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Marc Selter aus Frankfurt hat in einer Maßnahme der Arbeitsagentur Höchst für Alte und Bedürftige eingekauft. Das darf er jetzt wegen des Coronavirus nicht mehr. Also macht er auf eigenes Risiko weiter.

Arbeitsagentur stellt Maßnahmen ein 

Corona-Krise in Frankfurt: Arbeitsagentur stoppt Hilfe für Bedürftige

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Hartz-IV-Empfänger dürfen in Frankfurt vorerst nicht mehr als Einkaufshilfen einspringen. Betroffene sind auf sich allein gestellt. 

  • Der Coronavirus hat Auswirkungen auf die Hilfe für bedürftige Menschen 
  • Hartz-IV-Empfänger dürfen vorerst nicht mehr als Einkaufshilfen oder bei der Caritas arbeiten
  • Die Arbeitsagentur hat sämtliche Arbeitsgelegenheitsmaßnahmen ausgesetzt 

Frankfurt - Marc Selter ist verzweifelt. Der gelernte Diplombetriebswirt hatte nach langer Krankheit wieder Tritt gefasst, kümmerte sich als Hartz-IV-Empfänger in einer Maßnahme für die Arbeitsagentur in Höchst, einem Stadtteil von Frankfurt, um alte, verunfallte und behinderte Menschen. Er besuchte sie zu Hause und versorgte sie einmal wöchentlich mit Einkäufen. 

Wegen Coronavirus Hilfsmaßnahmen in Frankfurt gestoppt: Persönlicher Kontakt zu Bedürftigen verboten

Das ist ihm nun untersagt: Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus hat die Hauptstelle der Agentur für Arbeit in Nürnberg der Gemeinnützigen Frankfurter Frauen-Beschäftigungsgesellschaft (GFFB), dem Träger des Hilfsangebots, untersagt, weiteren persönlichen Kontakt zwischen den Teilnehmern der Maßnahme und den Hilfeempfängern zuzulassen. 

Das gilt seit Ende vergangener Woche für alle Arbeitsgelegenheitsmaßnahmen (AGH), von der Kleidersortierung bei der Caritas bis hin zu den Betreuungs- und Lieferdiensten für Hilfsbedürftige. Zunächst war im Zeichen von Corona nur die Betreuung, darunter auch gemeinsame Unternehmungen, gestrichen - nun ist es auch der wöchentliche Einkauf.

Wegen Coronavirus Hilfsmaßnahmen in Frankfurt gestoppt: Menschen werden alleine gelassen

Nicht um ihn selbst gehe es bei seinem Hilferuf, betont Marc Selter aus Frankfurt, sondern um diese Menschen, "die ohne unsere Unterstützung jetzt allein gelassen sind. Niemand übernimmt das wegen der Corona-Krise." Selter erzählt von einem seiner "Stammkunden", wie er sie nennt, den er seit eineinhalb Jahren immer montags besucht. 

"Mein Kunde ist schwerst schlaganfallgeschädigt, hat Arthrose und kann seine Wohnung nicht verlassen", erzählt Selter. Zwar kämen Pflegedienste zu ihm, doch die brächten keine Einkäufe. "Er sitzt den ganzen Tag an seinem 8o mal 80 Zentimeter großen Küchentisch. Darauf liegen seine Medikamente. Er lebt ausschließlich nach dem Zeitplan ihrer Einnahme."

Wegen Coronavirus Hilfsmaßnahmen in Frankfurt gestoppt: Ohne Rücksicht auf Konsequenzen

Marc Selter wirft der Agentur für Arbeit vor, bei ihrer Entscheidung ohne Augenmaß und ohne Rücksicht auf die Konsequenzen gehandelt zu haben. "Sie machen die Arbeitsgelegenheitsmaßnahmen mit dem Vorschlaghammer nieder", klagt er an. Dieser Ansicht tritt Claudia Czernohorsky-Grünberg, Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt, energisch entgegen. 

Es gebe angesichts der Corona-Bedrohung in Frankfurt "eine klare Anweisung des Bundes, die wir umzusetzen haben", sagt sie. Sie laute: "Keine physische Präsenz mehr bei den arbeitsmarktfördernden Maßnahmen - und das gilt natürlich auch für den Einkaufsdienst." Von einer Nicht-Versorgung könne aber auch jetzt keine Rede sein. So gebe es ja Stadtteilhilfen und beim Jugend- und Sozialamt eine Hotline, die hilfsbedürftige Bürger für Einkaufsdienste nutzen könnten.

Wegen Coronavirus Hilfsmaßnahmen in Frankfurt gestoppt: Keine andere Entscheidung möglich gewesen

Auch Angela Köth, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit (Regionaldirektion Hessen), betont: Angesichts der Sicherheitslage in der Corona-Krise hätte es gar keine andere Entscheidung geben können. "Wir müssen unsere Kunden und die Betreuten schützen", macht sie deutlich. Als Hauptrisikogruppe gelte das ganz besonders für die alten und behinderten Menschen, um die sich soziale Einrichtungen wie die GFFB kümmern.

Hausbesuche seien angesichts der Ansteckungsgefahr ein Unding: "Stellen Sie sich vor, ein Mensch in der Arbeitsgelegenheit steckt einen betreuten Menschen an - und der stirbt." Gleichwohl äußerte Angela Köth viel Verständnis für die Lage der Betroffenen: "Wir stecken durch das Virus in einer fatalen Situation." Gefordert seien nun die Stadt Frankfurt und die Sozialrathäuser.

Wegen Coronavirus Hilfsmaßnahmen in Frankfurt gestoppt: Mit Stadt im Gespräch

Mit der Stadt Frankfurt ist auch Barbara Wagner, Geschäftsführerin der BFFG, nach eigener Aussage derzeit in Gesprächen. Sie beschreibt die Situation in der Corona-Krise als dramatisch: "Wir mussten alle unserer etwa 70 Teilnehmer der AGH nach Hause schicken", berichtet sie. Viele seien darüber sehr unglücklich gewesen. 

"Denn die machen das sehr gerne und sehr verantwortlich", lobt die Geschäftsführerin. Ihre Arbeit ist als Wiedereingliederung ins normale Berufsleben gedacht, die Teilnehmer erhalten 1,50 Euro pro Stunde zusätzlich zu den Hartz-IV-Leistungen sowie eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr.

Wegen Coronavirus Hilfsmaßnahmen in Frankfurt gestoppt: Betrüger könnten Lage missbrauchen 

Vor allem aber sei zwischen den Helfern und den etwa 100 Betreuten in Frankfurt über die Zeit "ein Vertrauensverhältnis entstanden". Wenn nun, wie es von der Stadt angedacht sei, etwa ehrenamtliche Helfer in die Bresche springen würden, sei das problematisch. Denn in diesen "grauen, unsicheren Zeiten" gebe es Betrüger, die sich als Gesundheitsamt-Mitarbeiter ausgäben oder sich im Tarnmantel ehrenamtlicher Angebote bei den Menschen einschleichen, um sie zu berauben.

Auch ihr "tolles, engagiertes Team", betont Barbara Wagner, sei verzweifelt über die Lage: "Sie wollen helfen - und dürfen nicht", sagt sie. Den Hartz-IV-Empfängern stehe es aber nun frei, privat weiterzuhelfen, allerdings ohne die Bezahlung und ohne die Monatskarte für den Öffentlichen Personennahverkehr. "Ein paar wollen das aber trotzdem machen", weiß sie. So wie Marc Selter. Gestern versorgte er seinen Stammkunden wieder mit Einkäufen. Privat, unentgeltlich und auf eigenes Risiko.

Von Michael Forst

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