Schließt Ende Mai ihr Schreibwarengeschäft in der Schillerstraße: Ilona Mahnert mit Rauhaardackel Henry.
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Schließt Ende Mai ihr Schreibwarengeschäft in der Schillerstraße: Ilona Mahnert mit Rauhaardackel Henry.

Einzelhandel

Corona sorgt für Aus: Traditionsgeschäft in Frankfurt macht nach mehr als 100 Jahren dicht

  • vonSabine Schramek
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Nach über 100 Jahren ist Schluss mit edlen Füllern und Tintenfässchen. Wegen der Corona-Pandemie macht ein Traditionsgeschäft in Frankfurt zu.

Frankfurt – An Weihnachten musste „Schreibwaren Fleischhauer“ in der Münchener Straße nach 118 Jahren wegen Corona seine Türen für immer schließen. Ende Mai gibt das nächste Geschäft für schöne Schreibgeräte auf. Seit 102 Jahren gibt es „Füllhalter Haizmann“ in der Schillerstraße. Seit 52 Jahren ist der kleine Laden das zweite Zuhause für Ilona Mahnert. Ohne die Pandemie wäre für sie noch längst nicht Schluss. So aber wird sie schließen.

Durch die dunklen Scheiben des kleinen Geschäftes sieht man kaum die Eichenholzregale und Vitrinen voller Füllfederhalter, Kugelschreiber, Bleistifte, Tinten und Minen im Inneren. Dafür hängt ein riesiger roter Montblanc-Füller über dem Laden an der Hauswand bis in den ersten Stock des Gebäudes. Die gelbe Feder zeigt auf einen kleinen schwarzen handschriftlichen Schriftzug auf Weiß. „Haizmann“ steht darauf.

Frankfurt: Geschäft muss wegen Corona schließen – „Letzte Traditionsgeschäft in der Schillerstraße“

Wie alt beides ist, weiß Ilona Mahnert (72) nicht. Als ihr Vater 1969 das damals schon 50 Jahre alte Traditionsgeschäft übernommen hat, war beides schon da und sie mit dabei. Vor 20 Jahren starb ihr Vater und sie führt das Spezialgeschäft seither allein. „Es ist das letzte Traditionsgeschäft in der Schillerstraße“, sagt sie mit einem Hauch Wehmut. „Lorey ist letztes Frühjahr umgezogen.“

Die Frau mit dem pinkfarbenen langärmeligen T-Shirt unter einem kurzärmeligen Hoody lacht herzlich. „Angela Merkel macht Schluss, Jogi Löw macht Schluss und Dieter Bohlen ist weg. Da bin ich in bester Gesellschaft und irgendwann ist es eben vorbei.“

Geschäft muss wegen Corona dicht machen – Vergangenes Jahr war hart

Das vergangene Jahr war hart. „Der erste Lockdown kam direkt vor der Konfirmation. Konfirmation und Kommunion sind die stärkste Zeit bei uns, weil Väter ihren Kindern teure Füller kaufen. Dann kam Ostern. Ohne Geschäft. Dann durfte nicht mehr geflogen werden. Alle Japaner und Chinesen, die so gerne deutsche Markenfüller en Masse gekauft haben, reisen nicht mehr. Auch Weihnachten ging nur wenig.“ Spaß mache es auch nicht mehr so richtig, „weil die allgemeine Stimmung schlecht und die Leute aggressiv sind.“ Mahnert hat ihren Humor nicht verloren und wundert sich. „Meine Eltern mussten mit dem Baby auf dem Arm in den Luftschutzkeller. Das war schlimm.“ Sie lächelt müde über Maskendiskussionen. Und sie strahlt, wenn Passanten in ihr Schaufenster gucken.

Ein Junge hat einen türkisfarbenen Füller entdeckt. Sein Vater fragt ihn, ob er ihn haben möchte. Der Bub lächelt schüchtern und nickt. Er bekommt den Füller. „Das ist das Schöne. Menschen, die Sinn für Schönes haben und gerne Schreiben. Es muss kein Modell für Hunderte oder Tausende Euro sein. Wenn es gefällt und Spaß macht, ist es das Richtige“, findet Mahnert und nimmt Henry auf den Arm. Der 12 Jahre alte Rauhaardackel ist immer dabei und ihr Ein und Alles. „Er hat schon öfter in die Hosenbeine von Bankern gezwackt“, erzählt sie. Darum bleibt er jetzt lieber hinter den Tresen.

Aus für das Traditionsgeschäft in Frankfurt: Schöne Geschichten bleiben in Erinnerung

Mahnert erlebt auch viele lustige Situationen. „Es sind hauptsächlich Männer, die sich feine Schreibgeräte kaufen. Oft ohne Karton, damit ihre Frauen bloß nicht merken, dass sie viel Geld dafür ausgeben.“ Sie erzählt von einem Mann, der von seiner Frau den Auftrag hatte, eine Waschmaschine zu kaufen. Auf dem Weg zur Waschmaschine sei er in ihrem Laden vorbeigekommen. „Er ging mit einem 7000 Euro-Füller raus und hat die Waschmaschine vergessen“, sagt sie und lacht. So, wie sich Frauen über Schmuck freuen, freuen sich laut Mahnert Männer über edle Stifte. „Das sind Erinnerungen für sie. Der Füller von der ersten Freundin, der feine Bleistift von der Tochter oder der kunstvolle Kugelschreiber von der Frau. Das macht sie stolz.“ Montblanc, Pelikan, Porsche, Lamy, Dupont, Caron d‘Ache - es gibt nichts, was sie nicht hat. Die Nachfrage im Räumungsverkauf ist groß. „Sogar Aufsteller und Plakate sind total gefragt. Dafür gibt es richtige Sammler. Weg muss alles. Auch der weiße Sondereditions-Montblanc Füllhalter „Marilyn Monroe“ mit weißer Perle und Gravur. Auch ein Sammlerstück. Ebenso wie kunstvolle Tintenfässchen. „Da liegt noch einiges vor Henry und mir, bis alles weg ist.

Bis Mitte Mai sind wir noch da. Bis Ende Mai muss die gesamte Einrichtung raus sein.“ Danach will sie Haus und Garten aufräumen. „20 Jahre ohne Urlaub, da ist viel liegen geblieben. Danach kommt bestimmt auch noch was. Nichtstun liegt mir nicht. Henry hat im Lockdown festgestellt, dass es schön ist, im Garten zu buddeln. Ich werde auch wieder mehr schreiben. Mit meinem Lieblingsfüller, einem alten Pelikan 51.“ Sie geht nicht gern. Hadern will Mahnert nicht. „Das Leben ist viel zu schön, um schlechte Laune zu haben.“ (Sabine Schramek)

Der Onlinehandel boomt in Corona-Zeiten, der stationäre Einzelhandel stirbt. In der Innenstadt von Frankfurt sieht es wegen Corona düster aus. Jetzt will die Stadt gegenlenken. 

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