Maria Möller, Jakob Bethmann und Laura Mohn (von links) packen nächtelang im elterlichen Keller Hundertausende Daumenkinos zum Erlernen gebärdenunterstützter Sprache für den Versand ein.
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Maria Möller, Jakob Bethmann und Laura Mohn (von links) packen nächtelang im elterlichen Keller Hundertausende Daumenkinos zum Erlernen gebärdenunterstützter Sprache für den Versand ein.

„Talking Hands“

Schon bei „Die Höhle der Löwen“ im TV: Rasanter Aufstieg für Frankfurter Start-up

  • VonMichelle Spillner
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Ein Start-up aus Frankfurt hat sich mit "Talking Hands" behauptet. Die Papierknappheit lässt die Erfolgsgeschichte aber stocken.

Frankfurt - Die drei jungen Leute im Alter von 27 und 28 Jahren sehen aus wie arglose Studenten, dabei sind Laura Mohn, Maria Möller und Jakob Bethmann längst erfolgreiche Unternehmer mit Hundertausenden von Bestellungen - und das nicht erst seit ihrem Auftritt in der Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen". Dort stellten die beiden jungen Frauen ihre Daumenkinos "Talking Hands" vor und können sich seitdem vor Bestellungen nicht mehr retten.

Im Keller des Elternhauses von Laura Mohn im Süden von Frankfurt stapeln sich die Flip-Books auf etlichen Quadratmetern Tischfläche. Laura Mohn und Maria Möller verbringen dort ihre Nächte, um händisch völlig übermüdet die Daumenkino-Bestellungen in die schmucken Kisten zu packen, immer 100 unterschiedliche in einer Reihe, und für den Versand fertig zu machen. Wie oft müssen sie alles wieder auspacken, weil sie sich vertan oder verzählt haben! Jetzt jedoch stockt der Versand, weil keine Ware nachkommt: wegen Papierknappheit - und das auf dem Höhepunkt ihrer kurzen, steilen Erfolgsgeschichte.

Frankfurter Start-up bei „Höhle der Löwen“: Wie die Erfolgsgeschichte "Talking Hands" begann

Während ihrer Studienzeit hat alles seinen Anfang genommen: die Erfolgsgeschichte ihrer Daumenkinos, denen sie angelehnt an den Bandnamen "Talking Heads" den Produktnamen "Talking Hands" gegeben haben. Damit wollen sie spielerisch gebärdenunterstützte Sprache vermitteln und damit Inklusion voranbringen. Und das ist der Initiatorin der "Talking Hands", Laura Mohn, wichtig: "Es handelt sich ausdrücklich nicht um Gebärdensprache, sondern um gebärdenunterstützte Sprache."

Die sprachliche Verkürzung in den Beschreibungen ihres Produktes hatte den Start-up-Gründerinnen nach ihrem Fernsehauftritt nämlich Kritik seitens Gehörloser eingebracht, dass das, was die Daumenkinos vermittelten, keine korrekte Gebärdensprache sei. "Wir haben nie behauptet, dass wir Gebärdensprache vermitteln", betont Mohn und fügt an: "Die deutsche Gebärdensprache ist viel komplexer."

Frankfurter Start-up „Talking Hands“: Große Schwester als positives Beispiel

Ihr gehe es nicht darum, Gestiken zum Beispiel für einzelne Worte wie "Trinken", "Milch" oder "Mama" zu vermitteln. Damit will sie vor allem Kindern mit körperlicher oder geistiger Behinderung etwas Hilfreiches an die Hand geben, die sich verbal nicht so gut ausdrücken können oder die erst sehr spät zu sprechen beginnen. Ihrer großen Schwester, die das Down-Syndrom hat, habe die Gebärdenunterstützung auch beim Erlernen der gesprochenen Sprache entscheidend geholfen, weil die Verknüpfung von Bewegung und Sprache Synapsen stärke.

Für Mohn ist das Konzept der Daumenkinos ein wichtiger Beitrag zu Inklusion. "Daumenkinos sind das Einzige, was sich bewegt und was nicht digital ist", erklärt die Jung-Unternehmerin. Damit können in bewegten Bildern spielerisch Bedeutungen von gestischen Abläufen vermittelt werden, die alle für die Kommunikation nutzen können.

"Der Ablauf der Gebärde kann dank der Daumenkinos gut nachvollzogen werden. Das gemeinsame Lernen der Gebärden fördert die Integration der Kinder. Hinzu kommt, dass die motorischen Fähigkeiten der Kinder durch die Haptik beim Blättern der Daumenkinos trainiert und gestärkt werden", erklärt Laura Mohn. Die Entwicklung der Daumenkinos und ihre Illustration - das war das Thema ihrer Bachelor-Abschlussarbeit des Kommunikationsdesign-Studiums. 100 Worte für Kleinkinder setzte Mohn in Daumenkinos um, testete sie in Kindergärten, erntete Begeisterung. "Dann haben sich viele Kitas gemeldet, die das auch wollten", schilderte sie.

Start-up aus Frankfur bewirbt sich bei „Die Höhle der Löwen“

Ins Unibator-Programm für Starts-ups aufgenommen, bekamen Mohn und Möller Unterstützung, ein kleines Büro, nach und nach immer größere Druckaufträge und den Mut, sich bei "Die Höhle der Löwen" zu bewerben, in der Hoffnung, dort einen Investor zu finden. Zwar haben sie bei ihrem TV-Auftritt keinen Zuschlag erhalten, aber gehörigen Support. Jeder der vier "Löwen" - Georg Kofler, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer und Judith Williams - orderte für jeweils 10 000 Euro Daumenkinos bei den Frankfurterinnen, um 160 000 Daumenkinos an Kindereinrichtungen weiterzugeben. "Es ist nicht so, dass den Juroren der Fernsehsendung unser Produkt nicht gefallen hat", erklärt Laura Mohn, sie seien nur in völlig anderen Segmenten angesiedelt - so kam es zu dem ungewöhnlichen Support, der über die Bestellungen hinausgeht. Judith Williams wirbt auch dafür, "Patenschaften" zu übernehmen und Kindereinrichtungen Daumenkinosets à 100 Daumenkinos zum Preis von 250 Euro zu finanzieren.

Die kleine Firma wächst. Seit kurzem ist Jakob Bethmann als Partner dazugekommen, ebenfalls ein einstiger Studienkollege, der Betriebswirtschaft studiert hat und sich mit Programmieren auskennt. An einer App mit kleinen Lernfilmen für die Gebärden seien sie nun schon dran, verraten die drei, die noch einiges vorhaben.

Frankfurt: Junge Start-up Gründer haben mit „Talking Hands“ noch einiges vor

In den USA sei man mit dem Thema gebärdenunterstützende Sprache bereits weiter, betont Mohn. Da gebe es das schon seit mehr als 20 Jahren, dass Babys mit "Baby Signs", also einfachen Handzeichen, schnell kommunizieren könnten, wodurch der Alltag ungemein erleichtert werde. "Baby Signs ist eine gebärdenunterstützte Kommunikation, bei der die Gebärden zusätzlich zum gesprochenen Wort in der Kommunikation mit hörenden Babys eingesetzt werden. Dem Baby wird damit schon die Möglichkeit gegeben, sich mitzuteilen - noch bevor es das erste Wort spricht", schildert Mohn. Und: Gesten und Gebärden funktionieren international ...

"Der große Traum wäre natürlich, dass Talking Hands nicht nur in Deutschland bleiben, sondern sie auch noch in andere Länder zu bringen", sagt Laura Mohn. Vorher aber würden sich die drei noch eine Verpackungsmaschine wünschen, die statt ihrer die Daumenkino-Sätze automatisch in die Kästen sortiert. (Michelle Spillner)

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