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"Das wird nicht reichen"

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Von: Michelle Spillner

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Nicht mehr viel Auswahl: Kristina Herzog (links) und eine ehrenamtliche Helferin schauen sich im vorübergehenden Packraum der Kreuzgemeinde auf den ziemlich leeren Tischen danach um, was sie einem Kunden noch in die Tüte packen können.
Nicht mehr viel Auswahl: Kristina Herzog (links) und eine ehrenamtliche Helferin schauen sich im vorübergehenden Packraum der Kreuzgemeinde auf den ziemlich leeren Tischen danach um, was sie einem Kunden noch in die Tüte packen können. © Michelle Spillner

Hilfsorganisation erlebt in Preungesheim den größten Ansturm seit ihrer Gründung vor zwei Jahren.

Frankfurt -Die Ausgabestelle Preungesheim der Frankfurter Tafel erlebt am Dienstag vor Ostern den größten Ansturm seit ihrer Gründung vor zwei Jahren. Statt der sonst durchschnittlich 65 Kunden stehen dieses Mal 78 an, die Lebensmittel für 226 Personen abholen möchten. Statt wie geplant bis 13.50 Uhr erstreckt sich die Lebensmittelausgabe bis 15 Uhr. Schon um 13.30 Uhr weiß Kristina Herzog mit Blick auf die Kisten: "Das wird nicht reichen."

Einigen Kunden haben sie und die anderen ehrenamtlichen Helfer schon "Absagen" erteilen müssen. "Nein, wir haben leider keine Milch mehr." "Kein Fleisch, darf es Fleischersatz sein?" Schokolade gibt es noch, von Weihnachten. Ein paar Grünpflanzen, die die Blätter hängen lassen und einen grünen Daumen benötigen. "Den habe ich", freut sich eine Kundin und nimmt die Pflanzschale mit. Und dann packt Kristina Herzog noch eine Kerze in Eierform dazu: "Frohe Ostern." Man merkt, wie froh sie ist, wenn sie einen Wunsch erfüllen kann, und wie sehr es sie schmerzt, wenn nicht. "Auch wenn es mit den Lebensmitteln knapp ist, versuchen wir, auf Vorlieben unserer Kunden einzugehen", schildert sie. Es sind Kunden mit wenig Geld, die zuvorkommend und wertschätzend behandelt werden. Einen Euro wirft jeder Kunde als Obolus in die Spendendose. "Entschuldigen Sie, die Dame", erklärt sich ein Helfer einer Kundin, der aufgrund einer kurzen Ablenkung noch einmal nach dem Bedarf fragen muss. "Essen Sie alles? Wie viele Personen sind Sie", fasst der Helfer nach, nachdem er den Namen auf der Liste abgehakt hat. Dann ruft er "Zwei, zwei, alles" in den Packraum im Saal der Kreuzgemeinde: also zwei Erwachsene, zwei Kinder und keine Essenseinschränkungen, auch keine Allergien. Und die Helfer packen im Akkord.

Kristina Herzog denkt mit. Einer älteren Dame würde sie eher die Beinscheiben anbieten als den Gemüsebratling - wenn es Beinscheiben gäbe. Die Auswahl in der letzten halben Stunde dieses Ausgabetages ist sehr begrenzt: "Wir haben nur noch Salat und Gemüse, das sage ich Ihnen gleich", erklärt ein Helfer jedem, der an den Ausgabetisch tritt. Keiner winkt ab, keiner geht, alle sind froh um das, was sie bekommen. Der eine oder andere ist vielleicht etwas enttäuscht, aber niemand benennt es. "Wir sind froh, dass es euch gibt", sagt eine Frau. Und ein anderer räumt ein, er werde verzichten, wenn es so knapp sei und wenn es Menschen gäbe, die es dringender bräuchten als er. Da wird ihm die Tasche auch schon gefüllt.

Dass an diesem Dienstag überhaupt niemand mit leeren Taschen wieder nach Hause gehen muss, ist den Helfern ein dringendes Anliegen. Das würde ihnen das Herz brechen. Kristina Herzog hat um kurz vor zwei im Lager angerufen, Waren nachgeordert. Da war die Schlange noch rund 40 Personen lang, die schon gut ein bis zwei Stunden gewartet haben. Dann ein glücklicher Umstand. Ein Hotel gibt frische Waren ab, die werden direkt in die Ausgabestelle geholt. Salate, Blumenkohlköpfe, Orangen, Äpfel, ein paar Erdbeeren, ein paar Auberginen, etwas Rhabarber.

An diesem Tag ist auch eine junge Studentin da, die Russisch spricht und zwischen ukrainischen Flüchtlingen und den Tafel-Mitarbeitern dolmetscht. Acht Ukrainer sind es im Laufe der gut drei Stunden. Ihnen erklärt sie den Frankfurt-Pass, was sie wo beantragen müssen und wie es weitergeht, bevor sie etwas zu essen mit nach Hause nehmen dürfen. "Den Euro müssen sie nicht einwerfen", sagt Kristina Herzog jedem Ukrainer und bittet um Übersetzung. Die Studentin übersetzt korrekt. Und sie werfen doch etwas ein, eine Dame sogar drei Euro. Michelle Spillner

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