Der Corona-Lockdown zeigt sich im Bahnhofsviertel so: Im Kaisersack stehen Obdachlose und Drogenabhängige Schlange für Essen, Verbandszeug, Kleidung und warme Decken, die die Gruppe "Gemeinsam Stark" verteilt.
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Der Corona-Lockdown zeigt sich im Bahnhofsviertel in Frankfurt so: Im Kaisersack stehen Obdachlose und Drogenabhängige Schlange für Essen, Verbandszeug, Kleidung und warme Decken, die die Gruppe „Gemeinsam Stark“ verteilt.

Corona-Pandemie

Das Frankfurter Bahnhofsviertel: Im Lockdown noch trostloser als sonst

  • vonSabine Schramek
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Die Gegend im Bahnhofsviertel Frankfurt wirkt vor allem nachts gespenstisch. Es sind fast nur noch Drogensüchtige, Prostituierte und Polizei unterwegs.

  • Am Hauptbahnhof Frankfurt ist der Corona-Lockdown besonders spürbar.
  • Nachts ist im Bahnhofsviertel kaum mehr jemand unterwegs, obwohl unter normalen Umständen viel los ist.
  • Ein Gang durch die Nacht im Bahnhofsviertel in Frankfurt zeigt die Einsamkeit.

Frankfurt - Je später die Nacht, desto deutlicher wird sie, die Einsamkeit im Bahnhofsviertel von Frankfurt. Dort, wo tagsüber Lebensmittel in der trubeligen Münchener Straße gekauft wurden, Demos durch die Kaiserstraße zogen, Bettler um Geld bitten oder Plüschtiere am Straßenrand verkaufen, ist es dann still. Nur an Kiosken und Lokalen, die Essen zum Mitnehmen anbieten, brennt noch Licht. Und in Billighotels, deren Fenster erleuchtet sind.

Schwanzwedelnd und ohne Leine läuft „Matti“ durch die Gassen. „Matti wie Matthias ohne Hass“, sagt Marcel Walldorf traurig-freundlich. „Matti ist ein Scheidungshund und wird jetzt übergeben. Besser so als im Streit“. Der weiße Königspudel-Golden-Retriever-Mischling geht vertrauensvoll mit in ein dunkles Haus, an dem Walldorf geklingelt hatte.

Am Hauptbahnhof Frankfurt: Lehrerin verteilt Essen und Decken

Am Kaisersack in Frankfurt stehen Obdachlose und Drogenabhängige Schlange. Sie warten auf Essen, Verbandszeug, Kleidung und warme Decken, die die Gruppe „Gemeinsam Stark“ verteilt. Raschida Bonaanzi (35) gibt seit dem ersten Corona-Lockdown dreimal in der Woche das aus, was die Ärmsten und Einsamsten brauchen. „Das Essen bekommen wir von Schulen aus dem Westen. Da bleibt sehr viel übrig“, sagt die Sport- und Schwimmlehrerin. Die Menschen sind freundlich und bedanken sich lange, bevor sie langsam davontrotten, um zu essen.

Angst haben Bonaanzi und ihre Helfer nicht. „Nur wenn wir zu den Drückerstuben fahren, nehmen wir zur Sicherheit einen Boxer mit“, sagt die dynamische Frau. „Wir können nur Trostpflaster verteilen und ich schäme mich fast, dass ich nachher in einer warmen Wohnung sitze.“

Vor der Drückerstube in der Elbestraße sitzt niemand. Einige Drogensüchtige drücken sich in Hauseingänge, suchen Bordsteine nach Drogenresten ab, rauchen Crack oder spritzen sich.

„Marmaris Kebabhaus“ im Bahnhofsviertel Frankfurt – 85 Prozent des Umsatzes fehlen

Arslan steht in der Taunusstraße in Frankfurt in der Tür vom „Marmaris Kebabhaus“. Durch das Fenster sind gebratene Fische und Eintöpfe zu sehen. „Seit 20 Jahren bin ich hier und ich halte durch. Jede Nacht bis um drei Uhr“, sagt der Mann und blickt auf eine Rotlicht-Reklame gegenüber. „Ich nehme kaum 15 Prozent vom Umsatz ein, den ich vor Corona hatte“, erzählt er. Der Eingang gegenüber ist finster, auf der Leuchtreklame sitzen Tauben. Kunden kommen zu Arslan nur mit Vorbestellung oder lassen sich Essen liefern. „Es ist gespenstisch hier in der Nacht, überall ist tote Hose und es gibt zu viele arme Leute.“

Acht Polizisten sind gerade zu Fuß unterwegs. Sie rütteln an Türen, beobachten, was sich tut und kontrollieren Leute. „Das sind Kontrollmaßnahmen der Frankfurter Polizei und der Stadtpolizei“, erklärt einer der Beamten. Drei Männer müssen ihre Papiere zeigen. Die Polizisten laufen in Richtung Niddastraße, wo Christen Tee, Lebkuchen, Decken und religiöse Bücher verteilen. „Der Glaube versetzt Berge“, sagt Dirk Eckhardt von „Streetwork Hope for Life“.

Corona-Lockdown im Bahnhofsviertel Frankfurt: Einige weinen, krampfen und schreien verzweifelt

Schräg gegenüber liegen gebrauchte Spritzen und blutige Taschentücher, in der Karlstraße kauern Drogensüchtige vor der Konsumstube. Einige weinen, krampfen und schreien verzweifelt, umgeben nur von Müll und ihren wenigen Habseligkeiten. Solche Anblicke gehen auch den Polizisten nahe. „Das Elend muss die Politik doch in den Griff kriegen und mehr Hilfe geben“, murmelt einer von ihnen leise.

Immer wieder fahren Streifenwagen der Polizei durch das Bahnhofsviertel in Frankfurt. In der Kaiser-, Elbe- und Niddastraße stehen junge Frauen, die Kaugummi kauen oder rauchen. Sobald sich ein Streifenwagen nähert, rennen sie weg. Es sind Prostituierte. Die Bordelle und Laufhäuser sind wegen der Pandemie schon länger geschlossen.

Ein weißer Bentley mit bulgarischem Kennzeichen, einem „Playboy“-Schild und einer US-Flagge auf dem Dach foliert, steht geparkt und leer an einer Kreuzung. Andere teure Autos mit bulgarischen und rumänischen Kennzeichen stehen in Seitenstraßen. Erneut fährt ein Streifenwagen an jungen Frauen vorbei, Frauen rennen. Zivilbeamte verfolgen, stellen und kontrollieren sie. Nachweisen können sie ihnen nichts, da die Frauen, wie sie sagen „ja nur draußen stehen“, und müssen sie daher wieder gehen lassen.

Lockdown in Frankfurt: Die Holzkrippe am Hauptbahnhof steht verlassen

Zwei als Weihnachtsmänner verkleidete Männer mit Drehorgel stehen am Kaisersack. „Wir wollen Freude machen“, sagt einer in der gespenstischen Atmosphäre. Einige Meter weiter unterhält sich eine junge Frau in Leggings mit einem Mann in einem Auto, das eben angehalten hat. Sie steigt ein. Drogenkranke kauern in den Ecken, ihre Schreie hallen durch die Straßen. Obdachlose schlafen in Hauseingängen.

Selbst die große Holzkrippe im Hauptbahnhof Frankfurt ist einsam und verlassen. Ebenso wie all' jene, die nachts während des Corona-Lockdowns im Bahnhofsviertel sind. (Sabine Schramek)

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