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Den Cyberkriminellen auf der Spur

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Von: Sarah Bernhard

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Ohne Strafverfolgung fühlen sich die Opfer wehrlos und vergessen. Es ist wichtig, dass sie merken: Da nimmt mich jemand ernst." Die Staatsanwälte Sebastian Zwiebel (li.) und Benjamin Krause von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität. FOTO: michael faust
Ohne Strafverfolgung fühlen sich die Opfer wehrlos und vergessen. Es ist wichtig, dass sie merken: Da nimmt mich jemand ernst." Die Staatsanwälte Sebastian Zwiebel (li.) und Benjamin Krause von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität. FOTO: michael faust © Michael Faust

In Frankfurt jagen 17 Staatsanwälte straffällig gewordene Pädophile und Drogenhändler aus Hessen und der ganzen Welt

Frankfurt -"Hoffentlich ist er langsam gestorben", schreibt ein 71-Jähriger aus Kassel am Tag nach dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübke in einer Facebook-Gruppe. "Gut, dass dieses Schwein erschossen wurde", ein 41-Jähriger aus dem Landkreis Gießen auf Youtube. Dass beide mittlerweile zu einer Geldstrafe verurteilt wurden, liegt unter anderem an Benjamin Krause. Der 43-Jährige mit den eisblauen Augen leitet das Team Hassrede bei der hessischen Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT), deren stellvertretender Leiter er auch ist.

Mit 16 weiteren Staatsanwälten und mehreren IT-Forensikern teilt er sich ein Stockwerk in einem Bürogebäude nahe der Konstablerwache, das eher nach Start-up als nach Staatsanwaltschaft aussieht. "Wir sind ein junges Team, alle sind sehr motiviert", sagt Krause. Vor kurzem haben sie zusammengelegt, um sich eine ordentliche Kaffeemaschine zu kaufen. In einer Ecke des Gemeinschaftsbereichs steht ein Eintracht-Partyhut.

Der Bereich Hassrede ist einer von sechs, die die ZIT bearbeitet. Und der, in dem die Staatsanwälte am direktesten an den Menschen dran sind. Denn wenn ein Tatverdächtiger ermittelt ist, geht Krause oft persönlich bei ihm vorbei oder bestellt ihn zur Vernehmung ein. "Wir suchen bewusst den Medienbruch", sagt er. Außerdem sage eine spontane Reaktion viel mehr über einen Menschen aus als eine E-Mail.

Es gebe zwei Arten von Tätern, sagt Krause. "Bei den einen ist die erste Reaktion: ,Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!' Die wollen maximale Freiheit ohne Verantwortung." Denen erklärt Krause dann, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass man Menschen beleidigen oder mit dem Tod bedrohen darf - und wird dafür schon mal als "Gestapo" beschimpft. Die zweite Gruppe sei "relativ geschockt", wenn er zusammen mit der Polizei im Wohnzimmer stehe und die Beschimpfungen laut vorlese. "Viele sagen dann: ,Was, das habe ich geschrieben?' Diese Menschen haben online eine ganz andere Kommunikation. Von Angesicht zu Angesicht würden sie so etwas niemals sagen." Manchmal entschuldigten sich die Täter. Einmal habe einer seinem Opfer sogar einen Brief geschrieben, ganz analog auf Papier. "Wenn so etwas passiert, und ich das Gefühl habe, ein Umdenken erzielt zu haben, dann ist das ein persönlicher Erfolg für mich", sagt Krause.

Sein Team legte einen Darknet-Riesen lahm

Sebastian Zwiebel ist da anders. Der 46-Jährige, der am anderen Ende des Flurs sitzt, und federführend fürs Darknet zuständig ist, liebt die großen Fälle: Dank ihm und seinem Team konnte zum Beispiel Anfang April der weltweit größte Darknet-Marktplatz "Hydra Market" abgeschaltet werden, Bitcoins im Wert von rund 23 Millionen Euro wurden sichergestellt. "Das ist zwar ein erster Erfolg, aber gleichzeitig auch nur ein Zwischenschritt", sagt Zwiebel. "Zufrieden bin ich erst, wenn die Täter rechtskräftig verurteilt sind."

Deshalb macht es ihm auch nichts aus, dass er - anders als Krause - eher Mittler statt Akteur ist: Den Hauptteil der Ermittlungsarbeit bei Verbrechen im Darknet macht die Polizei, Durchsuchungs- oder Haftbefehle stellen die Gerichte aus. "Trotzdem ist noch kein Tag vergangen, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gegangen bin", sagt Zwiebel. Sein Thema ist vor allem Drogenhandel im großen Stil, ab und zu auch der Handel mit Waffen. Der stelle sich allerdings häufig als normaler Betrugsfall heraus, da der Verkäufer die Waffen, die er verkaufen wolle, gar nicht besitze. Solche Fälle werden dann an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergegeben.

Früher wollte auch Krause die großen Fälle machen. Hassrede gehört zu den Delikten, die nicht die körperliche Unversehrtheit, sondern die öffentliche Ordnung stören - die Strafen sind deshalb deutlich niedriger, oft werden Verfahren ganz eingestellt. Doch als die neue Landesregierung 2019 den Kampf gegen Hassrede im Netz in den Fokus rückte und jemand gesucht wurde, der die neue Abteilung leitet, ließ sich Krause breitschlagen. Und stellte fest: "Eine Beleidigung, die auf Facebook viral geht, kann für die Opfer sehr viel schlimmer sein als eine Beleidigung am Gartenzaun." Mehr Leid auf der einen Seite, weniger Unrechtsbewusstsein auf der anderen - seit Krause das verstanden hat, kämpft er für einen Gesinnungswandel in der Gesellschaft und in der Justiz. "Ohne Strafverfolgung fühlen sich die Opfer von Online-Hetze wehrlos und vergessen. Es ist wichtig, dass sie merken: Da nimmt mich jemand ernst."

Kein Tag ohne Todesdrohungen

Bis zu einem Gerichtsverfahren ist es allerdings ein langer Weg. Über 10 000 Meldungen haben Krause und sein Team bisher von der Polizei und über Portale wie hessengegenhetze.de bekommen, jede einzelne prüfen die Staatsanwälte daraufhin, ob sie strafrechtlich relevant ist. Bei den 7000, die übrig blieben, versuchen die Ermittler herauszufinden, wer hinter dem Kommentar steckt. Zum einen, indem sie die sozialen Medien nach Anhaltspunkten durchforsten. Zum anderen, indem sie an die E-Mail-Anbieter oder Plattformen herantreten, auf denen der Kommentar gepostet wurde, um an die Registrierungsdaten zu kommen. Krauses Problem: Plattformen, die ihren Sitz außerhalb Deutschlands haben, sind nicht verpflichtet zu antworten. "Wir sind totale Bittsteller." In rund der Hälfte der Fälle bekommt er eine Antwort.

Insgesamt wurden so rund 40 Prozent der Hetzer, deren Kommentare über Krauses Schreibtisch liefen, identifiziert, etwa zehn Prozent von ihnen kamen aus Hessen. Vor Corona seien solche Menschen online vor allem nach emotional aufwühlenden Ereignissen wie dem Anschlag von Hanau oder der Ermordung Walter Lübckes ausfällig geworden. "Seit Pandemiebeginn vergeht kein Tag, ohne dass Politiker oder Wissenschaftler mit dem Tod bedroht werden." Sein Menschenbild habe sich dadurch nicht geändert, sagt Krause. "Aber manchmal bin ich schon geschockt. Ich verstehe nicht, welchen Sinn eine Diskussion haben soll, in der man droht, jemanden zu ermorden."

In vielen Fällen seien die Täter, die er zu Gesicht bekomme, ältere Männer, sagt der Oberstaatsanwalt. Das gilt auch für die 70 Tatverdächtigen, die bisher im Fall Lübcke identifiziert wurden: 89 Prozent sind männlich und fast 60 Prozent über 60 Jahre alt. Die Menschen, die Sebastian Zwiebel verfolgt, sind ebenfalls fast ausschließlich Männer, aber deutlich jünger.

Während Zwiebel nicht glaubt, dass sein Arbeitsgebiet jemals aussterben wird, ist Krause bei seinem optimistisch. "So wie Kinder im echten Leben lernen, wie man mit Fremden kommuniziert, können und werden sie das auch bei der Online-Kommunikation lernen." Vielleicht werde es noch eine Generation dauern, "aber ich glaube, dass wir irgendwann auch online ordentlich miteinander umgehen werden". Bis dahin müssten sich die Verbrecher aber in Acht nehmen, sagt Zwiebel. "Keiner, der im Internet Straftaten begeht, kann sich sicher sein, dass er nicht von uns identifiziert wird." Sarah Bernhard

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