+
Frühchen-Pflegerinnen wie Karin Kannowski vom Bürgerhospital profitieren für gewöhnlich von der Zuwendung der Eltern zum Säugling. Zurzeit dürfen Eltern nur getrennt auf die Station. Ein Paar hat sich nun darüber beschwert.

„Überschreitet jedes Maß an Vernunft“

Coronavirus auf Frühchenstation: Hospital führt irrsinnige Regel für Eltern ein

Ein Paar aus Frankfurt könnte nach der Geburt ihres Frühchens eigentlich aufatmen. Doch das Bürgerhospital ergreift wegen des Coronavirus eine schwierige Maßnahme.

  • Coronavirus in Frankfurt angekommen
  • Bürgerhospital hat strenge Regeln für Frühchenstation eingeführt
  • Eltern dürfen das Kind nur noch nacheinander sehen

Frankfurt – Hinter Felix Schütze und seiner kleinen Familie liegen anstrengende Wochen. Denn Anfang Februar kam sein erstes Kind zur Welt - zehn Wochen zu früh. Deshalb muss das Baby immer noch auf der Frühchenstation des Frankfurter Bürgerhospitals betreut werden. Zum Glück habe sich der Kleine schon ganz gut entwickelt, sagt der 36-jährige Lehrer aus Karben, der den Namen seines Sohnes lieber für sich behalten will.

Eigentlich könnten er und seine Frau jetzt endlich ein wenig durchatmen. Wenn da nicht die Angst vor dem Coronavirus wäre - und vor allem die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Die gravierendste Folge: Seit vergangenem Mittwoch können Felix Schütze und seine Frau nicht mehr zusammen zu ihrem Baby auf der Neonatologie des Bürgerhospitals. Besuche seien nur noch einzeln möglich, hieß es, als sich das Ehepaar am Empfang der Klinik meldete.

Eine Maßnahme, über die der Gymnasiallehrer nur den Kopf schütteln kann. Denn unmittelbar nacheinander dürften er und seine Frau durchaus zu dem Kleinen, auch jetzt noch. "Dabei wird die virale Last durch diese Maßnahme überhaupt nicht reduziert. Aber unsere Gesamtsituation wird massiv erschwert. Das so zu handhaben, ist nicht zielführend und nicht nachvollziehbar. Die Glaubwürdigkeit erschließt sich mir nicht. Das ist absoluter Humbug."

Coronavirus in Frankfurt: Eltern dürfen Kind nur getrennt sehen – „Infektionsrisiko damit nicht gemindert!“

Dass die Klinik auf Nummer sicher gehen will und deshalb Besuche nur in Ausnahmefällen zulässt, kann Schütze, der als Biologielehrer an einem Gymnasium im Landkreis Offenbach tätig ist, durchaus nachvollziehen. Er und seine Frau wollten niemanden gefährden, versichert er, schon gar nicht ihren kleinen Sohn: "Notfalls wären wir auch dazu bereit, ihn gar nicht zu besuchen, wenn wir damit Schaden abwenden könnten."

Doch in ihrer jetzigen Form könne er die Besuchsregelung nicht nachvollziehen: "Gemeinsame Besuche der Eltern stellen ein gleich hohes Infektionsrisiko für andere dar wie der unmittelbar aufeinanderfolgende getrennte Besuch der Eltern. Diese Widersprüchlichkeit ist verunsichernd. Damit löst man familiär große Schwierigkeiten aus."

Coronavirus in Frankfurt: Nerven der Eltern sind schon extrem strapaziert

Dabei sind die Nerven der jungen Eltern ohnehin strapaziert. Gerade mal 1400 Gramm wog ihr kleiner Sohn, als er am 4. Februar im Bürgerhospital geboren wurde, zehn Wochen vor dem errechneten Termin. Ein winziges Bündel Leben, das sofort auf die Frühchenstation musste. In eine abgeschlossene Welt mit Beatmungsgeräten und Monitoren, zu der außer betroffenen Eltern, Ärzten und Pflegern kaum jemand Zutritt hat. Hier liegen die winzigen Frühgeborenen, manche kaum 700 Gramm schwer, in Inkubatoren oder Wärmebettchen.

Im Vergleich zu anderen Frühchen-Eltern hätten sie sogar noch Glück gehabt, sagt Felix Schütze. Denn ihr Kleiner konnte von Anfang an selbstständig atmen, auch wenn seine Atemzüge in den ersten Wochen noch überwacht werden mussten. Allerdings brauchte er eine Magensonde, weil er zum Saugen und Schlucken noch zu schwach war. Das hat sich mittlerweile geändert. Seit vier Wochen trinke sein Sohn aus der Flasche und seit zwei Wochen werde er auch gestillt, sagt Vater Felix: "Er wiegt jetzt 2400 Gramm und hat einen guten Zug auf der Flasche und an der Brust."

Corona in Frankfurt – „Diese drastische Maßnahme des Krankenhauses überschreitet jedes Maß an Vernunft“

So oft wie möglich sind seine Eltern bei ihm, streicheln ihn, kuscheln mit ihm, nehmen ihn aus seinem Bettchen und legen ihn sich stundenlang auf die Brust, um ihn durch Nähe und Hautkontakt zu stärken. "Känguruhen" nennen Fachleute das. Genau diese Momente familiärer Gemeinsamkeit seien für sie so wichtig, um diese schwierige Situation zu überstehen, sagt der 36-Jährige Vater - zumal es momentan die einzige Chance für sie sei, als Familie zusammenzuwachsen. Umso härter trifft ihn und seine Frau nun die neue Besuchsregelung im Bürgerhospital: "Diese drastische Maßnahme des Krankenhauses überschreitet jedes Maß an Vernunft", kritisiert Felix Schütze. Das Verbot gemeinsamer Besuche sei eine nicht hinnehmbare Einschränkung und müsse deshalb unverzüglich zurückgenommen werden. 

Weite Teile der Frankfurter Innenstadt sind wegen des Coronavirus menschenleer. Aber noch immer ist das Mainufer tagsüber eine beliebte Flaniermeile. Nicht alle halten sich an die Corona-Einschränkungen in Frankfurt: „Manche haben es einfach noch nicht gerafft“ 

Corona in Frankfurt: Das sagt der Chefarzt der Klinik 

Der Chefarzt der Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin im Frankfurter Bürgerhospital, Professor Dr. Steffen Kunzmann, bittet um Verständnis für das Vorgehen der Klinik: „Wir verstehen sehr gut, dass die aktuelle Besuchsregelung gerade für junge Eltern belastend ist. Gleichzeitig stehen wir als Klinik vor der Aufgabe, das Infektionsrisiko für unsere Mitarbeiter und Patienten so niedrig wie möglich zu halten.

In diesem Spannungsverhältnis haben wir die Besuchsregelung für die bei uns stationär behandelten Neugeborenen aufgesetzt, die wir allen Eltern der Kinder auch erläutern. Diese Regelung macht die Abläufe bei uns nicht leichter – im Gegenteil: Der elterliche Kontakt ist enorm wichtig und entlastet die Kollegen. Wir hoffen aber auf Verständnis dafür, dass wir als Krankenhaus in Anbetracht der aktuellen Lage versuchen müssen, so wenig Ansteckungsgefahr für unsere Patienten und Mitarbeiter zu erzeugen wie möglich.“

Von Brigitte Degelmann

Das Coronavirus endlich in den Griff bekommen - daran arbeiten Forscher weltweit. Nun prescht Bosch mit einem Schnelltest auf Covid-19 und das Coronavirus vor.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare