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Eine suchtkranke Frau steht an einer Treppe zur B-Ebene des Hauptbahnhofs und zündet sich eine Crackpfeife an.

Konsum des Rauschgifts im Bahnhofsviertel nimmt zu

Crack ist auf dem Vormarsch

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Die Zahl der Crackdealer im Frankfurter Bahnhofsviertel hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt. Erstaunlich ist das nicht: Crack ist in der Rauschgiftszene der Stadt seit Jahren auf dem Vormarsch und hat das Heroin längst von der Spitzenposition verdrängt. Experten sagen voraus, dass die Droge künftig eine noch größere Rolle spielen wird.

Zwischen 20 und 40 Crackdealer waren im Jahr 2015 in der Taunusstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel unterwegs. Nach der Verlagerung der Szene in die B-Ebene des Hauptbahnhofs geht die Polizei derzeit von 40 bis 80 Händlern aus. Ein Grund für die Verdopplung der Crackdealerzahl dürfte die steigende Nachfrage sein. Denn seit der Jahrtausendwende hat sich Crack zur am stärksten konsumierten Droge der Frankfurter Rauschgiftszene entwickelt.

Mitte der 1990er Jahre war das noch nicht abzusehen: Damals gab es im Bahnhofsgebiet nur eine winzige Crackszene. Heroin und Kokain dominierten den Straßenhandel deutlich. Dann begann der Aufstieg des Cracks und – parallel dazu – der Abstieg des Kokains. In der Zeit um 2010 lief das Crack schließlich auch dem Heroin den Rang ab, inzwischen nimmt es eine klare Spitzenposition ein.

Das „Centre for Drug Research“ der Goethe-Universität macht im Zwei-Jahres-Takt stichprobenartige Umfragen unter 150 Mitgliedern der offenen Drogenszene in Frankfurt. Bei der Erhebung 2014 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) gaben 83 Prozent der Befragten an, in den vergangenen 24 Stunden Crack geraucht zu haben – das war der höchste Wert seit der ersten Umfrage im Jahr 1995. Heroin landete mit 63 Prozent weit abgeschlagen auf Platz 2, Cannabis mit 31 Prozent auf Platz 3 der illegalen Drogen, die in den letzten 24 Stunden genommen worden waren.

Aus der Polizei ist zu hören, dass ein Zehntel Gramm Crack im Bahnhofsviertel zwischen 10 und 15 Euro kostet. Der Großteil des Kokains, das in Privaträumen („Küchen“) in Frankfurt zu Crack weiterverarbeitet und am Hauptbahnhof verkauft wird, kommt nach Einschätzung der Ermittler aus den Benelux-Ländern, wohl auf dem Straßenweg. Als Herkunftsländer der Dealer werden die Maghreb-Staaten und Albanien genannt.

In den „Crackküchen“ werden Kokainsalz und Natriumhydrogencarbonat (kurz: Natron) vermischt und erhitzt. Dabei entstehen die sogenannten Cracksteine – kleine Drogenklumpen, die die Dealer zum Beispiel in Mauer- und Gehwegritzen verstecken („bunkern“) können, wenn sie nicht damit erwischt werden wollen. Oft nennen die Dealer ihren Kunden nach Empfang des Geldes einfach ein Versteck. So vermeiden sie eine Übergabe von Person zu Person, die die Polizei beobachten und gerichtsfest dokumentieren könnte.

Crack wird in der Regel in einer kleinen Pfeife geraucht. Wer mit offenen Augen durch das Bahnhofsviertel geht, sieht die Konsumenten oft auf Treppenstufen zur B-Ebene oder an den Straßenbahnhaltestellen sitzen. Auch süchtige Personen, die den Boden nach „Steinen“ absuchen, sind zu beobachten. Anders als Heroinkonsumenten, die nach der Spritze apathisch dasitzen, wirken Crackraucher nach ihrer Pfeife meist sehr aufgeputscht und nervös. Aus der Schlaflosigkeit, die mit dem Crackkonsum einhergeht, kann auch eine erhöhte Reizbarkeit bis hin zur Aggressivität folgen.

Anders als zum Beispiel beim Heroin, dessen Wirkung zwei, drei Stunden und länger anhalten kann, dauert das „Hoch“ nach dem Crackrauchen nur wenige Minuten. Dann folgt schon das „Tief“, und das Verlangen nach einer weiteren Dosis erwacht. Crack gilt als Droge, die schnell in starke psychische Abhängigkeit führt. Auch zu körperlichen Folgen wie Leberschäden kommt es immer wieder.

Die Verschiebung vom Heroin- zum Crackkonsum im Bahnhofsviertel hat sichtbare Folgen: Während der Großteil der Junkies, die sich Heroin spritzen, dafür die offiziellen „Drückerstuben“ aufsucht, rauchen die Crackkonsumenten ihre Pfeifen vor allem im öffentlichen Raum. Im Bahnhofsviertel gibt es zwar zwei Crackräume (in der Elbe- und Moselstraße), diese werden von den Konsumenten des Rauschmittels aber dem Vernehmen nach nicht besonders gut angenommen.

Wolfgang Barth vom Drogennotdienst in der Elbestraße widerspricht zwar der Einschätzung, dass das Projekt der Crackräume gescheitert sei, räumt aber ein, dass sich diese zu Rauchräumen entwickelt hätten, in denen zunehmend auch Heroin und Cannabis inhaliert werde. Der unkomplizierte Konsum des Cracks führe dazu, dass viele Suchtkranke auf Straßen und Plätzen und nicht in den dafür vorgesehenen Räumen rauchten.

Auch die Sozialarbeit im Bahnhofsviertel steht wegen der größeren Zahl von Crackrauchern vor neuen Herausforderungen: Wie Streetworker Tom Holz vom Programm OSSIP berichtet, müssen immer mehr Suchtkranke „an der Hand genommen und begleitet“ werden, weil sie es nicht einmal mehr schaffen, kleinste Erledigungen zu machen. Ein Grund dafür seien die sehr kurzen Abstände zwischen den einzelnen Konsumeinheiten. „Die Crackraucher haben immer nur den nächsten Stein und nichts anderes mehr im Sinn.“

Ein Problem ist nach den Worten von Holz und Barth, dass bei einer Cracksucht bislang keine medikamentöse Behandlung möglich sei. Als Heroin-Ersatzstoff werde in Frankfurt Methadon verschrieben, beim Crack sei dergleichen nicht möglich. „Da müsste die Forschung mal etwas Geeignetes entdecken“, sagt Holz. Sein Kollege Barth prognostiziert, dass Crack in Zukunft eine noch größere Rolle spielen wird als heute: „Wie Cannabis wird nämlich auch Crack in allen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen konsumiert – vor allem zur Leistungssteigerung.“ Die Crackdealer aus dem Bahnhofsviertel werden also wahrscheinlich weiter ihre Abnehmer finden.

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