Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der Neurologischen Klinik am Krankenhaus Nordwest, auf der Intensivstation.
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Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der Neurologischen Klinik am Krankenhaus Nordwest, auf der Intensivstation.

Frankfurter Medizinerin warnt

"Das ist eine große Gefahr"

  • VonBrigitte Degelmann
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Neurologin Uta Meyding-Lamadé hat ein Buch über Infektionen geschrieben.

Frankfurt -Ob sie sich vor zwei Jahren vorstellen konnte, wie sehr das Coronavirus die Welt verändern würde? Bei der Antwort auf diese Frage muss Neurologin Uta Meyding-Lamadé nicht lange überlegen. "Ja", antwortet sie prompt. Und, ergänzt sie im selben Atemzug, das schaffe nicht nur Sars-CoV-2, sondern das sei auch anderen Krankheitserregern möglich. Etwa Pockenviren. Zwar wurden die letzten Pockenfälle schon vor mehr als vier Jahrzehnten registriert, seit 1980 gilt die Welt als pockenfrei. Doch das könne sich schnell ändern, warnt die Medizinerin: "Das Pockenvirus gibt es immer noch bei Affen, und es braucht nur ganz wenige Mutationen, damit es wieder auf den Menschen überspringen kann. Das ist eine Gefahr, weil es kaum noch Impfstoffe gibt."

Uta Meyding-Lamadé ist Chefärztin der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Nordwest und hat kürzlich mit den Neurologen Martin Stangel, Jörg Weber, der Biologin Eva Maria Craemer und weiteren Autoren ein Buch unter dem Titel "Neuroinfektiologie" veröffentlicht: ein Leitfaden über bekannte und neue Infektionserkrankungen des zentralen Nervensystems. Auch Pandemien sind darin ein Thema. Die, sagt Meyding-Lamadé, gebe es schon seit der Antike. Zum Beispiel die Antoninische Pest, vermutlich eine Pocken-Pandemie, die in den Jahren 165 bis 180 im römischen Reich wütete und rund fünf Millionen Opfer forderte. Oder die Pest, an der Mitte des 14. Jahrhunderts rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung starb. Oder die Spanische Grippe, die vor 100 Jahren rund 50 Millionen Menschen den Tod brachte.

Eine medizinische Erfolgsgeschichte

Im Vergleich dazu berge die Corona-Pandemie jedoch einige Besonderheiten. Ungewöhnlich sei vor allem die rasende Geschwindigkeit, mit der sich das Virus über die ganze Welt verbreitet habe, sagt die Neurologin. Früher dauerte das Monate, Jahre, dieses Mal wenige Wochen. "Das zeigt uns: Die Welt gehört zusammen", sagt Meyding-Lamadé. Positiv sei jedoch, wie schnell es Wissenschaftlern gelungen sei, Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln. "Das ist eine Erfolgsgeschichte, wie wir sie in der Medizin selten erleben durften", schwärmt die Medizinerin.

Eine der Erkenntnisse der Buchautoren: In der Natur geht es weniger um Verbesserung, sondern vielmehr um Widerstandsfähigkeit. "In der Biologie gibt es kein Enzym, das maximal optimiert ist", betont Meyding-Lamadé. Das hätten Experimente gezeigt. Ihre Schlussfolgerung: "Die Natur strebt Robustheit an - nicht Maximierung." Ein Fazit, das man durchaus auf andere Bereiche übertragen sollte, findet sie. Zum Beispiel auf die Wirtschaft - etwa dadurch, dass man nicht auf "absolute Gewinnmaximierung ohne Luft und Pufferzonen" setze. Übrigens eine Denkweise, mit der auch Kliniken in den vergangenen Jahren leidvolle Erfahrungen gemacht haben.

Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, bräuchten Intensivstationen eigentlich eine Auslastung von 95 Prozent, rechnet die Neurologin vor. Dann drohe allerdings die Gefahr, dass nicht mehr jeder Mensch behandelt werden kann. Ihr Resümee: "Zu starker Fokus auf die Wirtschaftlichkeit kostet Menschenleben."

Eines bereitet ihr und anderen Ärzten besonders Sorgen. Während der Corona-Pandemie sank die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen. Immer wieder sehe sie beispielsweise Multiple-Sklerose-Patienten, die Untersuchungen lange hinausgezögert hätten, trotz Sehstörungen, Gangunsicherheiten, Taubheitsgefühlen. Darüber hinaus sei 2020 die Zahl der Erkrankungen an Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die durch Zecken übertragen wird, höher gewesen als in den Jahren zuvor. Möglicherweise ebenfalls eine Folge der Pandemie, vermutet Uta Meyding-Lamadé, weil vermutlich mehr Menschen ohne entsprechenden Impfschutz im Grünen gewesen seien. Ihr Appell: "Die ganz normale medizinische Versorgung darf darüber nicht vergessen werden. Und wir empfehlen dringend, dass die übliche Vorsorge auf keinen Fall vernachlässigt wird." Brigitte Degelmann

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