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Frau Holle schüttelt ihr Kissen: Erzählerin Mirjam Tertilt und Kameramann Otmar Hitzelberger bei der Aufnahme im Theaterhaus.

Frankfurt und Corona

Wenn der Märchenerzähler ins Wohnzimmer kommt

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Die Coronakrise trifft auch das Frankfurter Theaterhaus. Ein Projekt ist deswegen auf Youtube zu sehen.

  • Das Coronavirus trifft auch die Frankfurter Kulturszene.
  • Das Theaterhaus weicht auf das Internet aus.
  • Auf Yotube werden Märchen vorgelesen.

Frankfurt - "Hallo, ich bin Gordon vom Theaterhaus", stellt Gordon Vajen, Künstlerischer Leiter und Intendant der Frankfurter Kultureinrichtung, sich Kindern, Familien, Großeltern, Lehrern und Erziehern in dem Einspieler vor, der seit wenigen Tagen auf Youtube zu sehen ist. "ErzählZeit Frankfurt" heißt ein Projekt, das der Leiter des Theaterhauses vor einigen Jahren zunächst an der Freiligrathschule in Fechenheim initiiert und schon bald weiter ausgebaut hat. 

Zehn professionelle Märchenerzähler besuchen seitdem neben der Grundschule in Fechenheim wöchentlich noch zwei weitere Schulen: Die Hostatoschule in Höchst und die Uhlandschule im Ostend, ebenfalls beides Grundschulen. Nach den Osterferien sollte es an einer Grundschule in Griesheim weitergehen. "Das haben wir auf den Herbst verschoben", sagt Vajen.

Theaterhaus Frankfurt: Vom Coronavirus ins Internet gezwungen

Seit drei Jahren profitieren von dem Projekt auch Mädchen und Jungen in Kitas in Fechenheim, die ebenfalls wöchentlich von den Märchenerzählern besucht werden. "Es sind insgesamt 65 Gruppen, 40 in der Grundschule und 25 in den Kitas", sagt Vajen.

Doch das, was in den vergangenen Jahren so selbstverständlich war, ist in der aktuellen Corona-Krise erst einmal nicht mehr möglich. "Wir wollten den Kontakt zu den Kindern trotzdem weiter aufrechterhalten", sagt Vajen. So sei die Idee entstanden, die "Erzählzeit" zu den Mädchen und Jungen und ihren Familien nach Hause zu bringen. Per Video, auf dem eigenen Youtube-Kanal.

Corona in Frankfurt: Kultur auf Youtube

Kurzerhand wurde ein Teil im Theaterhaus, das seinen Sitz in der Schützenstraße 12 hat, zu einem kleinen Filmstudio umfunktioniert. Die Kamera wird von dem Regisseur Otmar Hitzelberger geführt. Immer ein Märchenerzähler nimmt Platz auf einem großen roten Sofa und macht das, was er sonst in den Schulen und Kitas machen würde.

Während die Kamera auf ihn gerichtet ist und das Mikrofon unweit davon aufgestellt steht, lässt der Märchenerzähler seine Zuschauer eintauchen in die Geschichte und öffnet die Tür in diese Welt symbolisch mit einem Schlüssel. Ein Ritual, mit dem jede Erzählzeit auch in den Schulen und Kitas beginnt. Und natürlich gilt auch bei den Aufnahmen Abstandhalten zwischen dem Mann hinter der Kamera und dem Akteur davor.

Kultur trifft Corona: Frankfurter Theaterhaus setzt auf das Internet

Fünf Märchen stehen bereits auf dem Youtube-Kanal "Erzählzeit Frankfurt": Neben den Grimm-Klassikern "Der Froschkönig", "Die sieben Raben" und das "Das blaue Licht" sind dies noch "Der Pfannkuchen" und "Kater Wiljiki", ein russisches Märchen. Die erzählten Geschichten richten sie an die ganze Familie. Weitere Märchen sollen in den nächsten Tagen auf dem Kanal hochgeladen werden.

Notizen oder gar ein Buch benötigen die professionellen Märchenerzähler nicht. Die Geschichten sind in ihren Köpfen abgespeichert. Sie werden durch die Melodie der heute teils altmodisch anmutenden Sprache lebendig, wie sie etwa in den Märchen der Gebrüder Grimm zu finden ist. Aber auch durch den Einsatz von Mimik, der Hände und des Körpers werden sie von den Akteuren vor der Kamera erzählt und die Gefühle der Protagonisten so spürbar transportiert.

Coronakrise: Erzählzeit Frankfurt im Internet

Die Idee hinter dem Projekt "ErzählZeit Frankfurt" ist, den Kindern die Schönheit und Vielfalt der deutschen Sprache über das Erzählen von Märchen näherzubringen. Es gibt den Knirpsen auf eine spannende Art und Weise die Möglichkeit, ihren Wortschatz zu erweitern. Außerdem lernen sie durch das regelmäßige und eigenständige Nacherzählen der Geschichten, frei und flüssig über etwas zu sprechen und sich auszudrücken.

"Märchen haben einen großen Reichtum an poetischer Sprache und die Kinder mögen diese großen Worte", weiß Vajen. Normalerweise werde in der einen Woche ein Märchen erzählt und in der Woche darauf die Kinder danach gefragt, worum es in der Geschichte ging. "Sie sprechen frei und ohne dass sie von dem Märchenerzähler oder den anderen Kindern unterbrochen oder korrigiert würden", erklärt er. Über das Schuljahr verteilt hörten die Mädchen und Jungen rund 30 bis 40 Märchen.

Corona in Frankfurt: Märchen auf Youtube

"Auch jetzt haben die Kinder die Gelegenheit, mit ihren eigenen Worten zu sagen, worum es in den Märchen geht. Wir freuen uns über Briefe, Bilder oder Videos", sagt Vajen, dem das Projekt ein großes Anliegen ist. Und in Märchen schwinge immer die Hoffnung mit, dass am Ende alles wieder gut werde und dass es immer eine Lösung gibt, beispielsweise bei Konflikten. "Ich finde, dass Kinder ein Recht auf diese Hoffnung haben."

Von Alexandra Flieth

Hier geht's zu den Geschichten: Abrufbar sind die Geschichten im Internet an dieser Stelle.

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