Nähe trotz Distanz

In Corona-Zeiten Mut machen und trösten: Sing-Aktionen mit Nachbarn

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Auf Abstand gemeinsam Mut machen und trösten, dafür setzen sich Nachbarn in Frankfurt ein, denn Singen stärkt den Zusammenhalt in Zeiten des Coronavirus.

  • Das Coronavirus hält auch Frankfurt in Atem
  • Distanz zu seinen Mitmenschen ist das oberste Gebot
  • Nachbarn in Frankfurt wollen sich mit einer Sing-Aktion jetzt gemeinsam Mut machen

Frankfurt - Für ein bisschen Aufmunterung in ungewissen Zeiten des Coronavirus sorgen Nachbarn im Nordend. In der Günthersburgallee wird ab sofort jeden Tag bei gutem Wetter von Fenster zu Fenster, von Balkon zu Balkon auf die Straße und zurück gesungen.

Coronavirus in Frankfurt: "Heute 18 Uhr Singen. Straße, Fenster, Balkon"

Fast stimmt es. "Oh, wie schön ist dieser Abend" hallt eine kräftige, hohe Frauenstimme vom Balkon im dritten Stock in der Günthersburgallee. Am Geländer hängt eine Schild mit der Aufschrift "Heute 18 Uhr Singen. Straße, Fenster, Balkon". Die Fenster sind offen, weitere Stimmen aus verschiedenen Stockwerken kommen hinzu. "Ding, dong, ding, dong". Dieser Abend um Punkt 18 Uhr gleich nach dem Glockenläuten ist der Beginn des Nachbarschaftssingens, das künftig jeden Tag bei gutem Wetter stattfinden soll. Die Frau mit der schönen Stimme verändert den Text: "Oh, wie schön, wär dieser Abend, wenn es kein Corona gäb".

Einzelne Radler in der Allee bleiben stehen, Gassigänger recken ihre Köpfe Richtung der Hausnummer 77. Handys werden gegenüber gezückt, der Kanon nimmt seinen Lauf. Aus Dachfenstern, aus Luken und von Balkonen wird eingestimmt. "Ding, dong, ding, dong". Die Stimmung ist zwischen Staunen, Freuen und Gänsehaut. "Habt ihr Texte da?", ruft eine Frau aus dem Nachbarhaus. "Nein, wir verteilen kein Papier wegen Corona", schallt es zurück. Aus dem Timm Gierig Haus nebenan schlägt jemand das Lied "Frère Jacques" vor. Die Dame mit der schönen Stimme auf dem Balkon mit hellem geschwungenen Jugendstilgitter legt los. Aus drei Häusern hört man den Gesang, der anfangs zögerlich, dann mutiger wird.

Musik ist gut für die Seele – Auch in Corona-Zeiten

Seit letzter Woche bereits gibt es regelmäßige Aktionen, die Bürger an ihren Fenstern zum Mitmachen animieren. Um 21 Uhr Klatschen für die, die das System am Laufen halten. Ärzte, Krankenschwestern, Pflegekräfte, Retter, Feuerwehr, Polizei, Kassierer, Mitarbeiter in Geschäften. Jeden Tag werden es mehr, die ihnen durch Klatschen Danke sagen. Am Freitag haben alle Radiosender um 8.45 Uhr den Titel "You'll Never Walk Alone" von Gerry & the Pacemakers gespielt. Dass Musik gut für die Seele ist, zeigt sich in diesen Tagen. Gemeinsames Singen funktioniert in der Nachbarschaft. Es zeigt, dass man nicht allein ist. Dass es anderen ebenso ergeht, wie einem selber und, dass Nachbarn ein Miteinander bilden. Musik hat auch positive Effekte auf den menschlichen Körper. Sie kann dabei helfen abzuschalten, Probleme einfacher erscheinen zu lassen und ein Gefühl des Glücks geben. Singen stärkt auch noch die Atmung und kann Blockaden lösen.

Das erste Balkonsingen in der Günthersburgallee wechselt zu "Alle Vöglein sind schon da", "Che sera, sera". Von der gegenüberliegenden Straßenseite winken ein Mann und eine Frau den Sängern zu. "Das klingt schön", rufen sie. "Wir sollten das in der ganzen Straße mitmachen." Sie stimmen ebenfalls kurz ein. Zwischen kurzen Diskussionen, welche Lieder gesungen werden können, kommt der Vorschlag einer Nachbarschafts-Whatsapp-Gruppe auf. "Da können wir doch Vorschläge machen und Texte reinsetzen", ruft eine Frau aus dem Fenster.

Coronavirus in Frankfurt: Sing-Aktion interessiert auch Passanten und macht neugierig

Die wenigen Leute, die auf der Straße sind, betrachten die Aktion neugierig und interessiert. Sie halten Abstand voneinander, aber sie nicken sich zu. Eine Frau schiebt langsam ihr Fahrrad, der Korb auf dem Gepäckträger ist voller gelber Forsythienzweige. Sie lächelt, als "Alle Vöglein sind schon da" erneut angestimmt wird. Aus immer mehr Fenstern gucken Bewohner und sehen und hören zu. Am Ende einigen sich die Initiatoren auf das Lied "Der Hahn ist tot". 

Im Kanon, der sofort von Haus zu Haus sogar mehrstimmig im Kanon funktioniert. Es klingt schön, eine leichte Gänsehautstimmung tritt ein. Die Straßen sind leer, Verkehrslärm ist nur sanftes Rauschen zwischen Vogelgezwitscher und Gesang. Dreimal singen sie das Lied hintereinander. Die Frau mit der schönen Stimme winkt anschließend vom Balkon. "Morgen machen wir das wieder um 18 Uhr", ruft sie fröhlich. "Morgen und an jedem Tag, an dem es das Wetter zulässt. Corona wird uns nicht unterkriegen."

SABINE SCHRAMEK

Unterwegs in Frankfurt: Wie Corona unseren Alltag beeinflusst. Noch ist die Bedrohung nicht spürbar, aber die Unsicherheit wächst bei den einen, die anderen reagieren erstaunlich gelassen.

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und Frankfurts Spiel- und Sportstätten sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Schilder weisen auf deutsch und englisch darauf hin, dass alle Spiel- und Sportstätten wegen des Coronavirus bis auf Weiteres geschlossen sind. Nicht alle halten sich an die Corona-Einschränkungen in Frankfurt: „Manche haben es einfach noch nicht gerafft“.

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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