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Politiker und Eltern attackieren das Kultusministerium, sie sehen ein Versagen in der Bildungspolitik. (Symbolbild)

Harsche Kritik

Schulstart in Frankfurt bei steigenden Corona-Fallzahlen: „Im Bereich der Bildung an allen Enden versagt“

  • vonUte Vetter
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Der Stadtelternbeirat, der Bildungsverband VBE und die FDP sehen in der Corona-Krise ein Versagen in der Bildungspolitik auf breiter Front in Frankfurt.

  • Die Schule startet in Frankfurt wieder – und die Corona-Fallzahlen steigen seit einiger Zeit rasant.
  • Politiker und Eltern attackieren das Kultusministerium, sie sehen ein Versagen in der Bildungspolitik.
  • Insbesondere die hessische Lüftungsverordnung bringt viele Schulangehörige auf die Barrikaden.

Frankfurt – Am Montag (19.10.2020) beginnt die Schule wieder und der Anstieg der mit dem Coronavirus infizierten Menschen in Frankfurt hat Folgen - auch für die Eleven der weiterführenden Schulen: Sie müssen während der ersten 14 Tage nach den Herbstferien nun auch in Klassenzimmern, in denen der Abstand von 1,50 Meter nicht gewährleistet ist, einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Das hat die Stadt am Donnerstag beschlossen.

Corona in Frankfurt: Lüftungsverordnung des Kultusministeriums hat massive Auswirkungen

Derweil stellen sich Lehrer, Eltern und Schulexperten vor, welche Auswirkungen auf den Unterricht die Corona-Lüftungsverordnung des hessischen Kultusministeriums haben wird: Danach ist „alle 20 Minuten eine Stoßlüftung, bzw. Querlüftung durch vollständig geöffnete Fenster über die Dauer von 3 bis 5 Minuten vorzunehmen“. Auch muss gerechnet werden: „Die notwendige Lüftungsdauer ergibt sich aus der Größe des Raums, der Anzahl der sich darin aufhaltenden Personen, der Größe der Fensteröffnung und der Temperaturdifferenz zwischen Innen und Außen.“

Noch schwieriger wird es, wenn es keine oder nur kippbare Fenster gibt. Das genaue Handling überlässt das Ministerium der Basis: „Bei Räumen ohne zu öffnende Fenster oder mit raumlufttechnischen Anlagen ohne oder mit zu geringer Frischluftzufuhr“ habe die Schulleitung „mit dem zuständigen Schulträger geeignete Maßnahmen zu treffen, etwa zeitweise Öffnung an sich verschlossener Fenster“.

Schulstart in Frankfurt in der Corona-Krise: „Gesundheitsschutz gibt es nicht zum Nulltarif“

All das kritisiert Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen und selbst Grundschulleiter im Kreis Offenbach, als „offensichtlichen Unwillen der politisch Verantwortlichen, erforderliche Investitionen“ zu tätigen. „Darauf zu bauen, dass Eltern ihren Kindern Thermo-Wäsche kaufen statt für Luftfilter zu sorgen, eine CO2-Simulations-App zu empfehlen statt richtige Messgeräte anzuschaffen – hier werden wieder alle Probleme einfach bei der Schule abgeladen. Gesundheitsschutz gibt es aber nicht zum Nulltarif!“

Derweil stellt sich Benedikt Gehrling, Leiter der Erich-Kästner-Grundschule in Niederursel, das alle 20 Minuten per ministerieller Anordnung zu erwartende Lüftungs-Gewusel in den Klassenräumen lebhaft vor: „Das ist sportlich,“ Jacken und Mützen an, Jacken und Mützen aus, Hände waschen vor und nach dem Pausenbrot, vor und nach der Benutzung von PCs und Experimentier-Materialien. Das alles kostet Zeit, die vom Unterricht abgeht. „Natürlich werden wir das umsetzen“, sagt er und gibt sich entspannt, weil „Kinder in dieser Pandemie nicht das Problem“ seien.

Das sieht auch Prof. René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, so: Jüngere Schüler seien keine Corona-Infektionsquelle, sie steckten Erwachsene nicht an – eher umgekehrt, erklärte er dem HR.

„Spaßeshalber“ hat Schulleiter Benedikt Gehrling einmal überschlagen, was es kosten würde, die von Frankfurter Wissenschaftlern empfohlenen Luftreinigungsgeräte (HEPA 13) in den 167 Frankfurter Schulen und ihren etwa 4000 Klassenzimmern aufzustellen: „Bei einem Stückpreis von etwa 3000 Euro wären das rund 12 Millionen Euro.“

Corona in Frankfurt: FDP fordert Luftreinigungsgeräte

Genau die Anschaffung solcher Geräte für die Schulen fordert die FDP-Fraktion im Römer. Stefan von Wangenheim, bildungspolitischer Sprecher der Liberalen, kritisiert das „späte Reagieren“ der Stadtregierung, allen voran Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD). „Wie der Gesundheitsschutz an den Schulen im Winter gewährleistet sein wird, ist immer noch unklar.“ Es werde „fahrlässig“ mit dem Gesundheitsschutz der Kinder umgegangen, „dabei müsste er an erster Stelle stehen“. Eine erneute Schließung von Schulen müsse vermieden und „umgehend Luftreinigungsanlagen in allen Klassenzimmern“ installiert werden. Das Geld dafür solle die Stadt von der Landesregierung fordern.

Außerdem fordert die FPD, dass der Magistrat eine Kooperation mit dem Institut für experimentelle Atmosphärenforschung an der Universität Frankfurt eingehen soll: „Um von Anfang an eine wissenschaftliche Begleitung bei der Beschaffung der richtigen Geräte und eine frühzeitige Anpassung, respektive Optimierung des Konzepts zu gewährleisten.“

Frankfurter Schulstart bei steigenden Corona-Fallzahlen: Heftige Kritik an der Politik übt auch der Stadtelternbeirat

Heftige Kritik an der Politik übt auch der Stadtelternbeirat. Die Vorsitzende Julia Frank sagte dieser Zeitung: „Es gibt noch immer kein verbindliches landesweites Konzept und so herrscht weiterhin große Unsicherheit in den Schulen.“ Das Frankfurter Bildungsdezernat sei nicht in der Lage, innerhalb von eineinhalb Jahren alle Frankfurter Schulen mit WLAN zu versorgen. Maskenpflicht im Unterricht, Bilder von dick vermummten Kindern in Klassenräumen bei Minus-Temperaturen als Folge des Dauerstoßlüftens und eine etwaige Verlängerung der Winterferien seien doch nur Notlösungen. „Weil man sich nicht eingestehen will, dass seit Monaten im Bereich der Bildung an allen Enden versagt wurde“, so Julia Frank.

Man habe zwar sechs Monate die Folgen von Corona auf das Bildungssystem beobachten können, aber Konsequenzen daraus nicht oder kaum gezogen. „Das Kultusministerium gibt Anweisungen heraus, ohne sich damit auseinanderzusetzen, ob sie umsetzbar sind. Damit entzieht es sich der Verantwortung und wälzt das Problem auf die Träger, respektive Bildungsdezernat, Baudezernat und Gesundheitsamt ab.“ Es gebe in fast jeder Schule Klassenzimmer, in denen man Fenster nicht öffnen könne oder nur ein oberes Klappfenster vorhanden sei. Zumindest für Zimmer mit unzureichenden Lüftungsmöglichkeiten müssten Raumluftfilteranlagen angeschafft und diese Fenster ausgetauscht werden.

Zu den von Prof. Curtius als Ergänzung zum Lüften empfohlenen HEPA-13-Luftreinigern erklärte das Amt für Bau und Immobilien noch am Freitag auf Anfrage, von den mobilen Luftreinigern gingen „zahlreiche Gefahren aus“. Auch das Umweltbundesamt sehe die mobilen Luftreiniger „eher kritisch“. Dabei hat die Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) des UBA aufgrund der Studie nachjustiert: Als Ergänzung zum Lüften seien die Luftreinigungsgeräte geeignet.

Stadtschulamt in Frankfurt beschafft wegen Corona CO2-Ampeln

25 CO2-Messgeräte und CO2-Ampeln verwaltet das Amt für Bau und Immobilien (ABI). Diese werden Schulen in Frankfurt zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Sie wurden angeschafft, um an rechtzeitiges Lüften zu erinnern. Seit Ende der Sommerferien hätte etwa 15 Schulen nach Messgeräten gefragt. Wegen begrenzter Verfügbarkeit wird nur ein Gerät pro Schule verliehen.

Laut dem Stadtschulamt gibt es seitens „einiger weniger Eltern“ Anfragen nach Luftreinigungsgeräten, Schulen hätten sich bislang nicht gemeldet. Der Schulträger habe bislang „weder Luftreinigungsgeräte angeschafft noch versprochen“. Derzeit setzten sich alle Beteiligten mit der Bewertung der Luftreinigungsgeräte auseinander; diese ersetzten aber entgegen der landläufigen Meinung nicht das regelmäßige Lüften. Das Stadtschulamt beschafft nun für jede Schule 3 bis 4 CO2-Ampeln. Durch die derzeit weltweit hohe Nachfrage nach derartigen Geräten gibt es Lieferengpässe seitens der Hersteller.

Zur Corona-Infektionsgefahr an Schulen teilte das Stadtschulamt mit, das Gesundheitsamt sei bislang an 75 von 165 Schulen in der Nachverfolgung und Beurteilung tätig gewesen. (Von Ute Vetter)

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