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Permanente Anspannung

Ein Leben für den anderen

In Frankfurt ist die Zahl der Pflegebedürftigen innerhalb von zwei Jahren um 16 Prozent auf 24 693 Menschen gestiegen. Mehr als 13 000 von ihnen werden ausschließlich von ihren Angehörigen betreut. Wie erdrückend die damit verbundene Belastung ist, lässt sich am Beispiel von Renate Hoffmann* erahnen.

Frankfurt. Manchmal merkt Rudolf Hoffmann* selbst, dass sein Gehirn nicht mehr so funktioniert, wie es sollte. Unruhig und unzufrieden sei er dann, sagt seine Ehefrau Renate. Und klage darüber, dass irgendetwas mit seinemn Kopf nicht stimme. Dieses „irgendetwas“ kennt Renate Hofmann nur zu gut: Rudolf Hofmann leidet an Demenz. So unselbstständig und orientierungslos sei er inzwischen, dass er ständig hinter ihr herlaufe, sagt die 72-Jährige. Bei der Pflegekasse ist er deshalb mit dem Pflegegrad vier eingestuft: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit.

Dennoch kümmert sich seine Ehefrau immer noch selbst um ihn. Wie es in Frankfurt Tausende von Angehörigen tun. Mehr als die Hälfte der Frankfurter, die Leistungen der Pflegeversicherung beziehen, werden nach Angaben der Krankenkasse IKK classic ausschließlich von Familienangehörigen betreut. Zum Beispiel Rudolf Hoffmann. Eine Aufgabe, die seiner Frau alle Kraft abverlangt. Auch deshalb, weil sie große Probleme mit ihren Knien hat, während ihr Mann körperlich noch fit ist. „Bei uns prallen Welten aufeinander“, sagt sie und ringt sich ein Lächeln ab, das alles andere als froh wirkt. „Manchmal sage ich zu ihm: ‚Ich bin dein Kopf und du mein Knie’.“ Ein Satz, dem er mit einem verständnislosen Blick begegnet. Wie wohl so ziemlich allem, was Renate Hoffmann zu ihm sagt. Am schlimmsten sei es für sie, dass mit ihm seit etwa zwei Jahren kein Gespräch mehr möglich sei, sagt sie. Dass sie keinen Ansprechpartner mehr habe. Ein schmerzhafter Verlust nach mehr als 50 Ehejahren. Dabei sei er einst ein Macher gewesen, erinnert sie sich, immer kontaktfreudig, während sie eher der ruhige Part gewesen sei. Jahrzehntelang arbeiteten sie in ihrem kleinen Geschäft Seite an Seite, bevor sie 2005 gemeinsam in Rente gingen

Permanente Anspannung

Die ersten Jahre war noch alles gut. Gemeinsam unternahmen sie oft Ausflüge, verbrachten Urlaube auf dem Campingplatz. Doch irgendwann merkte Renate Hoffmann, dass ihr Mann nachließ. Vor sechs Jahren diagnostizierte der Hausarzt Demenz. Da war er schon nicht mehr imstande, eine Uhr aufzuzeichnen. Heute ist er praktisch hilflos, auch wenn ihm das auf den ersten Blick nicht anzusehen ist. Und sie müsse ihn immer im Auge behalten, sagt die 72-Jährige. Die permanente Anspannung macht ihr zu schaffen. Genauso wie der Rückzug von Freunden und Bekannten, mit denen sich das Ehepaar nur noch selten trifft. Zu groß sei ihre Angst, dass es dann zu peinlichen Situationen kommen könnte, sagt Renate Hoffmann.

Die irritierten Blicke anderer Menschen seien für sie kaum zu ertragen. Wie vor einigen Wochen, als sie ausnahmsweise im Restaurant aßen. Als Gäste am Nebentisch ihr Essen erhielten, während sie selbst noch warteten, sei ihr Mann unruhig geworden, erinnert sie sich: „Und dann hat er zur Bedienung plötzlich ganz laut gesagt, ‚Kommen Sie mal her und räumen Sie endlich den Tisch ab’.“ Ein Vorfall, für den sich Renate Hoffmann immer noch schämt, obwohl sie sich bei der Frau entschuldigt hat. Spaziergänge durch die Stadt unternimmt sie noch mit ihrem Mann. Touren, die er problemlos bewältigt, die ihr jedoch wegen ihrer Knieschmerzen schwer fallen.

Aber so hätten sie wenigstens etwas zu tun, sagt sie. Froh ist sie darüber, dass ab und zu ihre Tochter kommt und sich kümmert. „Wenn ich sie nicht hätte, wäre es viel schwieriger“, sagt sie dankbar. Trotzdem macht ihr die Pflege zu schaffen, auch seelisch. Eigentlich sei sie ein positiv denkender Mensch, sagt sie. Doch inzwischen ertappt sie sich manchmal bei Gedanken, bei denen sie erschrickt.

Wie vor Kurzem bei der Beerdigung eines Bekannten. „Ach, was wäre das schön, wenn ich da drin liegen würde“, dachte sie, als sie den Sarg sah. Eine Überlegung, die sie gleich wieder verbietet: „Das geht ja nicht, ich hab’ ja Familie. Und ich rappel mich dann schon wieder auf.“ Nicht nur Verzweiflung, Depressionen quälen viele Menschen wie Renate Hoffmann. Nach Untersuchungen der Barmer Krankenkasse sind Menschen wie sie häufiger krank als solche, die nicht pflegen.

Etliche leiden an Rückenschmerzen, Schlafmangel und anderen Beschwerden. „Viele pflegende Angehörige sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen “, heißt es im jüngsten Barmer-Pflegereport.

Zeit zum Durchatmen

Ein Satz, der für Renate Hoffmann vertraut klingen dürfte. Zwar schläft ihr Mann nachts durch, schränkt sie ein. Doch tagsüber ist er auf sie fixiert. Immerhin kann er inzwischen dreimal pro Woche in eine Tagespflege, in der man sich speziell um Menschen mit Demenz kümmert. Dann hat sie ein paar Stunden Zeit, um sich um den Haushalt zu kümmern. Sich mit einer Freundin zu treffen. Für Bastelarbeiten, die sie gerne anfertigt. Oder, um einfach einmal durchzuatmen.

bwohl sie sich oft überfordert fühlt, weist sie den Gedanken an eine Unterbringung im Pflegeheim von sich: „Er würde nicht dort bleiben, sondern er würde weglaufen.“ Das will sie ihm ersparen. So reißt sie sich zusammen. Für ihn. Denn: „Er kann doch nichts dafür.“

*Name von der Redaktion geändert

VON BRIGITTE DEGELMANN

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