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Das Bunte erobert sich die Welt zurück

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Von: Michelle Spillner

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Zur Eröffnung des "Rundgangs" der Städelschule zerschlug Martina Cooper eine Piñata. Ein Schwall bunten Konfettis ergoss sich aus der Pappmaché-Figur auf den grauen Boden.
Zur Eröffnung des "Rundgangs" der Städelschule zerschlug Martina Cooper eine Piñata. Ein Schwall bunten Konfettis ergoss sich aus der Pappmaché-Figur auf den grauen Boden. © Michelle Spillner

Nach zwei Jahren Pandemiepause stellen Städelschüler an diesem Wochenende wieder ihre Werke vor.

Frankfurt. Um 10 Uhr gestern schnappt sich Martina Cooper, seit 30 Jahren im Sekretariat und die gute Seele der Städelschule, einen Baseballschläger und zertrümmert die Piñata. Es ist, als löse sich ein Knoten. Ein bunter Konfettiregen platzt aus der Pappmaché-Figur und ergießt sich auf den grauen, regenfeuchten Boden im Innenhof vor der Mensa der Hochschule für Bildende Künste. Zum ersten Mal seit 2020 kann die jährliche Ausstellung der Studenten mit dem Titel "Rundgang" wieder stattfinden. Die Performance steht symbolisch für die Rückkehr des Bunten in die graue Welt und für das dreitägige Event an sich. In Mittelamerika steht die Piñata für Fiesta und sie selbst ist - gefüllt mit Leckereien und Überraschungen - Zentrum eines Spiels: Die Gäste dürfen alles vom Boden klauben, was sich nach einem Schlag auf die Figur aus ihr ergießt.

Endlich wieder ins Gespräch kommen

Professor Yasmil Raymond, Rektorin der Städelschule, wirkt beschwingt. Es ist das erste Mal, dass sie den "Rundgang" erlebt. Sie kam 2020 an die Städelschule, seitdem konnten diese "Tage der offenen Tür" wegen der Pandemie nicht durchgeführt werden. Sie rät allen, die durch die Ateliers der Städelschule an zwei Standorten stromern möchten, zu gutem Schuhwerk - die Wege sind weit und verwinkelt, und sie lohnen sich. Der "Rundgang" ist die Gelegenheit, Einblick zu nehmen in das künstlerische Schaffen der Studenten der Klassen der Professoren Monika Baer, Gerard Byrne, Judith Hopf, Hassan Khan, Tobias Rehberger, Willem de Rooij und Haegue Yang sowie der Gastprofessoren Hannah Black, Niklas Maak und Sung Tieu. Die Studenten und ihre Profs zeigen in mehreren Dutzend Ateliers, in Gängen und Fluren, Außenbereichen und an externen Orten die Ergebnisse ihrer Arbeit der vergangenen Monate. Dazu gibt es Talks, Filmvorführungen und Performances.

Künstler aus 39 Nationen

140 Menschen aus 39 Nationen studieren an der Hochschule, darunter 31 Deutsche - und ein Frankfurter: Bela Feldberg weiß zumindest von keinem weiteren Frankfurter außer ihm. Er steht in einem Atelier an einer Hausecke: Die Fassade sieht mitgenommen aus, das Fenster ist teils beschlagen, teils verklebt, rotes Licht, Kabel und Rohre ziehen sich an der Fassade entlang. Am Fuß der halbhoch gefliesten Außenwand hat sich Laub gesammelt, die Tür zum Gebäude ist mit einem Fahrradschloss gesichert, steht aber ein wenig auf, und man kann dem Impuls kaum widerstehen, durch die Lücke hineinzulinsen. Das hat Bela Feldberg nach der Beschäftigung mit der Dystopie der Popkultur entwickelt und quasi auf eine 3-D-Leinwand gebannt. Nachfragen sind nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Die Künstler stehen ihren Werken bei und bei ihren Werken. Man solle ansprechen, wen man sehe, rät die Rektorin, und wenn es nicht der Künstler sei, egal, und dann werde man den Künstler finden.

Niemand drängt sich auf. Fuki Mastumoto aus Südkorea strahlt, als sich eine Gruppe für seine Klanginstallation interessiert. Musik für Mittags- und für Nachtruhe hat er aufgenommen - immer entlang der gesetzlichen geregelten Ruhezeiten.

Elisaveta Braslavskaja kombiniert Siebdrucktechniken mit Stickerei und hinterfragt Ornamente, Schmuck und Zierde und das menschliche Bedürfnis Symbole zu kreieren. Seit fünf Jahren studiert sie am Städel - in der Pandemie mit Distanzvorlesungen und deutlich reduzierten Möglichkeiten des Arbeitens in Ateliers. "Ich bin dankbar dafür, dass ich nun noch zwei Extrajahre bekommen habe", schildert sie. Die Studenten können um zwei Jahre verlängern, aber sie müssen nicht.

In einem Gang schauen sich David Moser aus der Schweiz und seine Eltern durch Brillen von biometrischen Passbildern aus gegenseitig an. Die saubere Positionierung auf EU-normierte Steckdosen- und Lichtschalterhöhe fällt kaum auf, unterstreicht aber die Bildaussage der geordneten Perspektive.

So viele Eindrücke, die das Hirn durchpusten: Performance-Teile eines Taxifahrertreffens, die filmische Auseinandersetzung mit der Kolonialisierung Afrikas, die Geschichte einer jungen Frau und ihrer schicksalhaften Autofahrt als Sinnbild des Algorithmus' des Todes oder Robin Stretz' wortloser Blick in riesige Kartonlager mit Geheimnis, Bücher, aus denen es herauswächst, oder auch Blaykyi Kenyahs Installation "Blood and Soil" in Atelier W9: eine Rabatte auf 2,40 mal 2,40 Meter aus Erde, lebenden und verdorrten Blumen, Arbeitsmappe und -dress.

Die Studierenden sind froh, dass wieder einmal Menschen in ihre Hochschule dürfen. Schließlich können die Begegnungen und Gespräche an diesem Wochenende auch wieder Inspiration und Impuls sein. Diese Schau ist eine Piñata, ein Geschenk für alle Beteiligten. Michelle Spillner

Das Programm

Die Städelschule hat heute und morgen noch für die Öffentlichkeit geöffnet. Täglich von 10 bis 20 Uhr können Besucher sich einen Überblick über die Arbeiten der Studenten verschaffen, mit ihnen ins Gespräch kommen, durch die Räume der Hochschule für Bildende Kunst spazieren und sehen, was man sich nicht vorstellen kann. Geöffnet sind die beiden Standorte Dürerstraße 10 (Sachsenhausen) und Daimlerstraße 32 (Bildhauerateliers und Film, Fechenheim). Zwischen beiden Orten pendelt ein Shuttlebus täglich ab 12 Uhr im Zwei-Stunden-Rhythmus. Wer den "Rundgang" besuchen möchte, kann im Internet pro Standort jeweils ein zweistündiges Zeitfenster buchen. Es gilt die 2G-plus-Regel. Parallel gibt es ein Beiprogramm, teils auch über dieses Wochenende hinaus. Infos unter www.staedelschule.de. Dort kann man auch die Zeitfenster für den Rundgang buchen. Der Eintritt ist frei. elle

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