Flammen-Inferno an der Startbahn West: Auf der Flucht vor der Polizei stecken Vermummte am 21. April 1987 Grasflächen und Schonungen in Brand. Vorher haben sich militante Startbahngegner stundenlange Kämpfe mit den Beamten geliefert.
+
Flammen-Inferno an der Startbahn West: Auf der Flucht vor der Polizei stecken Vermummte am 21. April 1987 Grasflächen und Schonungen in Brand. Vorher haben sich militante Startbahngegner stundenlange Kämpfe mit den Beamten geliefert.

Konfliktforscher erklärt

Darum ist der Startbahn-West-Protest eskaliert

Herr Dr. Teune, gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens regt sich seit jeher Protest. Wie ist das zu erklären?

Herr Dr. Teune, gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens regt sich seit jeher Protest. Wie ist das zu erklären?

DR. SIMON TEUNE: Die Startbahnproteste in Frankfurt sind ein typisches Beispiel für Infrastrukturproteste. Sie ähneln den Anti-Atom-Protesten in Brokdorf und Gorleben – nicht nur in den Protestformen, sondern auch in der Konstellation der Aktivisten.

Die Gegner der Startbahn sprachen in den achtziger Jahren von „einer Allianz der Lang- und der Grauhaarigen“. Wie ungewöhnlich war diese Verbrüderung?

TEUNE: Tatsächlich war die Verbindung von Durchschnittsbürgern – und im Zweifelsfall eher Konservativen – und dezidiert linken, autonomen und kommunistischen Gruppen typisch für solche Konflikte. Es gibt die direkt Betroffenen aus den umliegenden Gemeinden und dann die jungen Leute aus der Stadt, die das Bauprojekt weniger aus unmittelbarer Betroffenheit und stärker aus politischen Erwägungen ablehnen.

Wie verhält sich das zur Militanz eines Protests?

TEUNE: Militante Proteste wurden kaum als Problem angesehen. Die bürgerlichen Teile des Protests haben nicht unbedingt aufgeschrien, wenn der Bauzaun zerstört oder der Wald besetzt haben. Im Gegenteil: Sie haben sich an solchen Aktionen beteiligt, Besetzer mit Essen versorgt; in Frankfurt haben lokale Handwerker geholfen, das Widerstandsdorf aufzubauen. Es gab also eine Grundlage für den Spruch: ‚Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand‘. Was Frankfurt jedoch besonders macht, ist die Qualität der Eskalation, also die tödlichen Schüsse auf zwei Polizisten. Das hat es vorher und danach nicht gegeben. Die Schüsse sind eine Zäsur, der Protest ist danach in sich zusammengefallen.

Warum?

TEUNE: Für viele Startbahngegner waren die Schüsse ein Schock, denn sie offenbarten, dass die Auseinandersetzung nicht mehr unter Kontrolle ist. In so einer Situation hat man Angst, bei einer weiteren Beteiligung Teil eines Eskalationsprozesses zu werden, den man nicht will.

Hat der späte Zeitpunkt innerhalb der Protestphase eine Rolle gespielt?

 TEUNE: Mit Sicherheit. Die Startbahn war ja schon in Betrieb. Da hat so ein Ereignis eine andere Wirkung. Der Schock über die Grenzüberschreitung kommt zusammen mit der Frustration, nichts mehr ausrichten zu können.

Was sind typische Gründe für die Radikalisierung einer Protestbewegung?

TEUNE: Zumindest ein Teil der Demonstrierenden muss das Gefühl haben, dass sie diejenigen sind, die angriffen werden. Gleichzeitig muss die Polizei als Gegner angesehen werden. Meist gibt es ein Schlüsselereignis, das dann die Radikalisierung auslöst. Eines, bei dem viele Menschen die Erfahrung machen, dass die Polizei exzessive Gewalt anwendet.

So geschehen während der Hüttendorfräumung. Damals knüppelten Polizisten auf Dauerbesetzer und Protestler ein. Viele wurden verletzt. Wie kommt es überhaupt zu solchen brutalen Übergriffen seitens der Polizei?

TEUNE: Da kommen mehrere Punkte zusammen Eine prägende Rolle spielt die Strategie der Polizei. Definiert sie ihr Gegenüber als Chaoten oder als Bürger mit Rechten? Spielt deren Position überhaupt eine Rolle? Gibt es eine Abwägung, wenn es darum geht, wie die Polizei ihre Ziele erreicht? Aber viel hängt auch von der Situation ab. Wenn Polizisten über lange Zeit im Einsatz und mit der Geduld am Ende sind, oder wenn sie sich bedroht fühlen, werden solche Übergriffe wahrscheinlicher.

Die Startbahngegner waren mitunter sehr kreativ, wenn es um die Form des Protests ging. Da wurden humorvolle Transparente gebastelt, zu Fasching 1982 zog ein alternativer Karnevalszug durch Wiesbaden und an der Startbahn verkauften Aktivisten die berühmten Börner-Dachlatten. Wie ist das heute?

TEUNE: Das Protestrepertoire ist ziemlich beständig, aber auch wenn viele Proteste nach dem gleichen Muster ablaufen, gibt es immer wieder kreative Ideen, um den Widerspruch sichtbar zu machen. Was sich eher wandelt ist die Einstellung zu einzelnen Protestformen. Bis in die 1990er Jahre waren viele der Meinung, dass Blockaden eine Form der Nötigung seien. Es gab Strafbefehle gegen Demonstranten, die sich an Blockaden beteiligten. Das ist heute anders. Es gibt kaum noch rechtliche Sanktionierungen. Blockaden werden nicht mehr skandalisiert und finden auch breite Unterstützung in den Bewegungen. Auch die Einstellung zu militantem Protest hat sich verändert.  Nach den Schüssen an der Startbahn und den Anschlägen der RAF wurden Attacken auf Polizisten vielfach diskutiert und in der Folge breit abgelehnt.

Obwohl Zehntausende gegen ihren Bau protestierten, ist die Startbahn 18 West 1984 in Betrieb genommen worden. War also alles umsonst?

TEUNE: Nur wenn man die Frage stellt, ob der Bau verhindert wurde. Aber die Startbahnproteste waren für viele Menschen in der Region eine wichtige Erfahrung: wir müssen nicht alles hinnehmen. Die Startbahn-Gegner haben sich in den Protesten politisiert und neue Beziehungen gefunden. Solche Proteste sind intensive Erlebnisse. Aber die Wirkungen gingen ja über die Protestszene hinaus.

Was hat der Protest mit Verwaltung und Polizei gemacht?

TEUNE: Es hat Lernprozesse gegeben. Die Polizei konzentriert sich heute viel stärker auf die Kommunikation mit Demonstranten. Sie sieht es stärker als ihre Aufgabe an, Bürgern ihr Demonstrationsrecht zu ermöglichen. In den 1970er Jahren hieß es bei Konflikten schneller „Knüppel raus“. Auch Verwaltungen haben dazu gelernt. Infrastrukturprojekte werden heute anders geplant. Ohne Beteiligungsprozesse sind sie nur schwer zu vermitteln.

Als Anfang 2000 die nächste Flughafenerweiterung ins Haus stand, war der Widerstand gegen den Ausbau längst nicht mehr so erbittert wie einst. Gehören große Protestbewegungen also der Vergangenheit an?

TEUNE: Da wär‘ ich skeptisch. Stuttgart 21 beispielsweise hat gezeigt, dass sich immer noch sehr viele Menschen zu Infrastrukturprotesten aufraffen können. Dabei hat – wie in Frankfurt auch ­– eine Rolle gespielt, wie die Regierenden sowie die Polizei mit dem Protest und den Demonstranten umgegangen sind. In Stuttgart hatten wir zwar nicht die gleiche bunte Zusammensetzung bei den Demonstranten wie in Frankfurt. Aber auch hier gab es eine Mischung aus Linksliberalen und dem konservativen Spektrum. Konservative Werte, etwa der Wunsch, die Natur oder das Stadtbild zu erhalten, sind einfach sehr gut in Zusammenhang zu bringen mit solchen Protesten.

Aktuell ist schon die nächste Flughafen-Erweiterung geplant: der Bau des Terminal 3. Diesmal leistet nur eine kleine Gruppe von Umwelt-Aktivisten im Treburer Oberwald Widerstand. Können sie sich den Protest eigentlich sparen?

TEUNE: Das ist nicht gesagt. Zwar ist der Eingriff in die Natur diesmal längst nicht so massiv wie bei der Startbahn West. Und man ist stärker Teil des Problems - das Fliegen gehört ja heute viel mehr zum Alltag als in den 1980er Jahren. Aber auch eine kleine Waldbesetzung kann der Funken sein, der eine breitere Protestbewegung auslöst. Vor allem dann, wenn die Bürger das Gefühl haben, mit ihrem Protest noch etwas ausrichten zu können.

Alle Folgen von "Startbahn 18 West":

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare