auch dafür eine Erklärung. "Sehnsucht nach Schönem ist ein Grundbedürfnis. Statussymbole zeigen, zu welcher Gruppe wir gehören wollen. Luxus ist unterschiedlich. Die einen wollen Düfte, andere Pflanzen, wieder andere teure Uhren oder Schuhe. Vor allem jetzt belohnen sich die Leute für die ganzen Einschränkungen, die sie dieses Jahr aushalten müssen."

Zara auf der Zeil in Frankfurt schließt trotz Gewinn

Bei Zara auf der Zeil hingegen ist es mit dem Schlangestehen nun vorbei. Am Wochenende schloss die spanischen Modekette ihre Filiale in der Innenstadt. Die 74 Angestellten, die erst Anfang September von der Schließung erfahren haben, könnten zwar in den drei anderen Frankfurter Filialen weiterarbeiten - aber zu schlechteren Konditionen und nur 15 Stunden pro Woche. Auch dann, wenn sie vorher einen Vollzeitjob hatten. Die Schließung kam für die Beschäftigten relativ unerwartet: Der Mutterkonzern Inditex hat laut Marcel Schäuble, Gewerkschaftssekretär für den Handel von Verdi, zuletzt 3,63 Milliarden Euro Gewinn gemacht.

Beschäftigte protestieren gegen die Schließung der Zara-Filiale auf der Zeil in Frankfurt.

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