Das Westend-Süd ist eine liberale Hochburg in Frankfurt. Die FDP hat den Stadtteil bei der Bundestagswahl gewonnen.
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Das Westend-Süd ist eine liberale Hochburg in Frankfurt. Die FDP hat den Stadtteil bei der Bundestagswahl gewonnen.

Kommunalpolitik

Das Westend-Süd ist eine liberale Hochburg

  • VonMichelle Spillner
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Bei der Bundestagswahl hat die FDP das Westend-Süd als einzigen Stadtteil gewonnen. Warum? Das haben wir versucht zu erkunden. Die Spurensuche führt zu Maria-Christina Nimmerfroh.

Wir befinden uns im Jahr 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt... Nein, falsche Zeit, falscher Ort: Wir befinden uns im Jahr 2021. Ganz Frankfurt ist von Schwarz-Rot-Grün besetzt. Ganz Frankfurt? Nein! Es gibt einen kleinen, gelben Fleck auf der Wahllandkarte der Bundestagswahl. Im Frankfurter Gesamtergebnis haben die Liberalen ihr Ergebnis von 2017 um 0,7 Prozent-Punkte erhöht und insgesamt 14,8 Prozent aller Frankfurter Wählerstimmen erhalten. Das Westend-Süd haben die Liberalen mit 26,6 Prozent der Stimmen gewonnen und zum gelben Fleck auf der Karte gemacht - ein kleines, liberales gallisches Dorf.

Dabei haben sie dort im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 sogar 1,3 Prozent Stimmen verloren. 2017 reichten der FDP die Stimmen nicht, um das Westend-Süd für sich zu entscheiden. Sie hat sich also nicht verbessert, dennoch ist dieser Wahlbezirk nun eine der Hochburgen der FDP in der Republik. Im Vergleich der Großstadt-Gesamtergebnisse gibt es in Stuttgart mit 16 Prozent die meisten FDP-Wähler, gefolgt von Frankfurt mit 14,8 Prozent und Düsseldorf mit 14,3 Prozent. Am schlechtesten schnitt die FDP in Köln mit 4,7 Prozent ab. Das Westend-Süd ist der Leuchtturm.

Wie kommt es dazu, dass das Westend-Süd gelb geworden ist? Jemanden zu finden, der zugibt, dass er die FDP gewählt hat, ist unmöglich - vielleicht schon allein, weil man eher ungern darüber spricht, wo man sein Kreuzchen gesetzt hat. Vielleicht auch, weil die verschworene Gemeinschaft der Süd-Westendler es so hält wie das Völkchen des gallischen Dorfs und lieber ihr eigenes Süppchen, oder besser einen Zaubertrank kocht?

Ist dort vielleicht irgendwo ein Asterix, "ein kleiner listiger Krieger, voll sprühender Intelligenz, dem alle gefährlichen Aufträge bedenkenlos anvertraut werden und der seine übermenschlichen Kräfte aus dem Zaubertrank des Druiden Miraculix zieht", wie seine Väter, die Comic-Legenden Goscinny und Uderzo, ihn beschrieben haben? Wer wohnt denn im Gebiet des Ortsbeirates 2 und könnte verantwortlich sein für die liberale Enklave. Jemand, dem man Asterix-Qualitäten zutraut?

"Ich glaube, jeder wäre gerne Asterix", sagt Maria-Christina Nimmerfroh in einem Café an der Ecke Kettenhofweg. Ihr Zaubertrank an diesem Morgen ist ein Latte Macchiato. Die Analogie zu Asterix gefällt ihr durchaus. Asterix zeichne sich durch strategische Überlegungen aus und dadurch, keine Scheu "vor dem direkten Kontakt" zu haben - und da sieht sie Parallelen zu ihrer Partei und einen Ansatz, das gute Bundestagswahlergebnis im Süden des Westends zu erklären.

Maria-Christina Nimmerfroh ein Asterix? Mit gefährlichen Aufträgen? Ja, sie sei schon einmal bei einer Kundgebung von 500 Menschen ausgebuht worden, sagt sie. Doch den direkten Kontakt scheut sie nicht. Sie boxt zwar keine Römer um - wobei im parteipolitischen Geschäft der Begriff des "Römers" noch zu definieren wäre -, aber sie ist nicht wehrlos. Und, merke auf: Ihr Onkel war deutscher Meister im Gewichtheben - ein Obelix?

Missstimmungen in der Frankfurter FDP im Jahr 2020 endeten für Maria-Christina Nimmerfroh damit, dass sie nicht mehr für die Position der stellvertretenden Vorsitzenden der Kreis-FDP antrat. Acta est fabula - vorbei ist vorbei. Ihrer Partei hatte sie einmal ein "Imageproblem" bescheinigt - ein Problem, das die Gallier nicht haben. Bis April 2021 saß sie noch im Ortsbeirat 2, führte die FDP-Fraktion dort an, und hat somit den Großteil der Zeit vor der Bundestagswahl mitgestaltet.

Nein, man habe den Bewohnern im Westend-Süd kein Geld dafür geboten, dass sie die FDP wählen, sagt sie und lächelt. Das dürfe man ja auch gar nicht, und die Menschen wären sicherlich sehr überrascht, wie wenig Geld eine Partei zur Verfügung habe, steigt sie auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage nach dem Erfolgsrezept ein.

Vielmehr macht sie zwischen den Westend-Süd und ihrer Partei eine "Paarung zwischen dem Lebensgefühl und der Urbanität des Stadtteils" aus, der für Individualität steht, und in dem der Begriff der Freiheit - wie im gallischen Dorf - eine große Rolle spiele: "Freiheit meint nicht nur die persönliche Freiheit, sondern auch die wirtschaftliche. Das hat mit den Aufstiegschancen zu tun. Die Leute, die hier wohnen, haben nichts geerbt, sie haben es sich erarbeitet." Und das sei ein wichtiger Punkt in der Liberalität: "Die Möglichkeit des Aufstiegs zeigt sich hier im Westend-Süd." Damit identifiziere man sich.

Außerdem habe die FDP mit den Bürgern gesprochen, Ortstermine gemacht, mit dem Zollstock auf der Straße gestanden und nachgemessen, um angedachte Verkehrskonzepte auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen - das hätten andere Parteien nicht gemacht, sagt sie: "Unsere Stärke war, dass wir uns jede Kleinigkeit angeschaut haben." Man müsse mit den Menschen sprechen, ihnen Fragen stellen und sie ernst nehmen, "und zwar in ihrer Lebenswirklichkeit und nicht in der Idealvorstellung, die man in der Politik gerne hätte". Ihr Leitspruch: "Politik findet mit Menschen statt - es ist ein Sport mit und für Menschen."

Als Psychologin glaubt sie, dass es "um eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Politikern und Bürgern geht, "dass man das Gefühl hat, die sind uns ähnlich, die sind uns sympathisch. Die Menschen wählen eher ein Lebensgefühl als ein Wahlprogramm. Im Falle der FDP seien das eben Freiheit, Toleranz, der Aufstiegsgedanke, Verantwortung und individuelle Möglichkeiten. Das deckt sich ein wenig mit Asterix, und es kommen noch hinzu: Gemeinschaftssinn, Schlagkraft, der Barde Troubadix, Obelix, Idefix, Wildschweinbraten und ("Beim Teutates!") natürlich der Zaubertrank. Maria-Christina Nimmerfroh sagt: "Parteiprogramme und Wahlkampf sind ein bisschen wie ein Zaubertrank - die Rezeptur muss stimmen."

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