Michael Quast, hier bei den laufenden Proben, spielt in seiner eigenen Inszenierung der Lokalposse "Der alte Bürger-Capitain" die Titelrolle, den Gastwirt Kimmelmeier, der zur Zeit der Befreiungskriege der vergangenen reichsstädtischen Ära nachtrauert.
+
Michael Quast, hier bei den laufenden Proben, spielt in seiner eigenen Inszenierung der Lokalposse "Der alte Bürger-Capitain" die Titelrolle, den Gastwirt Kimmelmeier, der zur Zeit der Befreiungskriege der vergangenen reichsstädtischen Ära nachtrauert.

Premiere der Frankfurter Volksbühne

Darüber hat sogar der alte Goethe gelacht

  • Holger Vonhof
    VonHolger Vonhof
    schließen

Michael Quast spielt die Hauptrolle

Eine Empfehlung für ein Theaterstück ist grundsätzlich nützlich, aber wenn der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe selbst ein Stück empfiehlt, ist das noch einmal eine andere Hausnummer: Der Herr Geheimrat war von dem im August 1821, also vor nun 200 Jahren uraufgeführten Stück "Die Entführung oder der alte Bürger-Capitain, ein frankforter Heroisch-Borjerlich Lustspiel in zwei Aufzügen" so angetan, dass dessen Autor Carl Balthasar Malß im Vorwort zur 1833 erschienenen vierten Druck-Auflage schreiben konnte: "Zu dem hot mer aus sichern Quelle, daß aach der alt Herr Geethé driwwer gelacht". Der hatte tatsächlich notiert: "Höchlich zu empfehlen."

Jetzt, 200 Jahre später, führt die Volksbühne im Großen Hirschgraben das Stück wieder auf, neu inszeniert von Michael Quast , der auch die Hauptrolle spielt. Quast bekommt glänzende Augen, wenn er vom "Bürger-Capitain" spricht: Das Stück sei das erste überhaupt im heimischen Dialekt, quasi "der Urknall des Frankfurter Mundarttheaters", sagt Quast. Vor 200 Jahren habe man sich noch an Goethes Schauspiel-Regeln orientiert, eine gepflegte Aussprache mit edlen Gesten untermalt - un dann des!

"Halts Maul, Hahlgans, un unnerbrech mich net, wann ich von Stadtangelegenheite redde duh", lässt Malß seinen Bürger-Capitain gleich im zweiten Auftritt poltern. Er setzt dem Gastwirt und ehemaligen Bürger-Capitain Kimmelmeier und seinem Leibschützen Millerche im bürgerlichen Milieu der Reichsstadt Frankfurt ein literarisches Denkmal. Der Bürger-Capitain war der gewählte Vorsteher eines der 14 Stadtquartiere, in welche die Stadt seit dem Fettmilch-Aufstand von 1614 unterteilt war - ähnlich wie heute noch die Contraden in Siena oder die Sestieri in Venedig waren diese Quartiere auch soziale Gemeinschaften. Jedes bestand aus bis zu 270 Häusern, die innerhalb der Quartiere durchnummeriert waren. Das heutige Hausnummern-System nach Straßen wurde erst in preußischer Zeit, also nach 1866, eingeführt. Der Bürger-Capitain organisierte Feuerwehr und Brandschutz, Nachtwache und Schanzdienste zur Instandhaltung der Stadtbefestigung, und er befehligte die Bürgerkompanie seines Quartiers.

Der Stückedichter Malß war der Mitbegründer einer neuen Theaterform, der Lokalposse. Ernst Niebergalls Darmstädter "Datterich" kam erst vier Jahrzehnte später, die Pfälzer Mundartdichter gab es noch nicht, selbst Johann Nepomuk Nestroys Alt-Wiener Volkstheater brauchte 1821 noch ein paar Jährchen. "Malß war in der Region der erste und generell einer der ersten", sagt Michael Quast. Das habe anfangs zu Ablehnung geführt, wie biografischen Texten über Samuel Friedrich Hassel zu entnehmen ist - den Schauspieler, der den Bürger-Capitain in der Uraufführung und über 45 Jahre lang bis zum 26. März 1866 ohne die geringste Veränderung spielte. Ohne Veränderung? "Es schlug ein wie eine Bombe", sagt Quast - das Publikum habe sich auf der Bühne wiedererkannt, habe der Sprache des Volkes lauschen können.

"Doch vieles, über was sich die Leute damals schippelich gelacht haben, ist heute nicht mehr ohne Weiteres zu verstehen", ist Quast durchaus bewusst. Etwa, wenn des Bürger-Capitains Ordonanzoffizier Millerche sagt, er habe "eine Flasche Wein perschwadiert" - persuadé ist Französisch und heißt so viel wie "überredet". Das Millerche, ein Lebenskünstler, hat die Flasche einfach geklaut. Deshalb wenden sich in Quasts Inszenierung die Figuren von Zeit zu Zeit direkt ans Publikum, durchbrechen quasi "die vierte Wand" und erklären, was zum Verständnis nötig ist - ähnlich, wie Quast das schon beim Freilichtfestival "Barock am Main" in Höchst über Jahre gemacht hat.

Das Stück war im 19. Jahrhundert einer der größten Frankfurter Theatererfolge, mit Vorstellungen weit über die Reichsstadt hinaus - es gab sogar eine Aufführung in New York. Malß braucht sich hinter Nestroy oder Niebergall nicht zu verstecken, weder mit seinem sprachlichen Witz noch seinen Milieustudien aus dem alten bürgerlichen Frankfurt. Samuel Friedrich Hassel wurde damals zur Verkörperung des behäbigen Alt-Frankfurter Bürgers, quasi der Willy Millowitsch der Reichsstadt. Bis in die Gegenwart gehörte das Lustspiel zu den meistgespielten Stücken des Frankfurter Volkstheaters von Liesel Christ.

In der Neuaufführung der Volksbühne spielen neben Quast auch die von "Barock am Main" bekannten Kombattanten Pirkko Cremer , Rainer Ewwerien , Dominik Betz oder Stefanie Kunkel , zudem Stephan Bieker oder Randi Rettel . Regie führt Quast selbst; die Bühnengestaltung hat er zusammen mit Bruno Briggmann zu verantworten, die Kostüme haben Salima Abardouch und Petra Straßburger angefertigt. Premiere ist am 23. September, 19.30 Uhr. Holger Vonhof

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare