Auf dem Blech in der Backstube steht schon eine ganze Glücksbringer-Armee. Konditormeisterin Catherine Jamin formt die Glücksschweine nach der Originalvorlage ihres Urgroßvaters Georg.
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Auf dem Blech in der Backstube steht schon eine ganze Glücksbringer-Armee. Konditormeisterin Catherine Jamin formt die Glücksschweine nach der Originalvorlage ihres Urgroßvaters Georg.

Konditor-Handwerk

Das Glück aus Frankfurt steht auf zwei Mandelfüßchen

  • VonMichelle Spillner
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Viel Glück für 2022! Die Jamin-Schwestern aus Sachsenhausen fertigen Marzipanschweine - nach einem ganz besonderen Rezept.

Frankfurt -In den letzten Tagen des Jahres geht durch die Hände von Konditormeisterin Catherine Jamin (40) hundertfach das Glück in Form von kleinen Marzipanschweinchen. 50 Gramm schwer, fünf Zentimeter hoch, zartrosa reihen sich die Glücksschweinchen wie eine Armee auf dem Blech in der kleinen Backstube an der Schweizer Straße auf. Catherine Jamin rollt den Ball aus Mittelmeermarzipan zwischen ihren Händen, verlagert ihn derweil allmählich in Richtung der Handballen, die die hochwertige Masse in der Bewegung automatisch zu einer Art Kegel formen. Die Spitze des Kegels flacht sie mit einem Messer ab, zwei kleine Ritze an der Spitze gezogen, und schon sind da die typischen Nasenfältchen der Wutze. Mit einem Pikser setzt sie die winzigen Nasenlöcher und mit der Rückseite des Werkzeugs den dreieckigen, lächelnden Mund - und schon bekommt das Marzipan ein fröhliches Gesicht.

Zwei Schokoladenpünktchen setzen die Knopfaugen. Als Füßchen und Öhrchen fügt die Expertin geschickt vier halbe Mandeln dazu. Wahlweise bekommt das Schweinchen noch einen Glücksklee oder einen kleinen Schornsteinfeger ins Maul. So entsteht das Glück - oder besser der Glücksbringer.

Zarte Mandeln als Füßchen zu verwenden, das hat fast schon etwas Symbolisches: Das Glück steht auf zerbrechlichen Füßen.

Warum dieses Schwein echt frankfurterisch ist

Es ist ein "echtes Frankfurter Glücksschwein", das Catherine Jamin fertigt - nach dem 114 Jahre alten Rezept ihres Urgroßvaters Georg, der 1907 die Konditorei und Confiserie Jamin gründete. In vierter Generation wird sie von Catherine Jamin und ihrer Schwester Nicole im Haus der Familie fortgeführt. Nur die Außenwerbung am Gebäude über dem Geschäftseingang hat sich mit der Zeit angepasst. Rezept und Aussehen des Glücksschweinchens haben die Schwestern nie verändert. Es sieht genauso aus wie damals, als ihr Urgroßvater es zwischen seinen Händen "herbeirollte" und ihm mit wenigen Handgriffen ein Antlitz verlieh. Beständigkeit ist das Stichwort, "Dinge, die bleiben" stehen für die Jamin-Schwestern "auch für Optimismus und Glück".

Für sie bedeutet das Modellieren der Schweinchen an sich schon ein bisschen Glück: "Für uns und die Belegschaft ist es das Highlight. Wenn es an das Modellieren der Schweinchen geht, wissen wir, dass wir wieder ein Jahr gut hinter uns gebracht haben, und es macht Freude, den Kunden etwas mitzugeben, das ihnen Glück bringen soll", sagt Catherine Jamin. Einen speziellen Glücksbringer brauche sie selbst nicht. Sie habe das große, dauerhafte Glück, als Konditormeisterin das tun zu können, was sie liebt.

Der Klassiker zu Silvester - eine Tradition aus der Familie

Schweinchen sind der Klassiker zu Silvester. Wer Schwein hat, dem geht es gut, weil er genügend zu essen hat. Deshalb verschenkt man Schweinchen zum Jahreswechsel. Da kommen andere Glückssymbole wie die Marzipan-Glückspilze, -Kleeblätter und -Schornsteinfeger nicht mit. Ihr Urgroßvater fertigte Anfang des 20. Jahrhunderts auch andere Symbole aus Marzipan wie Glückswürfel und Geldsäcke - das gibt es heute kaum noch.

Fast in Vergessenheit geraten ist auch der Stutzweck. "Das ist der Frankfurter Klassiker zu Silvester", erklärt Catherine Jamin. Es wird hergestellt aus einem Hefe-Feinteig. Ein längliches Backwerk mit einer kleinen Rundung an beiden Enden und Einkerbungen in der Mitte, die zwölf Abteile bilden. Das süße Backwerk symbolisiert mit den Rundungen an Anfang und Ende und den zwölf Einschnitten ein Jahr mit seinen zwölf Monaten.

Eine weitere Tradition gab es bis in die Fünfzigerjahre

Bis in die Fünfzigerjahre hinein war es Frankfurter Tradition, dass am Neujahrstag Kinder von Tür zu Tür zogen, ein Gedicht aufsagten und als Dank mit Stutzwecken beschenkt wurden. "Das weiß kaum noch jemand. Der Stutzweck ist vom Aussterben bedroht", bedauert Catherine Jamin, die versucht, die Tradition aufrecht zu erhalten und den Kunden davon erzählt.

Es gibt also reichlich essbare Glücksbringer, mit denen man fürs neue Jahr die Weichen auf Glück stellen kann. Einfach alles nehmen: Schwein, Schornsteinfeger, Kleeblatt, Stutzweck... "Aber auch essen", ermahnt Catherine Jamin lachend. Sie weiß, dass gerade die handgefertigten und hübsch anzusehenden Kunstwerke häufig unverspeist bleiben. Dann werden sie bis zum nächsten Jahreswechsel hart und stauben ein. "Aber es wäre schade, sie nicht zu essen", sagt Catherine Jamin. Das Glück werde nicht mehr, wenn man es stehen lasse. Das leckere Marzipan sollte man sich "schnappen", solange es frisch ist, "sonst schnappt es sich vielleicht ein anderer" - das Marzipan und das Glück. ( Michelle Spillner)

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