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David Byrne in Frankfurt

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Von: Enrico Sauda

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„Secret Life of Humans“: Die Reise zur Geschichte der Menschheit, die Autor David Byrne geschrieben hat, inszeniert er nun selbst am English Theatre. FOTO: enrico sauda
„Secret Life of Humans“: Die Reise zur Geschichte der Menschheit, die Autor David Byrne geschrieben hat, inszeniert er nun selbst am English Theatre. © Enrico Sauda

Er trägt einen berühmten Namen, aber er ist es nicht: David Byrne ist Theatermacher. Aber er kennt den Mitbegründer der „Talking Heads“.

Frankfurt -D avid Byrne trägt einen berühmten Namen. Aber nein. Er ist es nicht. Dieser David Byrne ist nicht der Mitbegründer der „Talking Heads“. Dieser David Byrne ist der, der am English Theatre „Secret Life of Humans“ in Szene setzt. Aber natürlich kenne David Byrne den anderen David Byrne. „Es ist lustig, denn ich bekomme etliche Mails, die für ihn gedacht sind“, erzählt er. „Was die Leute so alles von ihm wollen. Da bin ich schon froh, dass die nicht an mich gerichtet sind.“ Hin und wieder leite er ihm einige weiter. Ja, seine E-Mail-Adresse habe er. Und getroffen hätten die beiden sich auch schon. Nun aber gastierte der Theatermacher in der Mainmetropole, um einen guten Monat lang an „Secret Life of Humans“ zu arbeiten.

Mit einem geliehen Drahtesel machte er sich auf den Weg, die Stadt zu erkunden. „Ich habe einiges gesehen.“ Und er habe einige brenzlige Situationen erlebt, lacht er, weil er auf der falschen Straßenseite gefahren sei.

Die Mauern im Hirn bröckelten

„Aber natürlich saß ich die meiste Zeit im Dunklen, und verfolgte die Proben.“ Dass er diesen Berufsweg einschlagen würde, war alles andere als klar. „Ich stamme nicht aus einer Familie, die sehr viel ins Theater ging“, sagt Byrne. Es passierte, als er in London mit Mitschülern das Stück „Heavenly“ der Frantic Assembly“ besuchte. „Es war, als würden die Mauern in meinem Hirn bröckeln. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt“, erinnert er sich an den Eindruck, den dieser Theaterbesuch auf ihn machte.

„Theater schafft, was keinem anderen Medium gelingt: Es öffnet und erweitert deine Vorstellungskraft.“ Deshalb dränge es ihn auch nicht unbedingt, einen Film zu machen. Von diesem Augenblick an habe er gewusst, dass das das war, was er machen wollte. Aber auch, was nicht: Schauspieler. Zwar sei er hin und wieder eingesprungen. „Aber ich bin nicht sehr gut“, sagt er. „So machte ich mich auf und studierte Theater.“

Mit Erfolg, denn bereits im ersten Studienjahr gewann er einige Preise. Aber eins stellt er gleich klar: „Ich werde nicht über mein erstes Stück sprechen.“ Ruhm, den hatte er dann wohl schon. Aber kein Geld. „Ich war sehr arm und brauchte einen Job.“ Und er bekam einen. Wurde Theaterdirektor. „Im Lake District.“ Jetzt führt er ein Haus in London.

Mit dem Theater verheiratet

„Secret Life of Humans“ entstand dort, ging von dort übers Edinburgh-Festival nach New York zum Off-Broadway. „Die Version, die Sie hier zu sehen kriegen, ist eine viel weiter entwickelte“, sagt der Theatermacher. „Jedes Stück, das du machst, ist eine Reaktion auf das vorherige“, so Byrne, der alleine in London lebt. „Ich war in den vergangenen zehn Jahren mit meinem Theater und meiner Arbeit verheiratet“. Aber bald werde er 40 Jahre alt...

Er sei ein Kartograf, der sich mit jedem seiner Stücke auf eine neue Reise begehe, neue Orte entdecke und aufzeichne. Was er nicht ist: Ein Regisseur, der immer größere Bühnen und ein immer größeres Publikum braucht. „Solange meine Arbeit Bedeutung hat, Vergnügen bereitet, möchte ich diesen Beruf weiter ausüben“, sagt er.

In der Angst liegt der Antrieb

Im Laufe der Jahre habe er gelernt, sich besser auf diese Trips vorzubereiten. „Aber du weißt nie, wie du ans Ziel kommst.“ Er stehe immer wieder am Anfang und es komme ihm vor, als habe er alles vergessen. „Es ist jedes Mal wieder wie das erste Mal.“ Was sich aber geändert habe, sei, „dass du weißt, dass du das Ziel erreichst“. Das sei zwei Dinge gleichzeitig: aufregend und schrecklich. Denn irgendwann komme auch der Punkt, „an dem du denkst, dass es nicht weitergeht“. Auch bei „Secret Life of Humans“ war’s so. „Aber du schaffst es. Doch die Ungewissheit ist immer da.“

In dieser Spannung, in dieser Angst - darin liege der Antrieb. „Und auch die Verlegenheit, die dann aufkäme, wenn du nicht fertig werden würdest“, sagt David Byrne. „Secret Life of Humans“ ist aber fertig und er sei sehr zufrieden mit der Arbeit. Zeit, sich Neuem zu widmen. „Im Winter starten wir mit einer neuen Produktion“, kündigt er an. Sein Theater in London habe er zeitweise dichtgemacht und will nun einen großen Neustart.

„Nach der Pandemie hatten wir das Haus geöffnet, fanden aber, dass es keine spannenden Stücke gab. So schlossen wir sechs Monate und investierten viel Geld in neue Ideen.“

Im Frühjahr soll’s weitergehen. Da sind sie wieder, die Angst, die Ungewissheit, der Reiz, der das alles ausmacht. „Secret Life of Humans“ ist noch bis Sonntag, 29. Oktober 2022, im English Theatre zu sehen.

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