Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten.
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Im Dauerstress: Viele Mitarbeiter auf den Intensivstationen der Kliniken stoßen allmählich an ihre Grenzen.

Virus-Pandemie

Corona-Lage „spitzt sich mehr und mehr zu“: Auf Frankfurts Intensivstationen wird es eng

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Das Pflegepersonal in Frankfurt ist wegen Corona „fix und fertig“ – und die vielen Todesfälle belasten die Mitarbeiter auch emotional sehr.

  • In Frankfurt infizieren sich immer noch zu viele Menschen mit dem Coronavirus.
  • Die Intensivstationen der Krankenhäuser stoßen an ihre Grenzen.
  • Mitte Dezember sind nur noch 12 Prozent der Intensivbetten in der Stadt frei.

Frankfurt ‒ „Die Situation in den Krankenhäusern spitzt sich mehr und mehr zu“, sagt Hilke Sauthof-Schäfer, Verdi-Gewerkschaftssekretärin und unter anderem zuständig für die Gesundheitsberufe. „Die Intensivstationen kommen an ihre Kapazitätsgrenzen. Das Pflegepersonal arbeitet bis an seine Belastungsgrenze und darüber hinaus.“

Corona-Lage in Frankfurt: Kapazitäz in zwei Krankenhäusern voll ausgeschöpft

Am Freitag (11.12.2020) waren in Frankfurt von 295 Intensivbetten 261 belegt. Heißt: Es gab noch gut zwölf Prozent freie Intensivbetten. 28 Prozent der Betten waren von Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, belegt. Insgesamt wurden auf den Intensivstationen der Kliniken im Stadtgebiet 72 Covid-19-Patienten behandelt, 38 von ihnen mussten beatmet werden. Diese Daten gehen aus dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervor, das regelmäßig aktualisiert wird. Für das Klinikum Höchst und das Bethanien-Krankenhaus meldete die Plattform keine freien Betten- und Personalkapazitäten mehr.

„Das Personal auf den Intensivstationen ist fix und fertig. Sie sind erschöpft“, sagt Sauthof-Schäfer. Die Arbeitsbelastung sei ständig auf hohem Level. Ohne Pausen. „Die Kollegen wissen nicht, wie sie das noch länger durchhalten sollen. Und sie haben Angst vor dem Januar, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen nicht bald ändert“, so die Gewerkschaftssekretärin. Dass Menschen sterben, das würde das Pflegepersonal kennen, aber nicht in dieser Häufigkeit, unter diesen Bedingungen. „Wenn sie ihre Schicht beginnen, wissen sie nie, wie viele Patienten sterben werden“, sagt Sauthof-Schäfer. In Normalzeiten sterbe, wenn überhaupt, ein Patient in einer Woche. Jetzt müsse man mit einem Patienten und mehr pro Schicht rechnen. „Das belastet extrem.“

Die Angst vor der Ansteckung: Pflegekräfte in Frankfurt am Limit

Zudem hätten die Pflegekräfte auf den Intensivstationen ständig Angst, sich selbst mit dem Virus anzustecken. „Je mehr Kollegen ausfallen, desto mehr Patienten sind von dem Einzelnen zu versorgen.“ Sauthof-Schäfer kenne viele Pflegekräfte, die schon jetzt ihren Beruf aufgegeben haben, „weil es einfach zu viel ist“. Sie sagt: „Ich denke, diese Entscheidung werden im kommenden Jahr noch mehr Kollegen treffen.“

Doch schon jetzt herrscht auf den Intensivstationen Personalmangel - auch auf den Intensivstationen der Agaplesion Frankfurter Diakonie Kliniken, zu denen das Markus- sowie das Bethanien-Krankenhaus gehören. „Das ist aber nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie so“, sagt Sprecherin Beatrix Salzgeber. „Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie sind bundesweit bereits seit Langem ein knappes Gut. Dieser Mangel verschärft sich jetzt, wo mehr Patienten intensivmedizinisch betreut werden müssen.“

Corona-Situation in Frankfurt angespannt: Infektionskurve muss gesenkt werden

Die Krankenhausgesellschaft versucht, weiteres Pflegepersonal zu gewinnen. So seien etwa hausinterne Pflegekräfte von anderen Stationen und auch ehemalige Mitarbeiter, die bereits Erfahrungen in der Intensivmedizin haben, rekrutiert worden. „Auch Anästhesiepfleger aus dem OP helfen jetzt auf den Intensivstationen aus“, sagt Salzgeber. „Das hat natürlich zur Folge, dass wir aktuell unser OP-Programm reduzieren müssen.“

Auch in der Uniklinik Frankfurt wird das „hochqualifizierte Fachpersonal durch geringer qualifiziertes Fachpersonal so unterstützt, dass die Versorgung von mehr Patienten mit guter Qualität möglich ist“, wie Dr. Ioanna Deligiannis, geschäftsführende Oberärztin der Intensivstation, sagt. „Gegenwärtig gelingt uns das.“ Deligiannis räumt aber auch ein, dass die Situation angespannt sei. „Das Aushalten der bereits sehr hohen Arbeitslast, die Erwartung, dass die Patientenzahlen noch weiter steigen werden, die Ungewissheit, was in der nächsten Schicht auf einen wartet - das belastet die Mitarbeiter“, sagt sie.

Gleiches gilt für das Klinikum Höchst, wo derzeit 40 Patienten behandelt werden, die an Covid-19 erkrankt sind. „Die Behandlungssituation stellt sich zurzeit für uns ähnlich dar wie in der Hochphase der ersten Welle im Frühjahr“, sagt Sprecherin Petra Fleischer. Bei Personalengpässen etwa durch Krankheit oder Quarantäne könnten Mitarbeiter von anderen Stationen auf der Intensivstation eingesetzt werden. „Es ist uns aber bewusst, dass bei einem ungebremsten Anstieg der Patientenzahlen die Personalplanung an ihre Grenzen kommen könnte“, so Fleischer. „Daher rufen wir die Öffentlichkeit dazu auf, die Corona-Regeln weiterhin zu befolgen und so die Infektionskurve zu senken.“

Corona in Frankfurt: Immer noch viele Neuinfektionen

Nach wie vor stecken sich in Hessen aber vergleichsweise viele Menschen mit dem Coronavirus an. In Frankfurt gab es am Freitag (11.12.2020) 194 Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag. Auf den Intensivstationen macht sich die Entwicklung der Neuinfektionen aber erst zeitverzögert bemerkbar.

„Die kommenden Wochen werden eine konstant hohe Arbeitsbelastung mit sich bringen, die hoffentlich unsere Kapazitäten nicht übersteigt“, sagt Dr. Ioanna Deligiannis von der Uniklinik. „Irgendwann werden die Zahlen aber zurückgehen.“ Allerdings werde es dann so sein wie nach der ersten Welle. „Das Personal wird nahtlos weiterarbeiten müssen, da auch Nicht-Covid-Patienten auf ihre Operationen warten.“ (Julia Lorenz)

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