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Hat für Kunden ein Lächeln, auch wenn man es hinter dem Mundschutz nur erahnen kann, und eine Maske parat: Peter-Alexander Oelschlägel vom Herrenausstatter Eckerle auf der Zeil. Fotos: Enrico Sauda

Corona in Frankfurt

Die Stadt erwacht langsam wieder zum Leben

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Die ersten Geschäfte öffnen, Kunden kaufen mit Abstand ein. Ladenbesitzer, Mitarbeiter und Türsteher in Frankfurt haben am Montag (20.04.2020) mit der Sonne um die Wette gestrahlt. Die Händler sind erleichtert. Aber der Weg zurück zur Normalität ist noch weit.

Frankfurt - So viele Fensterputzer wie am Montagmorgen gab es in Frankfurt lange nicht zu sehen. Stück für Stück füllen sich Schaufenster mit Schmuck und Sommermode. Die Innenstadt erwacht nach vier Wochen Corona-Pause ganz langsam wieder zum Leben. Die bisher menschenleeren Straßen füllen sich. Leute stehen ungeduldig vor Läden und können es kaum erwarten, dass sie wieder öffnen. Bei Conrad an der Konstablerwache wird von Mitarbeitern hinter verschlossenen Türen freundlich abgewunken. "Wir öffnen erst Dienstag", rufen sie. "Aber ich habe doch ein Problem mit meinem Handy-Akku", beschwert sich ein Mann lautstark. Der Verkäufer zuckt mit den Schultern und vertröstet ihn.

In vielen Läden wurden schon das ganze Wochenende über Vorkehrungen für die Wiedereröffnung getroffen. Andere arbeiten noch daran, montieren eilig Hinweisschilder für Abstände, stellen Desinfektionsmittel bereit, befestigen Flatterbänder, die Kunden auseinanderhalten sollen. Überall Masken, Handschuhe - es sind ungewohnte Bilder.

Coronavirus in Frankfurt: Kunden zählen mit Wäscheklammer

Geschäfte mit einer Fläche bis zu 800 Quadratmetern dürfen ganz normal öffnen. Beim Herrenausstatter Eckerle wurde Fläche abgesperrt, so dass es jetzt 780 Quadratmeter Fläche zum Shoppen gibt. Geschäftsleiter Peter Oelschägel trägt eine bunte, selbst gemachte Maske. "Die habe ich mit meinen Töchtern gebastelt", sagt er und zeigt stolz das Kontrastfutter innen. Wer den Laden betritt, muss sich die Hände desinfizieren, bekommt einen Mundschutz und eine gelbe Wäscheklammer zum Anstecken. "Mit der Wäscheklammer können wir Kunden zählen. Für sie alle sind wir verantwortlich und treffen jede denkbare Vorkehrung", so Oelschlägel. Seine Mitarbeiter strahlen hinter ihren Masken ebenso, wie er selbst. Sie freuen sich darüber, wieder arbeiten zu können und auf Kunden, die reichlich kommen.

Vor MyZeil begrüßen Security-Mitarbeiter die Kunden. Kleine Geschäfte bis in die zweite Etage können wieder öffnen. Die großen bleiben vorerst zu. "Wir wollen ja, dass die Lockerung mehr als eine Woche lang hält und wollen sehen, ob und wie sich die Leute an die Regeln halten", so Karim (45). "Zu arbeiten beflügelt. Ebenso wie Freundlichkeit", so der Sicherheitsmitarbeiter. "Die Corona-Auszeit hat zum Nachdenken angeregt. Darüber, wie wichtig es ist, gut miteinander umzugehen. Und darüber, was man wirklich braucht. Ich hoffe, dass diese Wertschätzung anhält und nicht wieder zu dem früheren Stress-Druck führt", sagt er und erklärt neugierigen Kunden geduldig, dass jeder der kleinen Läden auf den ersten beiden Etagen selbst entscheidet, wann und wie er öffnet. Manche schütteln den Kopf, die meisten stimmen zu, dass Sicherheit und Gesundheit wichtiger sind, als zu schnell wieder aufzumachen.

Den größten Ansturm verzeichnen gestern Vormittag nicht Schuhgeschäfte, sondern der kleine Laden W. Wächtershäuser in der Töngesgasse. Mehr als 30 Leute reihen sich geduldig mit großem Abstand voneinander auf dem Bürgersteig. Die meisten tragen Einwegmasken oder Tücher vor ihren Gesichtern. Sie alle sind auf der Suche nach dem, was dieser Laden hat: Futterstoffe, Kurzwaren, Reißverschlüsse, Knöpfe und Schneiderbedarf. Damit wollen sie vorsorgen und sich eigene Masken nähen.

Auf dem Römerberg haben vier Souvenirläden offen. Kunden bleiben mangels Touristen zunächst zwischen Bembeln und Kitsch aus. "Egal, wie man das Problem Corona dreht oder wendet, ist es beschissen", sagt Radmilla Schäfer von der Römer Truhe. "Alles ist besser als vier Wochen Lockdown. Mit der Öffnung haben wir wenigstens ein bisschen Normalität im Wahnsinn." Sie hofft auf Kunden und darauf, dass bald wieder Reisen möglich sind.

Coronavirus: Kein menschenleeres Frankfurt mehr

Aysel Rathmanns braune Augen hingegen strahlen über dem weißen Mundschutz. Sie verkauft nach vier Wochen zum ersten Mal wieder Eis in der Casa del Gelato. Die Eisdiele nebenan auf dem Paulsplatz ist geschlossen. "Alles ist desinfiziert, es gibt nur Becher, wir arbeiten abwechselnd, damit wir uns physisch nicht nahe kommen", sagt sie. "Ich freue mich, dass langsam wieder Läden öffnen und gleichzeitig tut es mir weh, um jeden, der an Covid-19 erkrankt oder gestorben ist", sagt sie. Vier Wochen lang hat sie mit ihrer Familie die Wohnung nicht verlassen. "So eine lange Pause haben wir noch nie gemacht. Es ist gut, dass sich die Leute hier an die Regeln halten. So schaffen wir es." Sie füllt Bällchen aus Himbeer-, Zitronen- und Butterkekseis in Becher. Die Kunden halten Abstand und warten geduldig. "Schön, dass ihr wieder da seid", sagen viele, die ihr erstes Eis nach Wochen in der Hand halten. "Bleiben Sie gesund", wünscht Rathmann voller Hoffnung.

Es hat weh getan, unsere Stadt, in der sonst das Leben pulsiert, in den vergangenen Wochen wie im Dornröschenschlaf zu erleben. Läden, Restaurants und Cafés verriegelt und verrammelt, die Straßen menschenleer. So ist unser Frankfurt nicht. Dass jetzt die Läden wieder öffnen dürfen, es ist ein Hauch Normalität. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Weg zurück zu dem Leben, das wir noch vor wenigen Wochen geführt haben, zu dem Frankfurt, das wir kennen und lieben, er ist noch weit. Gaststätten und Cafés bleiben geschlossen, Schwimmbäder, Sport- und Spielplätze sind weiterhin gesperrt, Dippemess' und Wäldchestag fallen aus. Es ist nicht leicht, auf all das zu verzichten. Mehr noch: Es wird von Tag zu Tag schwerer. Und vieles wirkt schrecklich ungerecht. Warum etwa dürfen Läden öffnen, aber Gastwirte keine Außengastronomie anbieten? Das wirkt nicht nur so, es ist schrecklich ungerecht, und doch unumgänglich. Wir alle müssen uns Schritt für Schritt herantasten an das, was an Normalität möglich ist, ohne die Zahl der Corona-Neuinfektionen in die Höhe zu katapultieren. Je mehr wir uns darum bemühen und uns an die Regeln halten, jeder für sich, umso schneller bekommen wir unser altes Frankfurt zurück.

von Sabine Schramek

Notgedrungen muss Frankfurt mit dem Coronavirus leben lernen. Die Pflegeheime stellt die Krise vor eine gigantische Herausforderung: Wie den Alten und Gebrechlichen Nähe schenken, ohne die Risikopatienten in Gefahr zu bringen? Die Not macht erfinderisch. Ab Montag beginnt an den Schulen in Frankfurt nach dem Corona-Lockdown wieder schrittweise der Unterricht. Die Stadt hat einen Hygiene-Plan erarbeitet.

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