Mehr Polizeieinsätze, wie dieser Ende August 2019, waren eine Hauptforderung der Bahnhofsviertel-Gastronomen.
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Mehr Polizeieinsätze, wie dieser Ende August 2019, waren eine Hauptforderung der Bahnhofsviertel-Gastronomen.

Corona-Pandemie

Das Bahnhofsviertel in Frankfurt: Der Kampf um das Viertel wird durch Corona noch mühsamer

  • vonSarah Bernhard
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Durch die Corona-Krise ist das Elend in dem Rotlichtquartier noch sichtbarer geworden. Nach einem Hilferuf von Gastronomen, erklärt der Sicherheitsdezernent, warum es manchmal Zeit braucht, Missstände zu beseitigen.

„Viele Leute kommen zu mir und sagen: Herr Frank, greifen Sie doch endlich mal durch!“ In den vergangenen zwei Wochen sogar noch deutlich häufiger als normalerweise, sagt Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU): Am 25. Juni hatten knapp 40 Gastronomen und Gewerbetreibende in einer Petition gefordert, die öffentliche Ordnung im Bahnhofsviertel wiederherzustellen. Frank hat ein Bein über das andere geschlagen und schüttelt leicht den Kopf. „Aber wir können ja nicht einfach mit einem Dampfstrahler durchgehen und dann ist alles wieder gut.“

Nicht, dass es nach der Petition keine Sofortmaßnahmen gegeben hat. Nur zwei Werktage später gab es ein Spitzengespräch, an dem neben Frank und den Gastronomen auch Ordnungsamtschefin Karin Müller und Polizeipräsident Gerhard Bereswill teilnahmen. Kurz darauf teilte die Polizei mit, dass künftig während „einsatzrelevanten Zeiträumen“ mindestens zehn zusätzliche Polizisten rund um den Hauptbahnhof unterwegs sein sollen.

Missstände im Bahnhofsviertel Frankfurt: Opernplatz-Partys lasten Stadtpolizei völlig aus

Auch die Konsumräume, die Schlafstätten für Drogensüchtige oder die Transferfahrten zu Hilfeeinrichtungen außerhalb des Bahnhofsviertels sind mittlerweile - unabhängig von der Petition - „fast wieder in vollem Umfang nutzbar“, teilt Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) mit. Damit die Angebote der Drogenhilfe „trotz der Angst vor dem Coronavirus rasch wieder in vollem Umfang genutzt werden“, brauche es allerdings „korrespondierend repressive Maßnahmen“.

Die Ordnungspolizei könne in diesem Fall leider nicht helfen, die 214 Stadtpolizisten seien im Moment mit den Opernplatz-Partys völlig ausgelastet, sagt Frank.

Und auch viele weitere Veränderungen bräuchten Zeit. Denn meist seien, abgesehen von externen Kooperationspartnern, schon innerhalb der Verwaltung mehrere Stellen zuständig - von denen sich oft keine in der Verantwortung sehe. Zur Verdeutlichung zeichnet er ein Schaubild, auf dem Pfeile zwischen Ämtern, Dezernaten und Referaten kreuz und quer gehen, gibt aber irgendwann auf, weil es mehr Akteure als Platz auf dem Plakat gibt. „Ich erkläre Ihnen das mal an einem Beispiel“, sagt er dann: der Sauberkeit.

Im Bahnhofsviertel spielen so viele Akteure zusammen, dass nicht alle aufs Diagramm von Sicherheitsdezernent Markus Frank passen.

Während des Lockdowns hätten engagierte Menschen den Bettlern und Drogenabhängigen Nahrungsmittel gebracht. Dabei hätten sich um Essen und Trinken wie immer die Hilfseinrichtungen gekümmert. Viel von dem, was zusätzlich gebracht wurde, sei also nicht gegessen worden, sondern lag zwischen den Lagernden herum. Das zog nicht nur Ratten an, sondern sei auch für die Menschen gefährlich: Potenzielle Keime hätten bei Obdachlosen und Drogensüchtigen, deren Immunsystem geschwächt ist, leichtes Spiel. Die Reinigungsintervalle mussten erhöht werden.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Putzen ist nur mit Stadtpolizist möglich

Doch mit einem Anruf bei der FES sei es nicht getan, sagt Frank. Denn viele Obdachlose weigerten sich, für die Putzkolonne aufzustehen. „Für uns ist das vielleicht Müll, aber für diese Leute ist es alles, was sie haben. Deswegen schimpfen sie auf die Reinigung.“ Die Einsätze müssten deshalb mit der Ordnungspolizei abgestimmt werden. Oder man schicke die sogenannte Fegerflotte aus ehemaligen Drogenabhängigen, deren Einsätze eher akzeptiert würden. Für die ist aber nicht das Ordnungsamt, sondern die Stabsstelle Sauberes Frankfurt zuständig. Manchmal bräuchten die flotten Feger dennoch einen Polizisten, der sie unterstütze - also zurück zum Ordnungsamt. „Diese Dezentralität ist eine Herausforderung.“ Und dieses Beispiel ist noch ein unkompliziertes.

Noch mehr Koordinationsarbeit sei zum Beispiel notwendig, wenn eine Kamera montiert werde, wie an der Ecke Taunus- und Elbestraße. Hier sei eine Abstimmung nötig zwischen dem Stadtplanungsamt, das für den öffentlichen Raum zuständig ist, dem Amt für Straßenbau und Erschließung, das den Pfosten in den Boden und die Kabel ins Polizeirevier bringt, und Rhein-Main-Netze, einer Mainova-Tochter, das sich um die dazugehörigen Lampen kümmert. Natürlich erst, nachdem die Polizei den Bedarf festgestellt und das Stadtparlament zugestimmt hat.

Eigentlich sei er für einen Großteil dieser Koordinierungsaufgaben gar nicht zuständig, sagt Frank. Doch schon 2016 als die B-Ebene des Hauptbahnhofs von Dealern quasi besetzt, und das Problem mit über 60 Einzelmaßnahmen behoben wurde, habe er gesehen: „Wenn wir uns nicht kümmern, passiert gar nichts.“ Und auch, wenn es eine Sisyphosarbeit sei, die er sich und seinen Mitarbeitern aufgeladen habe, manchmal lohne sie sich nicht nur fürs Viertel, sondern auch für sein Team und ihn. „In dem Brief der Gastronomen stand auch, dass in den letzten zwei Jahren viel Gutes passiert ist. Davon leben wir.“

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