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"Das Museum wird anfassbarer werden"

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Von: Sarah Bernhard

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Brigitte Franzen steht in der künftigen "Aha?! Forschungswerkstatt". Mitte 2022 soll die Eröffnung sein.
Brigitte Franzen steht in der künftigen "Aha?! Forschungswerkstatt". Mitte 2022 soll die Eröffnung sein. © Leonhard Hamerski

Die Museumsdirektorin Brigitte Franzen will die Besucher in den kommenden Jahren immer mehr selbst forschen lassen.

Am 1. Januar 2021, mitten in der Corona-Pandemie, trat Brigitte Franzen ihre neue Stelle als Leiterin des Senckenberg Naturmuseums Frankfurt an. Zum Ende der Serie "200 Jahre Senckenberg" blickt sie zurück auf ihr erstes Wirkungsjahr - und kurz vor Silvester natürlich auch in die Zukunft.

Frau Franzen, das Jubiläum stand unter dem Motto "Museum for Tomorrow", die Besucher lernten 20 besondere Ausstellungsstücke neu kennen, es gab sie als Poster und kleine Faltblätter. Wie hat dieses "Museum für morgen" geklappt?

Es freut mich sehr, dass ein solch dezentrales Konzept, mit dem wir die Besucherinnen und Besucher in Bewegung bringen wollten, gut funktioniert hat. Zweitens ist auch die Geste, dass wir anlässlich des Museumsgeburtstags etwas verschenken, nämlich die Poster, super angekommen. Schön war, wie die Leute bepackt mit Plakaten vom Museum nach Hause gegangen sind, oder wie begeistert die Kinder waren. Das Dritte, worauf ich gespannt bin, ist die Feedback-Station, deren Idee es ist, dass die Besucherinnen und Besucher uns sagen, was sie gerne hätten, und wie sie sich das Museum der Zukunft wünschen. Die Auswertung machen wir Anfang des nächsten Jahres, damit wir zum Ende der Ausstellung Mitte März mit Ergebnissen aufwarten können.

Bekamen Sie auch direkte Rückmeldungen von Besuchern?

Die Menschen lieben das Museum! Das ist für uns alle, die wir hier arbeiten, eine sehr inspirierende Situation und eine supertolle Bestätigung, weil unsere Arbeit anerkannt wird und unsere Bemühungen auf fruchtbaren Boden fallen. Da geht einem richtig das Herz auf. Aber wir wollen uns nicht darauf ausruhen, sondern sehen das als Ansporn für weitere Verbesserungen.

Warum eigentlich noch mehr Neuerungen, wenn die Besucher das Museum doch eh schon lieben?

Es ist einfach notwendig, an der einen oder anderen Stelle aktueller zu werden. Aber wir werden nicht alles über Bord werfen. Es gibt Bereiche, wie die Säugetier- und die Vogelsammlung, die sind so fantastisch, dass wir sie nur sanieren. Da geht es auch um konservatorische Fragen: Die Objekte sind wertvoll und empfindlich, so dass wir jedes einzelne zum Beispiel auf Feuchtigkeit und Temperatur überwachen müssen, denn wir wollen sie ja für alle so lange wie möglich erhalten. Und wir müssen das Licht regulieren können, damit zum Beispiel die Felle nicht ausbleichen. Nun sind die Vitrinen aus dem Jahr 1907 und wir können diesen Anspruch daher nicht immer einlösen. Sie werden so saniert, dass sie historisch bleiben, die Exponate aber trotzdem dauerhaft geschützt sind. Vielleicht werden die Leute merken, dass es sich in den Abteilungen ein bisschen anders anfühlt, aber eben nur ein bisschen.

Und wo soll es richtig neu werden?

Manches ist baulich in die Jahre gekommen und wir müssen den Altbau auch ins richtige Licht setzen. Andere Bereiche brauchen eine neue Art von Museumsarbeit. Wir haben hier viele Kinder und Jugendliche, die vermutlich bei uns ihre erste Museumserfahrung machen. Wir sehen es als Auftrag, dass diese Begegnung so toll und spannend wie möglich wird. Deshalb wollen wir nicht nur zeigen und erklären, sondern auch Angebote zum selbst Forschen machen, teilweise unter Anleitung, teilweise selbstständig. Dazu bauen wir gerade einen Raum im hinteren Teil des Museums zur sogenannten "Aha?! Forschungswerkstatt" um.

Wann geht's los?

Dieser Bereich wird voraussichtlich Mitte 2022 eröffnen. Kinder und Erwachsene können sich dort direkt an Experimenten und ihrer Auswertung beteiligen. Ein Forscherkollege untersucht zum Beispiel die Tierwelt in Bolivien und hat dazu Fotofallen aufgestellt. Diese liefern permanent Bilder, und alle, die wollen, können beim Auswerten mithelfen. Es wird dort auch Mikroskope geben, um sich zum Beispiel Felle und andere Materialien genauer anzuschauen. Insgesamt sind drei solcher Räume geplant. Wir arbeiten auch an Konzepten für ein Bio-Lab, in dem richtige kleine biochemische Experimente möglich sind, und an einem Paläo-Lab, ähnlich wie bei der Ausstellung ,Edmonds Urzeitreich - eine Dinograbung in Frankfurt', nur, dass man selbst ausgraben und bestimmen kann. Das Museum wird anfassbarer werden, denn damit werden wir unserem Auftrag als Bildungseinrichtung noch viel stärker gerecht.

Was ist für die kommenden Jahre sonst noch geplant?

Wir arbeiten unter anderem an zwei großen Sachen: einmal an der Ausstellung "Natur und Medizin". Und an einer Ausstellung zum Thema Gehirn, in der wir darstellen wollen, wie das menschliche und das tierische Gehirn funktionieren und wie Wahrnehmungsverarbeitung vor sich geht. Beide wollen wir Anfang 2023 eröffnen. Das passt zu den Plänen, den Menschen stärker in den Mittelpunkt zu stellen, die dazugehörige Ausstellung wollen wir 2025 umsetzen. Wir haben bei Senckenberg Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die stehen bei der Erforschung der Menschheitsgeschichte international ganz vorne, und trotzdem hat das Thema im Museum bisher nur einen sehr kleinen Bereich, genauso wie die Messel-Ausstellung. Auch die soll bis 2025 vergrößert werden, denn dann wird die Messel-Forschung bei Senckenberg 50 Jahre alt. Die Urpferde und die anderen Fossilien aus der Grube sind im Grunde unsere Mona Lisas: Sie sind so einzigartig und Senckenberg hat so viel Anteil an der internationalen Messel-Forschung, dass das auch im Museum deutlicher werden muss.

Wir wollen aber noch weiter gehen. Die Digitalisierung ist für uns wichtig. Wir sind zum Beispiel beteiligt an einem Projekt der Hochschule Wiesbaden und der Uni Dublin, wo es um den Einsatz von Holo-Brillen im Museum geht, mit denen man gleichzeitig die Realität sehen und etwas eingespielt bekommen kann. Da gibt's unglaublich viel zu entdecken. Und dann geht's natürlich an den Um- und Anbau, der ganz Senckenberg beschäftigen wird.

Corona hat die Staatsfinanzen durchgerüttelt. Steht die Finanzierung durch Bund und Land?

Es gibt positive Signale und wir bereiten uns darauf vor, dass sie kommt. Das wird sich in der ersten Hälfte des nächsten Jahres final entscheiden.

Verraten Sie den Lesern mehr über den geplanten Neubau!

Der Standort zwischen dem jetzigen Museum und der Gräfstraße bleibt. Der Neubau soll als Anbau unmittelbar an das Bestandsgebäude andocken und einen zweiten Eingang haben. Zwar ist uns das Portal vorne lieb und teuer, auch, weil es nahe an der U-Bahn liegt. Aber wenn mehrere größere Gruppen gleichzeitig ankommen, wird der Vorplatz sehr eng. Deshalb ist es gut, einen zweiten Eingang vorzusehen, inklusive Café und Restaurant, das noch mal eine ganz andere Ausstrahlung haben wird. Der Anbau ist wichtig fürs gesamte Viertel, weil dort eine bauliche Leerstelle ist.

Ich nehme an, es wird ein nachhaltiger Bau?

Wir sind dem Thema natürlich verpflichtet, deshalb muss es sich auch baulich niederschlagen. Die Bauabteilung von Senckenberg sammelt gerade so viele Informationen wie möglich, um uns auf den neuesten Stand zu bringen. Das macht viel Spaß, weil wir wirklich in einer Situation sind, in der wir alles von vorne ganz neu denken können. Das ist eine "once in a lifetime"-Chance.

Klingt, als ob Sie Ihre Entscheidung für Frankfurt nicht bereuen.

Es war nicht einfach, mitten im Lockdown den Job zu wechseln, aber ich bin glücklich. Ich fühle mich in Frankfurt sehr wohl. Die Stadt ist kulturell sehr gut aufgestellt. Außerdem habe ich fantastische Kolleginnen und Kollegen! Wir sind ein tolles, diverses Museumsteam, und es macht viel Spaß, die Blickwinkel der erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der jüngeren zu integrieren. Letztere wollen auch als Besucher anders angesprochen werden, deshalb ist es auch eine richtig gute Sache, dass wir diese Sichtweisen aus dem eigenen Team heraus entwickeln können und beispielsweise einen Jugendbeirat etabliert haben. Wir wollen ein Forschungsmuseum der Zukunft und für zukünftige Generationen sein, ein Ort, wo Themen verhandelt werden, man aber auch ins Gespräch kommen kann: für die Gesellschaft und mit der Gesellschaft.

Und das alles mitten in einer Pandemie.

Corona hatte sogar Vorteile, so merkwürdig es vielleicht klingt, weil ich mich stärker dem Team und der Museumsstruktur widmen konnte. Wir haben den Lockdown genutzt, um über Konzepte zu sprechen und um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammenzubringen. Bevor ich herkam, waren die Museumsentwicklung und das Museum selbst ja noch zwei unabhängige Abteilungen.

Gibt es etwas, auf das Sie nach Ihrem ersten Jahr besonders stolz sind?

Ich freue mich sehr, dass die Forschungswerkstatt kommt, und wir Förderer überzeugt haben und Mittel dafür einwerben konnten. Gleiches gilt für den Freiraum, einen Bereich, der dynamischer funktioniert als der Rest des Museums. Dort können künftig kurzfristiger Ausstellungen und Präsentationen stattfinden. Es ist aber auch ein Ort, an dem man sich aufhalten kann, ohne Programm zu haben. Es wird Sofas geben, so dass man das Gesehene Revue passieren lassen kann, um wieder offen für Neues zu werden. Bisher gibt es zu wenige solcher Orte im Museum. Und ich bin froh, endlich einen Raum für die Gehirn-Ausstellung gefunden zu haben. Die Idee war schon lange da, aber man wusste nicht, wo genau man sie umsetzen kann. Mit einem frischen und neuen Blick haben wir jetzt genau den richtigen Ort gefunden. Alles in allem bin ich sehr stolz darauf, dass wir innerhalb eines Jahres schon so viele Nägel mit Köpfen machen konnten, und dass das Museumsteam sich leidenschaftlich für das Haus und die Inhalte engagiert.

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