Lauftrainerin Iris Hadbawnik aus Nied trainiert jetzt in Niederrad eine Laufgruppe von Menschen, die unter Depressionen leiden. Als Buchautorin befasst sie sich mit ihren Leidenschaften Laufen und Extremsport; einen Anfänger-Lauftreff bietet sie auch immer wieder in Nied an.
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Lauftrainerin Iris Hadbawnik aus Nied trainiert jetzt in Niederrad eine Laufgruppe von Menschen, die unter Depressionen leiden. Als Buchautorin befasst sie sich mit ihren Leidenschaften Laufen und Extremsport; einen Anfänger-Lauftreff bietet sie auch immer wieder in Nied an.

Hilfe in Frankfurt

Den dunklen Schatten auf der Seele davonlaufen

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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Neuer Kurs richtet sich speziell an Menschen mit Depressionen - Start am Licht- und Luftbad Niederrad

Äußerlich unterscheidet es sich nicht von anderen Joggern, das kleine Grüppchen um die Lauftrainerin Iris Hadbawnik, das sich locker trabend auf den Wegen der Landzunge des Niederräder Luft- und Lichtbades fortbewegt. Doch während mancher Hobbyläufer hier seine Corona-Pfunde abbaut oder sich nach einem langen Arbeitstag sitzend im Büro etwas Bewegung und Frischluft verschafft, haben die Teilnehmer dieser Laufgruppe eine ganz besondere Motivation: Sie wollen dank des Angebotes des "Bündnisses gegen Depression Frankfurt am Main" mit Iris Hadbawnik den dunklen Schatten auf ihrer Seele im wahrsten Sinne des Wortes davonlaufen.

Das geht paradoxerweise nur, indem man sich erstmal der Krankheit stellt. Ein schwieriger Prozess, wie eine Teilnehmerin berichtet, denn das Thema sei tabuisiert: Viele Menschen begriffen eine Depression als Makel, "gerade in unserer Leistungsgesellschaft, in der alles aufs Funktionieren abgestellt ist". Die Laufgruppe trifft sich in diesem August schon zum vierten Mal und funktioniert ganz hervorragend: Die Stimmung ist locker, es wird viel gelacht.

Alles bleibt im Wohlfühl-Tempo

Trainerin Iris Hadbawnik streut immer wieder Tipps, etwa zur richtigen Körperhaltung, in die Laufpassagen ein. Die werden alle im Wohlfühl-Tempo absolviert. "So, dass wir uns noch unterhalten können", wie sie betont. Die Gespräche kreisen um den erkrankten Hund, über den bevorstehenden Urlaub in Südfrankreich, dienen aber auch dem Austausch über die gegenseitigen Erfahrungen mit der Krankheit und den Umgang damit.

Selbstironie ist immer dabei

Die Teilnehmer reden sich mit Vornamen an, denen sie im Kollektiv ausgesuchte Attribute anhängen, die mit dem gleichen Buchstaben wie der Vorname beginnen - als Gedächtnisstütze für ihren Laufcoach. So läuft hier die "rasende Regina" Seite an Seite mit der "racing Renate", der Reporter wird flugs als "motivierter Michael" eingemeindet und die Lauftrainerin ist "die irre Iris". Warum das? "Die Teilnehmer haben mich so getauft, weil ich nach ihren Worten mit einer Gruppe von ,Irren' laufe", erzählt Hadbawnik. Entspannte Selbstironie läuft hier offensichtlich mit.

Irre ist hier niemand, motiviert sind sie alle: "Dabei dachte ich anfangs, das Joggen sei nicht meins", verrät die rasende Regina, während die Jogger zwischen Nilgänsen am Mainufer und einem Hochzeitsfoto-Shooting vorbeilaufen. "Doch jetzt bin ich dankbar, dass es die Gruppe gibt: Es macht einen Riesenspaß, und ich bin fitter geworden". Dann ergänzt sie unter dem Lachen der anderen: "Wenn mir wieder mal die S-Bahn davonzufahren droht, laufe ich jetzt die letzten Meter - und achte dabei genau auf meinen Laufstil: Arme immer schön nach vorne schwingen!"

Für die erfahrene Lauftrainerin Iris Hadbawnik ist die Arbeit mit Depressiven noch Neuland. "Anfangs dachte ich, ich mache hier einfach ganz locker mein Programm wie mit jeder Laufgruppe", erzählt sie. Doch schon in der Vorstellungsrunde hätten sich die Teilnehmer geöffnet. "Sie haben über ihre Leidensgeschichten und die Ursprünge ihrer Depressionen erzählt. Davon, wie sie monatelang nicht aus ihrer Wohnung gekommen sind, ohne jegliche soziale Kontakte - das hat mich sehr berührt." Corona habe diese Situation oft noch zugespitzt. Zehn Teilnehmer haben sich für die Laufgruppe angemeldet. Wegen der Sommerferien seien es derzeit aber weniger, die tatsächlich dabei sind. Und der ein oder andere bleibe auch mal fern, weil der Depressionsschub zu stark ist - "und er sich nicht aufraffen kann".

Die Laufstunde auf der Landzunge am Main ist wie im Flug vergangen. Sie schließt mit einem Ritual, das die Gruppe in der kurzen Zeit ihres Bestehens zusammengeschweißt hat: Im Kreis aufgestellt, erzählt jeder über seinen schönsten Moment der Laufstunde. "Als ich vorhin hier ankam", sagt Renate, "ging es mir gar nicht so gut". Doch jetzt habe sich ihre Stimmung deutlich aufgehellt. "Dafür bin ich dankbar."

Michael Forst

Mitläufer willkommen

Wer mitlaufen will, schickt eine E-Mail an leona.jacobsen@kgu.de Treffpunkt ist dienstags um 18 Uhr vor dem Licht- und Luftbad Niederrad.

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