In der Reihe "Stadtteilhistoriker" der Polytechnischen Gesellschaft forscht Matthias Vetter zum Widerstand russischer Dissidenten aus dem Frankfurter Westen. Der Osteuropa-Fachmann aus Sossenheim beschäftigt sich mit dem Verlag "Possev" und seinem Beitrag zum Niedergang der UdSSR.
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In der Reihe "Stadtteilhistoriker" der Polytechnischen Gesellschaft forscht Matthias Vetter zum Widerstand russischer Dissidenten aus dem Frankfurter Westen. Der Osteuropa-Fachmann aus Sossenheim beschäftigt sich mit dem Verlag "Possev" und seinem Beitrag zum Niedergang der UdSSR.

Frankfurter Stadtgeschichte

Das Ende der UdSSR und der Beitrag aus Sossenheim

  • vonAlexandra Flieth
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Wie aus einer Landmaschinenhalle am Flurscheideweg gegen die Kommunisten gekämpft wurde.

Hinter den drei Buchstaben "NTS" verbirgt sich eine Geschichte, die nicht nur lokalhistorisch, sondern auch auf internationaler politischer Ebene in Zeiten des Kalten Krieges Aufmerksamkeit erregte: NTS steht für "Narodno-Trudovoj-Sojuz", den Volksarbeitsbund der russischen Solidaristen, gegründet Anfang der 1930er Jahre von russischen Emigranten als Widerstandsbewegung gegen die Herrschaft der Bolschewisten. Zum NTS forscht derzeit Matthias Vetter, der zur aktuellen achten Generation der "Stadtteilhistoriker" der Stiftung Polytechnische Gesellschaft gehört. Unterstützt wird das Projekt der "Stadtteilhistoriker" von dieser Zeitung.

Was hat das mit Frankfurter Stadtteilgeschichte zu tun? Die NTS-Mitglieder gründeten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland den Verlag "Possev", dessen Druckerei seit den frühen 1960er Jahren in Sossenheim beheimatet war. Vetter, selbst Sossenheimer, ist begeistert von dem Thema: "Erst dachte ich, ich mache einen Aufsatz für einen lokalgeschichtlichen Sammelband daraus. Mittlerweile bin ich auf so viel Material und so viele aufregende Geschichten gestoßen, dass ich vielleicht doch ein kleines Buch schreiben werde."

Die "Weiße Armee" gegen die "Rote"

Nicht auf militärischem, sondern auf ideologischem Weg habe der NTS etwas verändern, die russische Bevölkerung für die Idee seines Solidarismus überzeugen und damit zu einem Aufstand gegen die Herrschaftsverhältnisse in der UdSSR bewegen wollen. Der NTS selbst stellt es auf seiner Website so dar, dass er den vorwiegend militärischen und 1920 blutig gescheiterten Kampf der "Weißen Armee" gegen die herrschenden Bolschewiki und ihre "Rote Armee" mit anderen Mitteln, vor allem auf ideologischer Ebene, habe fortsetzen wollen. Dafür agierten die vor der Rache der "Roten" emigrierten Mitglieder seit den späten 1940er Jahren auch aus Nachkriegsdeutschland heraus. In Belgrad, so berichtet Vetter, sei schließlich der NTS gegründet worden.

Über den russischen Bürgerkrieg, in dem von etwa 1918 bis 1922 um die Vorherrschaft in Russland gerungen wurde und aus dem die Bolschewisten mit ihrem Führer Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) als Sieger hervorgingen, ist heute bei den meisten Menschen nicht mehr viel Wissen vorhanden. Doch noch heute, lange Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges und der damit verbundenen Auflösung der Sowjetunion, gebe es den NTS weiterhin in Moskau, sagt Vetter. Politisch sei dieser jedoch nicht von Bedeutung. Auch der ehedem in Sossenheim ansässige Verlag habe seine Arbeit an die Moskwa verlegt. Geblieben ist in Sossenheim der Verein "Gesellschaft Possev für deutsch-russische Völkerverständigung"; die einstigen Räume des NTS und des Verlages im Flurscheideweg 15 sind mittlerweile zu einem Veranstaltungszentrum unter anderem für Konzerte und Lesungen geworden.

"In Vor-Corona-Zeiten war es für mich ein lokales Freizeitangebot mit exotischem Charme, das ich viele Jahre lang gerne wahrgenommen habe", sagt Vetter. "Zugleich wusste ich als Osteuropa-Historiker durchaus, dass diese Gruppierung eine bewegte Geschichte hat - ohne viele Details zu kennen", fügt er hinzu. Irgendwann seien es so viele lose Fäden gewesen, die er habe verknüpfen wollen. Zumal das Thema - soweit er wisse - sowohl lokalgeschichtlich wie auch in seiner Gesamtheit noch von niemandem bearbeitet worden sei - zumindest nicht im deutschen Sprachraum. "Tatsächlich gibt es bis heute in keiner Sprache eine neutrale Gesamtdarstellung des NTS", sagt Vetter, der auch Russisch spricht. Zuletzt habe im vergangenen Jahr eine russische Historikerin aus Wiesbaden in russischer Sprache eine eher biografisch angelegte Geschichte des NTS vorgelegt. Er selbst möchte für die Recherchen dieses spannenden und umfangreichen Themas auf verschiedene Quellen zurückgreifen, unter anderem auf das Bundesarchiv, die Sammlungen der Stasi-Unterlagenbehörde und das Stadtarchiv.

Bücher in die UdSSR geschmuggelt

Im Verlag "Possev" sei nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viel auf Russisch publiziert worden, teilweise in kleinen Formaten und auf ganz dünnem Papier, um die Druckerzeugnisse besser in die UdSSR schmuggeln zu können. "Manchmal wurden die Texte aus in der Sowjetunion bereits erschienenen, aber gekürzten Büchern so gedruckt, dass die zensierten Stellen kenntlich gemacht wurden", erklärt Vetter. Zu den bekannteren Autoren gehörten Boris Pasternak (1890-1960) oder auch Alexander Solschenizyn (1918-2008), beide ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis. Solschenizyn, so erzählt Vetter, soll dem Verlag "Possev" in Sossenheim auf der Rückreise nach dem Empfang des Literaturnobelpreises einen Besuch abgestattet haben. Im Flurscheideweg soll der Schriftsteller damals ungeduldig gefragt worden sein, wann der Aufstand in der UdSSR beginne.

Neben den Büchern wurden auch eine politische und eine literarische Zeitschrift von "Possev" herausgegeben, ebenso Texte zur politischen Philosophie des NTS. Nach Sossenheim seien der NTS und der Verlag gekommen, nachdem Ende der 1950er Jahre ein Haus in Sprendlingen und dann eines in Bornheim in die Luft gesprengt worden seien - "Auftraggeber war der KGB, ausgeführt worden sein soll es von der Stasi", sagt Vetter. Ziel des KGB sei es einst gewesen, die unmittelbare Nachbarschaft gegen den NTS aufzubringen. Die Mitglieder hätten daher nach einem verschwiegenen Winkel ohne Nachbarn gesucht - und diesen in Sossenheim am Ortsrand gefunden. In einer alten Landmaschinenhalle habe man die Druckerei untergebracht. Vetter erzählt, dass er aus den Memoiren eines NTS-Mitgliedes wisse, dass der Verlag Possev seine Publikationen eine Zeit lang nach dem Zweiten Weltkrieg auf Vermittlung des damaligen Mitherausgebers der Frankfurter Neuen Presse Hugo Stenzel (1901-1964) in der Societäts-Druckerei habe produzieren lassen, also dort, wo heute auch diese Zeitung erscheint. Dafür habe man eine Einigung erzielt, die durchaus nach Nachkriegs-Deutschland klingt: "Bis zur Währungsunion wurde die Druckerei mit Kaffeelieferungen aus dem Flüchtlingslager bezahlt." Alexandra Flieth

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