Künstlerin Stefanie Grohs

Damit die Opfer nicht namenlos bleiben

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Bis zu 1600 blau-weiße Stoffbinden sollen ab Ende März an die Evakuierung der Häftlinge des Frankfurter KZ Katzbach im März 1945 erinnern. An Bäumen zentraler Plätze zwischen Innenstadt und Gallus werden sie angebracht und tragen die Namen der Opfer.

Weil er nicht einmal in einer Schlafkammer übernachten konnte, war Andrzei Branecki in einer Fabrikhalle im dritten Stock der Adlerwerke den brutalen Schlägen des Lagerältesten Bobi schutzlos ausgesetzt. Und: „Außer Kälte, Hunger, Krankheiten, Hygienemängel stachen uns nicht Hunderte, sondern Tausende von Läusen.“ Das sind zwei Ausschnitte aus den Erinnerungen Braneckis an seine Zeit im KZ Katzbach mitten in Frankfurt.

Andrzei Branecki und Zygmunt Swistak gehören zu den Überlebenden, deren Namen die Künstlerin Stefanie Grohs nun an Bäumen in der Innenstadt und dem Gallus veröffentlicht. Damit setzt sie ein Zeichen gegen die Anonymisierung und gegen das Vergessen, denn in der Öffentlichkeit bekannt sind bislang nur die beiden auf ihrer Flucht am 14. März 1945 erschossenen Katzbach-Häftlinge Adam Golub und Georgij Lebedenko: Nach ihnen wurde 1998 der Platz gegenüber der Adlerwerke benannt.

„Mitten unter uns“ hat Stefanie Grohs ihr Projekt genannt, das ab dem 21. März an die Evakuierung des KZ-Außenlagers vor 70 Jahren mit 1200 blauweißen Stoffbinden an Bäumen zwischen Hauptwache, Zeil, Konstablerwache und Museumsufer sowie an der Mainzer Landstraße zwischen der Galluswarte und den Adlerwerken erinnert. Weitere 400 Binden sollen in den darauffolgenden Wochen hinzukommen.

„Die Gefangenen waren damals mitten unter uns, doch vermutlich hat sie kaum jemand wahrgenommen oder wahrnehmen wollen“, begründet Grohs die Namenswahl und beschreibt damit die Situation im KZ-Außenlager in den Adlerwerken, das dem KZ Natzweiler-Struthof zugeordnet war und den Decknamen „Katzbach“ trug. Dort wurden 1200 Häftlinge am 22. August 1944 interniert, weitere 400 Häftlinge kamen im Januar 1945 hinzu. Nur 50 von ihnen sollten nach der Evakuierung im März 1945 das Kriegsende erleben.

„Wir haben für das Projekt inzwischen bereits 75 Helfer gefunden. Es wäre toll, wenn noch 60 weitere Personen hinzukommen“, erklärt Grohs. Sie setzt die Arbeit der Künstlerin Margarete Rabow fort, die vor einem Jahr mit ihrem Konzept „Störungen und Irritationen im öffentlichen Raum“ die Spurensuche über das KZ Katzbach begann.

Stefanie Grohs lässt die blau-weißen längs gestreiften Binden, die an das gebräuchliche Muster auf der Häftlingskleidung erinnern, für sieben Monate an den Bäumen anbringen. Danach wird die Spurensuche mit Projekten der Künstler Naneci Yurdagül und Barak Reiser fortgesetzt.

„Die Nummerierung der Binden ist fiktiv, vermittelt aber gerade deshalb das Prinzip der Entmenschlichung, die aus Individuen Nummern macht“, betont Stefanie Grohs. Sie begann ihr Projekt im Jahr 2007 mit Reisen nach Polen und Tschechien im Rahmen ihrer eigenen Familienforschung.

Tatsächlich sind nur rund 550 der 1600 Gefangenen heute noch namentlich bekannt. Ihre Binden werden zufällig ausgewählte Bäume im Stadtgebiet kennzeichnen, nur die Binden von Adam Golub und Georgij Lebedenko werden an Bäumen auf dem nach ihnen benannten Platz zu sehen sein.

Bei den wenigen Häftlingen, die heute noch leben, findet Stefanie Grohs Arbeit Bewunderung und Anerkennung. „Dieses Projekt ist meiner Meinung nach großartig. Die Idee ist phantastisch“, bedankt sich Zygmunt Swistak in einem Brief an die Künstlerin. „Jeder Passant wird irgendeine psychische Bedeutung der schweigenden Bäume im Sträflingsanzug eines Häftlings verspüren.“

Die Geschichte von Zygmunt und Tadeusz Swistak geht unter die Haut: So starb Tadeusz in Frankfurt und ist in einem Massengrab von 530 Warschauern auf dem Hauptfriedhof beerdigt. Zygmunt hingegen wurde ins KZ Dachau deportiert, wo er sich aus einem zur Einäscherung bestimmten Leichenhaufen eigenhändig befreien konnte. Er lebt heute mit seiner Familie in Australien.

Weitere Informationen gibt es unter .

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