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Immer mehr gefälschte Impfpässe: Hohe Dunkelziffer auch in Frankfurt

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Von: Sarah Bernhard

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In Frankfurt und Hessen tauchen immer öfter gefälschte Impfpässe auf.
In Frankfurt und Hessen tauchen immer öfter gefälschte Impfpässe auf. © imago images/Christian Ohde

Die Zahl der gefälschten Impfpässe in Frankfurt und Hessen steigt. Doch auch die Gegenstrategien von Apothekern und Stempelherstellern werden raffinierter.

Frankfurt – Der Mann, der vor Kurzem den Stempel-Express Service in Höchst betrat, sei noch keine 25 gewesen, sagt Babak Mehdikhani. Er arbeite im Impfzentrum, habe der Kunde gesagt, und habe dort einen Stempel kaputt gemacht, was er nun unauffällig wieder gutmachen wolle. "Mache ich gerne", hat Mehdikhani geantwortet. "Wenn Sie mir vom Impfzentrum aus eine offizielle E-Mail schicken."

"Die Anfragen, bei denen man denkt: ,Da stimmt was nicht!', häufen sich", bestätigt Aykut Köse, Inhaber des Stempel-Ecks in Frankfurt-Dornbusch auf die Frage, ob ihm schon mögliche Impfpass-Fälscher untergekommen seien. Bestellungen wie "SchImpfzentrum" oder "Döner Imbiss um die Ecke des Impfzentrum", die laut Hessenschau bei einem Bad Homburger Stempelmacher eingingen, habe er zwar noch nicht bekommen. Doch auch bei ihm hätten es die Fälscher schon versucht. "Dass der Praktikant einen Arztstempel abholt, kommt vor. Aber kein Praktikant gibt den Auftrag dazu."

Frankfurt: Hohe Dunkelziffer bei gefälschten Impfpässen vermutet

Als Hauptverdächtige für Impfpassfälschungen macht das Hessische Landeskriminalamt "Impfskeptiker, Impfgegner und Menschen, die der Querdenkerszene zugeordnet werden können" aus, die die gefälschten Pässe dann unter anderem über Messenger-Dienste oder Foren verkauften. Die Zahl der bisher bekannt gewordenen Fälle, liegt laut Polizeiangaben im "unteren vierstelligen Bereich". Hessenweit.

Wobei bereits deutlich mehr Impfpässe beschlagnahmt worden als Fälle bekannt seien, da bei Kontrollen oder anderen Ermittlungen immer wieder zufällig welche gefunden würden. Dazu kommt, dass viele Fälschungsversuche gar nicht zur Anzeige gebracht werden. "Die Dunkelziffer für dieses Phänomen kann als hoch eingeschätzt werden."

Stempel-Macher aus Frankfurt prüft, wenn er an Echtheit zweifelt

So hat auch Stempelmacher Köse bisher davon abgesehen, Anzeige zu erstatten. "Wenn mir etwas komisch vorkommt, zum Beispiel, weil der angebliche Arzt keine Homepage hat, verlange ich die Approbationsurkunde", sagt er. "Dann kommt meistens nichts mehr." Nur einmal, als er nachgefragt habe, weil eine Anfrage für einen Arztstempel über eine E-Mail-Adresse von T-Online hereinkam, habe er einen Anruf erhalten - von der Mutter des E-Mail-Schreibers, die tatsächlich Ärztin war. "Ich habe mich dann entschuldigt, und sie hatte Verständnis", sagt Köse. "Wenn die Leute mir ihre Daten anvertrauen, ist das ein riesengroßes Geschenk. Es ist wichtig, dass ich damit nicht leichtfertig umgehe."

Die hohe Dunkelziffer ist jedoch nicht das einzige Problem, das es schwierig macht, Fälscher zu bestrafen. Ein anderes ist, dass deren Zahl laut Polizei zwar "seit der erstmaligen Einführung der 3G-Regelung" am 23. August 2021 stetig zugenommen hat. Eine Straftat ist das Fälschen oder Benutzen eines gefälschten Impfausweises aber laut Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft erst seit dem 24. November. An diesem Tag nämlich wurde das Strafgesetzbuch um gleich vier Paragrafen erweitert, die sich mit Gesundheitszeugnissen auseinandersetzen. Zuvor gab es lediglich den Straftatbestand der Urkundenfälschung, der allerdings - wie das Landgericht Osnabrück in einem Präzedenzfall urteilte - bei Impfpässen nicht anwendbar sei: Der Paragraf gelte nur bei einem Betrugsversuch gegenüber einer Behörde oder Versicherung, nicht aber gegenüber einer Apotheke oder einem Restaurant.

Überprüfung von Impfpässen kompliziert: „Der Rest ist Gefühl“

Immerhin das hat der Gesetzgeber mittlerweile korrigiert. Doch die Apotheken haben es weiterhin schwer. Denn ganz sicher herausfinden, dass der Impfpass gefälscht ist, können sie nur anhand eines einzigen Merkmals: der Chargennummer, die sie über das Archiv des Robert-Koch-Instituts (RKI) überprüfen können. Auch das allerdings erst seit rund einem Monat. "Davor mussten wir, wenn wir unsicher waren, dem RKI eine E-Mail schicken, und bekamen dann nach drei Tagen vielleicht mal eine Antwort", sagt Kristina Renner, Inhaberin der Höchster Albanus-Apotheke. Sei die Nummer falsch oder passe nicht zum Datum, an dem die Charge verimpft wurde, sei die Sache klar. "Der Rest ist Gefühl."

Das brandneue Papier etwa könne darauf hinweisen, dass der Ausweis gefälscht ist. Oder darauf, dass der alte unauffindbar war. Wer in Höchst wohne und einen Stempel vom Kölner Impfzentrum im Pass habe, könnte Freunde besucht und die Möglichkeit ergriffen haben. Oder auch nicht. Im Zweifel werde der Kunde gebeten, mit allen Unterlagen, die er beim Impftermin bekommen habe, noch einmal wiederzukommen.

Apothekerin aus Frankfurt-Bornheim ruft bei Impfpass-Fälschungen die Polizei

Janina Nicol, Apothekerin in der Bornheimer Arnsburg-Apotheke, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Bei manchen Impfpässen denkt man, ein Kleinkind hätte sie gefälscht", sagt sie, andere seien ziemlich knifflig. Doch egal, auf welchem Niveau gefälscht wurde: Davon kommt bei ihr niemand. "Wir gehen mit dem Impfpass und dem Personalausweis nach hinten, um etwas ,nachzuschauen', und rufen die Polizei. So einfach kommen die ja nicht wieder weg." In der Regel wiesen die Menschen zunächst alle Schuld von sich. "Aber dann sind sie relativ kooperativ, was bleibt ihnen auch anderes übrig?!"

Bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe kann bekommen, wer wegen des "Gebrauchs unrichtiger Gesundheitszeugnisse" verurteilt wird. Fälschern drohen bis zu fünf Jahre Haft. Den beiden Frankfurter Apothekerinnen wäre es allerdings lieber, das Problem würde von der anderen Seite angegangen und die Impfausweise würden fälschungssicherer gemacht.

Frankfurt: Zur Sicherheit gleich alle Unterlagen der Impfung mitbringen

Wie das gehen könnte, darüber hat sich Janina Nicol allerdings schon vergeblich den Kopf zerbrochen. "Die einzige Möglichkeit wäre, dass der Arzt, der impft, auch das Zertifikat ausstellt." Der habe aber nicht die Zeit dazu. "Deshalb ist es eben doch schön, dass wir aushelfen können", sagt Nicol. Und auch Kristina Renner in Höchst sagt: "Wir machen weiter, und freuen uns, wenn die Kunden glücklich sind." Ehrlichen Impfern rät sie, zur Sicherheit gleich alle Impfunterlagen mitzubringen. "Wenn doch einmal Zweifel auftauchen, beschleunigt das die Sache enorm." (Sarah Bernhard)

Bei einer Großrazzia hat die Polizei im Januar mehr als 100 Wohnungen von Impfpass-Fälschern durchsucht. Mehr als 200 Beamte waren im Einsatz.

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