In Frankfurt sollen künftig mehr Straßenbahnen fahren. Doch bei der Umsetzung gibt es Probleme.
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In Frankfurt sollen künftig mehr Straßenbahnen fahren. Doch bei der Umsetzung gibt es Probleme.

Verkehr

Frankfurt: Corona wirft Straßenbahnkonzept deutlich zurück

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Die Ausweitung des neuen Angebots in Frankfurt soll erst frühestens Ende 2022 beginnen - aus einem ganz speziellen Grund.

Frankfurt – Erst ein Jahr später als geplant wird die Stadt damit beginnen, das Straßenbahnangebot zu erweitern. Die Ursache dafür ist, dass neue Fahrzeuge erst mit Verspätung eintreffen. Im Verkehrsdezernat sieht man die Lage dennoch entspannt - aus einem ganz speziellen Grund.

Das Maximale herausholen aus dem vorhandenen Netz: Das steckt hinter dem Straßenbahnkonzept aus dem Haus von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD). Neue Linien sollen Fahrgästen mehr Direktverbindungen zwischen den Stadtteilen bieten, etwa von Höchst nach Oberrad und von Sachsenhausen nach Fechenheim. An vielen Haltestellen sollen Trams häufiger abfahren. Ebenso sollen die bisherigen Betriebsstrecken in der Schloßstraße in Bockenheim und der Mannheimer Straße im Gutleutviertel wieder mit Linienfahrten bedient werden: von einer ganz neuen Linie 13 zwischen Industriehof und der Heilbronner Straße.

Nahverkehr in Frankfurt: Lieferung von bestellten Straßenbahnen verspätet sich

Vorigen Sommer vorgestellt und vom Stadtparlament im März beschlossen, sollte die Umsetzung diesen Dezember beginnen und Schritt für Schritt bis 2025 abgearbeitet werden. Allein: Um in fünf Monaten starten zu können, fehlen Fahrzeuge. Zwar hat die Stadt 45 neue Straßenbahnen bestellt. Doch die Lieferung der Wagen der Baureihe T von Hersteller Alstom verzögert sich. Schon vorigen November hatten die ersten T-Wagen durch Frankfurt rollen sollen. Wegen Produktionsstopps und anderen coronabedingten Problemen im Herstellerwerk in Barcelona hofft die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) nun auf die Auslieferung des ersten Fahrzeugs nun in der zweiten Jahreshälfte.

Mit den neuen Fahrzeugen sollen zunächst die sieben ältesten Trams ersetzt werden: Nicht barrierefreie, unklimatisierte Wagen der Baureihe P aus den 1970ern müssen während der Stoßzeiten aushelfen, da Frankfurt zu wenig Straßenbahnen hat. "Erstmal werden die ersetzt", kündigt Klaus Oesterling an. Erst danach könne es losgehen mit neuen Angeboten. Daher verschiebe sich das Straßenbahnkonzept "um ein Jahr plus X", sagt der Dezernent.

Straßenbahn in Frankfurt: Weniger Fahrgäste durch Corona

Allerdings grämt ihn diese Verzögerung ausnahmsweise einmal nicht so sehr. Denn die Pandemie selbst macht den späteren Konzeptstart laut Oesterling vertretbar: "Wir haben ja eine Erleichterung, weil wir durch Corona weniger Fahrgäste haben."

Sobald die neuen Wagen kommen, sollen sie auf Herz und Nieren geprüft werden. Verzögerungen seien möglich, räumt der Dezernent ein. "Bei einem neuen Fahrzeugtyp kann es immer einmal Kinderkrankheiten geben." Besonders schlimm waren die in den 1990er-Jahren bei der Vor-Vorgängerbaureihe R, als es sehr viele technische Pannen gab.

Das neue Straßenbahnangebot verspätet sich.

Nahverkehr in Frankfurt: Straßenbahn-Linie 20 erst ab Dezember 2022?

Deshalb kalkuliert man im Verkehrsdezernat vorsichtig damit, dass die neue Linie 20 "eventuell" ab Dezember 2022 als erster Baustein des Konzepts den Betrieb aufnimmt. Sie soll zwischen Bürostadt Niederrad und Rebstockbad fahren. "Diese Linie ist am dringendsten", sagt Oesterling. So werde das Angebot auf den Abschnitten, auf denen auch die Linie 12 nach Niederrad sowie die Linie 17 in den Rebstock fahren, auf einen Fünf-Minuten-Takt in der Rush-hour verdoppelt. Möglich ist das ohne Infrastruktur-Invest: die Bahnen sollen einfach in der nahen Gleisschleife am Waldfriedhof Goldstein wenden.

Im zweiten Schritt sei es nötig, das Angebot entlang der Friedberger Landstraße auszuweiten, erklärt der Dezernent. Hier soll die neue Linie 19 von Oberrad via Lokalbahnhof und Konstablerwache bis zur Friedberger Warte fahren. Dafür muss noch eine Wendestelle gebaut werden. Sie solle nördlich der Friedberger Warte entstehen mit einem neuen Wendegleis zwischen den beiden Streckengleisen, erklärt Oesterling. Das Gleis solle lang genug werden, damit dort zwei Bahnen wenden können. Dafür sind aufwendigere Bauarbeiten nötig: Der Gleiskörper müsse aufgeweitet, dafür auch die Straße verlegt werden.

Straßenbahn in Frankfurt: Neue Haltestelle auf der Linie 13 notwendig

Ebenfalls einiges an Bauarbeiten wird für die Linie 13 nötig. Für sie muss am Industriehof eine neue Wendehaltestelle direkt neben der U-Bahn-Haltestelle entstehen. Auch müssen in der Schloßstraße die Haltestellen Kurfürstenplatz und Schönhof gebaut werden. Mit den Ideen für die insgesamt vier Bauprojekte wolle er "relativ schnell in die konkrete Planung gehen", sagt der Dezernent. Es sei einige Vorlaufzeit nötig, da alle Projekte aufwendig genehmigt werden müssten.

Die bisherigen Vorschläge für den Umbau der Schloßstraße samt der neuen Haltestellen sieht er kritisch: "So richtig überzeugend ist das nicht." Dabei räumt der Dezernent ein: "Ich muss es nicht mehr entscheiden." Klaus Oesterling soll am 8. September endgültig abgewählt werden. Stefan Majer (Grüne) ist danach als neuer Verkehrsdezernent vorgesehen. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Zudem sollen bald durch Frankfurt XL-Trams rollen.

KOMMENTAR

Atempause nutzen und Verspätungen aufholen

Mal ehrlich: Dass ein Verkehrsprojekt pünktlich umgesetzt wird in Frankfurt, damit rechnet keiner der verspätungserprobten Fahrgäste. Immerhin kann die Stadt nichts für die mindestens einjährige Verzögerung beim Straßenbahnkonzept. Ausruhen darf sich die öffentliche Hand deswegen noch lange nicht.

Die zurückgegangenen Fahrgastzahlen nun als Grund anzuführen, warum die Verzögerung verschmerzbar sei, schlägt fehl. Erstens, weil gerade in den nächsten Monaten mit weiter großer Gefahr jeder Quadratmeter mehr Raum im Nahverkehr Sicherheit und ein gutes Gefühl bietet. Zweitens, weil so voll gepferchte Straßenbahnen wie bis März 2019 die absolute Negativwerbung für den Nahverkehr sind. Das kann keine ernsthafte Perspektive für die Post-Corona-Zeit sein. Drittens, weil der Klimawandel mehr Umsteigen in Nahverkehr erfordert und kein Abwarten. Deshalb muss die neue Koalition das Mehr an Straßenbahn schnellstens realisieren. Der neue Dezernent Majer muss sofort die Corona-Atempause nutzen und das Signal auf "Fahrt" stellen für den Infrastruktur-Ausbau - nicht nur in Schloßstraße und Friedberger Landstraße, sondern auch am überlasteten Halt Hauptbahnhof, an der Galluswarte und überall, wo bald längere Züge halten sollen. Nur weil die Umsetzung des Tram-Konzepts ein Jahr später beginnt, muss sie ja nicht auch verspätet am Ziel eintreffen. Wie wäre es mit früherer Ankunft? Klar, das klingt revolutionär. Aber die Stadt darf die umweltbewussten Nahverkehrsnutzer ja auch einmal glücklich machen. (dpg)

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