Trauer um Charlie Hebdo

Demonstranten kommen sich in die Quere

Auch am Wochenende haben mehrere hundert Menschen in Frankfurt der Terroropfer von Paris gedacht. Während eine Kundgebung am Gewerkschaftshaus am Samstag friedlich verlief, kam es anschließend an der Hauptwache zu einem Gerangel zwischen linken und rechten Gruppen. Ein geplanter Trauermarsch der Freien Wähler wurde blockiert.

Es wurde französisch gesprochen bei der Gedenkfeier für die Toten des Attentats auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ am Samstag vor dem Gewerkschaftshaus. Und zwar weit mehr als der in den vergangenen Tagen überall zu lesende Satz „Je suis Charlie“. Die Französin Bernadette Segol, Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbundes, sprach bei der vom Römerbergbündnis organisierten Kundgebung vor rund 500 Teilnehmern in ihrer Muttersprache von einem „Angriff auf die Freiheit und auf unsere Lebensweise“. Im Römerbergbündnis haben sich der Deutsche Gewerkschaftsbund, die beiden großen Kirchen, die jüdische Gemeinde und der Stadtjugendring zusammengeschlossen. Der evangelische Stadtdekan Achim Knecht betonte: „Gott erwartet von den Menschen Nächstenliebe, auch wenn der Nächste uns fremd ist.“ Auch die Kirchen müssten lernen, dass polemische Kritik, wie sie „Charlie Hebdo“ übe, nicht nur erlaubt, sondern manchmal auch „bitter nötig“ sei.

Einige der Teilnehmer zogen anschließend an die Hauptwache, um gegen eine von den Freien Wählern angekündigte Veranstaltung zu demonstrieren. Etwa 80 Anhänger der Freien Wähler hatten sich versammelt. Sie hatten deutsche, französische und israelische Fahnen dabei sowie Plakate mit der Aufschrift „Ich bin Charlie“. Rund 400 Gegendemonstranten, darunter Gewerkschafter und Mitglieder der Linkspartei, hinderten sie daran, ihren „Trauermarsch“ zur Alten Oper zu starten. Sie warfen den Freien Wählern vor, sie missbrauchten die Tragödie in Paris für ihre eigenen Zwecke. „Ihr habt nicht das Recht, euch auf Charlie Hebdo zu berufen!“, riefen einige. „Ihr seid nicht Charlie. Ihr seid Brandstifter“, war auf Transparenten zu lesen. „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda!“, riefen die Gegendemonstranten.

Die Freien Wähler ihrerseits fühlten sich an ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung gehindert. „Wir wollten eigentlich einen Trauermarsch veranstalten“, sagte Wolfgang Hübner, Chef der Römer-Fraktion der Freien Wähler, nachdem seine Gruppe auf einen zuvor von der Polizei abgesicherten, größeren Platz vor der Katharinenkirche geführt worden war. „Wir lassen uns daran nicht hindern.“ Symbolisch breiteten Hübners Anhänger eine schwarze Fahne aus, Zeichen der Trauer für die in Paris getöteten Menschen. Die Trauerkundgebung endete, indem die Teilnehmer sich im großen Kreis um die Fahnen aufstellten, sich an den Händen fassten und schwiegen.

Vereinzelte gewalttätige Übergriffe wurden durch die Polizei rasch unterbunden. Ein Demonstrant wurde vorübergehend festgenommen. Nach der Kundgebung wurden die Organisatoren von der Polizei vor Gegendemonstranten abgeschirmt, als sie von der Hauptwache in den Römer flohen. „Diejenigen, die den legitimen Gebrauch der Grund- und Freiheitsrechte durch Bürgerinnen und Bürger blockiert haben, wollen tatsächlich diese Rechte zu ihren Gunsten abschaffen“, erklärte Hübner am Sonntag.

Auch am Sonntag gab es Gedenkveranstaltungen. An einem Gottesdienst der französischsprachigen Gemeinde in der Nieder Dreifaltigkeitskirche nahmen auch viele Deutsche teil, wie Brigitta Sassin, Referentin für Katholiken anderer Muttersprachen, berichtete. Sie verlas während des Gottesdienstes einen Brief des Limburger Weihbischofs Thomas Löhr, in dem er der Gemeinde seine Solidarität und Anteilnahme aussprach. Für die Teilnehmer sei die Messe eine Möglichkeit gewesen, ihre „Fassungslosigkeit zu teilen“, berichtete Sassin. Die Teilnehmer seien traurig und schockiert, aber gefasst gewesen.

(tjs,mu,stef)

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