Sicherheit

Den Druck auf die Szene erhöht

  • vonOscar Unger
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Polizei zieht eine positive Bilanz ihres verstärkten Einsatzes im Bahnhofsviertel

Frankfurt -Aggressive Dealer, allenthalben Drogenabhängige auf dem Trottoir und in den Hauseingängen und Hinterhöfen, Prostituierte, die verstärkt in den Straßen auf Kundenfang sind und ihrem Gewerbe nachgehen, weil die Bordelle derzeit geschlossen sind. Das Bahnhofsviertel ist in einem üblen Zustand. Eine Situation, die sich seit der Pandemie noch zugespitzt hat. Und vor allem sichtbarer geworden ist, weil die ganz normalen Passanten, Hotelgäste und Messebesucher fehlen, das Elend stärker zutage tritt.

Bereits im Frühjahr schlugen Geschäftsleute, Hoteliers und die Anwohner Alarm, baten um mehr Polizeipräsenz, härteres Durchgreifen. Mit Erfolg - sagt zumindest der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill, der am Freitag eine Bilanz der vergangenen fünf Monate vorlegte. "Wir haben mit der Intensivierung unseres ohnehin hohen Engagements seit Juni die negative Entwicklung, die im Sommer zu beobachten war, aufhalten können", so der Behördenchef.

15 000 Personen wurden kontrolliert

Bis Ende Oktober seien mehr als 1800 Strafverfahren eingeleitet, mehr als 1000 freiheitsentziehende Maßnahmen getroffen und mehr als 120 Haftbefehle vollstreckt worden. Zudem habe man mehr als 15 500 Personen kontrolliert und fast 2600 Platzverweise erteilt. Auch den Drogenhandel habe man getroffen. So seien sieben Kilogramm Rauschgift plus 1000 XTC-Tabletten sichergestellt sowie mehrere albanische Drogenhändler mit Touristenvisa abgeschoben worden. Doch die Polizei rückte nicht nur den Dealern zu Leibe, sondern auch reihenweise "illegal abgestellten Fahrzeugen", wie es in der Bilanz heißt. Klingt nebensächlich, hat aber einen ernsten Hintergrund: Denn im Schutze der geparkten Wagen könne sich die Szene neugierigen Blicken entziehen, Drogen übergeben und konsumieren.

Um alles das zu erreichen habe man "täglich mindestens zehn zusätzliche Beamte im Gebiet rund um den Hauptbahnhof eingesetzt", sagt Bereswill. Darunter auch viele Kräfte der hessischen Bereitschaftspolizei. So weit die Zahlen der Behörde.

"Ohne Polizei würden wir alt aussehen", sagt auch Oskar Mahler, Stadtteil-Chronist und Szenekenner, der viele Jahre in der Kaiserstraße das kleine Hammermuseum betrieb. "Es gibt nicht mehr Junkies im Viertel, aber man sieht sie jetzt halt mehr. Zum einen, weil sich auch die Hilfseinrichtungen an die Corona-Regeln halten müssen, zum anderen fehlen die normalen Besucher des Quartiers." In dem lebten inzwischen wieder etwa 4200 ganz normale Mieter. "Und es werden jedes Jahr mehr." Gleichwohl hat er noch etwas anderes beobachtet: "Die Szene ist rauer geworden." Ein Lob gibt es von dem Insider aber auch für die Polizeibeamten: "Sie sind offenbar für den Umgang mit den Drogenabhängigen besser geschult worden."

"Wir müssen auf Wandel reagieren"

Klar positive Tendenzen sieht auch der Frankfurter Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU): "Wir haben uns im Juni mit Gastronomen, Gewerbe und Anwohnern zusammengesetzt und diskutiert, was man tun kann. Das hat offensichtlich gut funktioniert." Gleichwohl könne man sich darauf nicht ausruhen. "Das Bahnhofsviertel ist immer im Wandel. Und darauf müssen wir reagieren."

Unabhängig von den sicherheitsrelevanten Aspekten könne Vorbild dafür die Drogenpolitik in Zürich sein. Dort bemüht man sich, die Drogenabhängigen von der Straße zu holen. Unter dem Schlagwort "Housing first" werden sie in leerstehenden Wohnungen und Hotels untergebracht. Markus Frank: "Wir müssen uns auch hier noch intensiver um diese kranken Menschen kümmern." Zudem gelte es "mehr robuste Sozialarbeiter" in diesem Brennpunkt einzusetzen.

Bei einer Online-Konferenz der Grünen Mitte der Woche unter dem Titel "Bahnhofsviertel für alle", hatte bereits Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) für eine weitere niederschwellige Ambulanz geworben. Dies sei allerdings am Einspruch der Kassenärztlichen Vereinigung gescheitert. Oscar Unger

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