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Jörg Harraschain will unter dem Motto "Kein Anschluss unter dieser Nummer!" in diesen drückenden Zeiten der Corona-Krise Menschen am Telefon zusammenbringen.

Unter der Nummer gibt's Anschluss

In der Corona-Krise: Ein Mann bringt einsame Menschen am Telefon zusammen

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Jörg Harraschain bringt in Zeiten der Corona-Krise in Frankfurt Menschen am Telefon zusammen.

  • Das Coronavirus schränkt das gesellschaftliche Leben massiv ein
  • Besonders ältere Menschen sind einsam
  • Ein Mann kämpft gegen die Corona-Einsamkeit

Frankfurt – Alles begann mit einem Leserbrief in dieser Zeitung. Die ältere Dame hatte darin geschrieben, dass sie allein sei und niemanden zum Sprechen habe. Jörg Harraschain suchte nach der Lektüre erfolgreich im Telefonbuch nach ihrer Nummer und rief sie an. Aus dem Gespräch mit der 70-Jährigen ging der Grünen-Politiker und ehemalige Ortsvorsteher aus dem Nordend mal wieder mit einer neuen Idee heraus. Unter dem Motto "Kein Anschluss unter dieser Nummer!" will er in diesen drückenden Zeiten der Coronavirus-Krise Menschen zusammenbringen.

Corona-Krise in Frankfurt: Ältere Menschen sind besonders einsam

Vor allem ältere Leute vereinsamten in ihren Wohnungen, da sie als Zugehörige der Risikogruppe am besten ganz zu Hause bleiben. Spaziergänge sind zwar möglich, aber nicht jeder ist dafür fit genug. Zudem erschwert der Sicherheitsabstand von zwei Metern denjenigen Gespräche, die nicht mehr gut hören. So bleibt selbst das gewohnte Schwätzchen mit der Nachbarin aus.

Bei der anfangs erwähnten Dame, die schon nach zehn Minuten Plaudern "sehr happy" gewesen sei, fing Harraschain gleich mit seiner Aktion an. Durch seine regen Tätigkeiten sowieso schon bestens vernetzt, hat der mit 77 Jahren selbst "kurz vor 80" Stehende durch die städtische Initiative "Neue Nachbarschaften", aber auch das Netzwerk "nebenan.de" weitere Kontakte gerade zu Bürgerinnen und Bürgern im fortgeschrittenen Alter geknüpft. Aus diesen heraus erklärte sich eine Frau bereit, die Verbindung zu der FNP-Leserin zu pflegen. Die beiden verstehen sich gut und telefonieren seitdem regelmäßig miteinander.

Corona-Krise in Frankfurt: "Ich hoffe, dass auch jüngere Leute sich dazu bereitfinden"

Mittlerweile hat Harraschain weitere sechs Freiwillige "ab 40+" gefunden, die Lust darauf haben, anderen die Einsamkeit zu vertreiben, und dabei auch selbst von dem Austausch profitieren sollen. Weitere Interessenten, aber auch diejenigen, die auf der Suche nach Unterhaltung im derzeit tristen Alltag sind, können sich sowohl bei ihm unter der Nummer 59 58 58 als auch seiner Kollegin Angelika Ehrhardt 17 52 60 46 melden. Um einen möglichst geeigneten Gesprächspartner zu finden, hilft es, Alter, Berufsgruppe oder Hobbys anzugeben. Bei der Weitergabe versucht Harraschain die Datenmenge möglichst gering zu halten, um kein Risiko einzugehen: Vorname und Telefonnummer sollten erst mal reichen, um miteinander Bekanntschaft zu schließen. "Ich hoffe, dass auch jüngere Leute sich dazu bereitfinden", sagt der ehemalige Lehrer.

Aus seiner eigenen Erfahrung heraus kann er sagen, dass sich schon nach wenigen Minuten eine schöne Atmosphäre entfalten und man schnell interessante Themen finden kann. Mit der anfangs erwähnten Dame landete er bei der Glaubensfrage, "sie ist religiös und ich gar nicht", da gab es doch einiges zu bereden. Bemerkenswerterweise habe die Frankfurterin sogar Familie und sei im normalen Alltag unter anderem als ehrenamtlich Tätige und Leiterin von Gymnastikgruppen im Sportverein aktiv. Dennoch klingelt ihr Telefon derzeit nicht.

Frankfurt: Einsamkeit bekämpfen in der Corona-Krise – Etwas Positives ins Leben bringen

Was Harraschain noch wichtig erscheint herauszustellen, ist, dass "wir keine therapeutische Einrichtung" sind, sondern nur ganz normale Bürger, die Mut haben, etwas Neues zu wagen. "Wir versuchen einfach, etwas Positives ins Leben zu bringen", Möglichkeiten zu schaffen, mal wieder mit anderen zusammen zu lachen und Gemeinschaft zu empfinden. Ein paar Minuten mit dem Hörer in der Hand reichen dafür schon aus. Über die Intensität der Bekanntschaft könne jeder selbst entscheiden.

Wie groß die Resonanz auf das Angebot sein wird, weiß Harraschain nicht zu prognostizieren. "Vielleicht ist es ein Schuss in den Ofen, vielleicht werden wir überrannt." Die Aktion fängt schließlich gerade erst an. Den Startschuss geben die Zeitungen, die seinen Aufruf veröffentlichen. Denn übers Internet, glaubt er, werde er die am meisten vom Alleinsein betroffene Altersgruppe kaum erreichen. 

Trotz der Corona-Krise sind einige Menschen am Mainufer in Frankfurt unterwegs. Es wird weitgehend versucht, Abstand zu halten. Nur Radler, Skater und Jogger zeigen sich jedoch oft rücksichtslos und sorgen deswegen für Unmut.

In Frankfurt haben sich Demonstranten trotz Corona-Versammlungsverbot am Mainkai versammelt. Die Polizei ist vor Ort. Jetzt melden sich die Veranstalter zu Wort.

Von Katja Sturm

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