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Frische Farbe an den Wänden und eine neue Holzvertäfelung: Im alten Gemeindezentrum weht frischer Wind.

Über die Rettung des Gemeindezentrums

Gemeindezentrum: Ein Denkmal mit Abrissgenehmigung

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Es tut sich tatsächlich etwas am und im ehemaligen Gemeindezentrum im Gerhart-Hauptmann-Ring 398, das vor 20 Jahren beinahe abgerissen worden wäre. Denn unter Denkmalschutz steht das Gebäude erst seit 2007.

Frankfurt – Der Brandgeruch ist ebenso verschwunden, wie die verkohlten Holzvertäfelungen an den meterhohen Wänden des ehemaligen Gemeindesaales. Boden und Bühne sind mit festem Papier abgedeckt, es stehen Farbeimer stehen in der Ecke, Leitern und Gerüste lehnen an den Wänden.

Genau genommen sind es nur noch die massiven Schäden in der Glasfassade, die darin erinnern, dass das ehemalige Gemeindezentrum im Gerhart-Hauptmann-Ring 398 seit 2001 leer stand und gleich mehrmals Ort von Vandalismus war.

Graffiti an den Wänden

"Es gab immer wieder Jugendliche, die hier eingedrungen sind und Graffitis an die Wände gesprüht haben. Zudem hat es mehrfach gebrannt", sagte Janine Sempf vom Denkmalamt. Zusammen mit Anne Christel von der Beratungsstelle für Stadterneuerung und Modernisierung (BSMF) führte sie am gestrigen "Tag des offenen Denkmals" Interessierte durch das 1970 fertiggestellte Gemeindezentrum. Und gleichzeitig eine von fünf Kirchen - denn in dem großen Gemeindesaal wurden auch Gottesdienste gehalten.

Für Sempf las es sich "wie ein Krimi", als sie sich 2015 erstmals mit der Gesichte des Bauwerks beschäftigte. Seitdem kümmert sie sich um das Gebäude. Wobei der ein oder andere Nordweststädter wohl eher von einer unendlichen Geschichte sprechen würde.

30 Jahre lang war das Gemeindezentrum der Mittelpunkt der christlich-reformierten Gemeinde und der evangelischen Lydiagemeinde. An das große Gebäude mit Saal und Schieferfassade schlossen sich der Kindergarten und das Küsterhaus an. Komplettiert wurde das von den Architekten Walter Schwagenscheidt und Tassilo Sittmann, die auch die Nordweststadt entwickelten, entworfene Ensemble von einem Schwestern- sowie Pfarrhaus.

Mit dem Mitgliederschwund mussten die Gemeinden schließlich ihr Zentrum aufgeben, der Kindergarten blieb noch bis 2004. Reihenhäuser wollte ein Investor dort bauen, die Bau- und Abrissgenehmigung bekam er. Denn unter Denkmalschutz stand das Gebäude damals noch nicht. "Es wurde nicht geprüft, warum auch immer", sagt Janine Sempf. Diese Zeitung wies 2009 sogar darauf hin, dass der Denkmalschutz versagt habe. Und so mussten Pfarr- und Schwesternhaus weichen, bis sich Protest bei den Nordweststädtern regte. Sie kämpften für den Erhalt des Zentrums. Als wäre es Schicksal, ging der Investor insolvent. Und auch die beiden, die auf den ersten folgten. Und plötzlich waren sowohl Abriss- als auch Baugenehmigung abgelaufen.

Hotel oder Wohnungen?

"Das war großes Glück für das Gebäude. So konnte noch einmal alles geprüft werden und es doch unter Denkmalschutz gestellt werden", so Sempf. Das war am 2. Juli 2007. Doch damit begannen auch die Spekulationen. Sowohl über Wohnungen, wie auch ein Hotel wurde gesprochen, es passierte jedoch nichts.

Erst 2012, als die Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft (KEG) das Grundstück erwarb, ging es aufwärts. Gemeinsam mit dem Sozialdezernat wurde ein Konzept entwickelt, um das Gebäude zu sanieren und zu erhalten. Erster Teil dieses Konzepts war die Errichtung zweier Gebäude mit Wohnungen für Menschen in Notlagen. "Damit sollte Geld erwirtschaftet werden, um das Zentrum sanieren zu können", erklärt Anne Christe. Zudem habe es Förderungen gegeben - sowohl von der Stadt, als auch vom Land Hessen.

Für die anstehenden Sanierung schlossen sich die Bürger, die sich bereits erfolgreich gegen den Abriss gewehrt hatten, zu einer Initiative zusammen, aus der sich der heutige Trägerverein Vokus 398 - Verein für die Organisation des Kultur- und Sozialzentrums Gerhart-Hauptmann-Ring 398 - gründete. Schließlich wollten sie mitreden bei dem, was in ihrer direkten Nachbarschaft passiert. Wie früher soll es im Untergeschoss wieder einen Kindergarten geben, zudem ist ein Café geplant. Der ehemalige Gemeindesaal soll sowohl öffentlichen wie auch privaten Veranstaltungen dienen.

Bis es so weit ist, wird es allerdings noch ein wenig dauern. Im Sommer 2020, so die Schätzungen von Anne Christel, soll das neue Zentrum eingeweiht werden. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, denn das Gebäude ist immer noch eine Baustelle. Abgesehen vom ehemaligen Küsterhaus, das wie auch früher in eine Wohnung umgebaut wurde. Dort wohnt jetzt eine fünfköpfige Familie.

Ansonsten ist das Gebäude noch eine große Baustelle. Wobei sich bereits viel getan hat. Kaputte Schiefertafeln an der Fassade wurden erneuert, lose wieder fest genagelt. Die verkohlte Holzvertäfelung im Gemeindesaal ist verschwunden, die neue Wandheizung bereits eingebaut. An den Wänden strahlt bereits frische weiße Farbe.

Beleuchtete Fassade

Noch nicht angegangen wurde derweil die verglaste Fassade an der Nordseite. Darin klaffen noch große Löcher. Sie kann nicht mehr gerettet werden, sondern muss komplett ersetzt werden, erklärt Christel. Doppelwandig und von innen beleuchtet werden soll die neue Fassade. Das gebe sicher eine tolle Atmosphäre, ist die Expertin überzeugt.

Und auch in der Außenanlage gibt es noch viel zu tun. An der Ostfassade soll einmal der neue Name des Zentrums prangen. Doch noch gibt es ihn nicht. Die Spielfläche des Kindergartens ist derzeit noch eine wilde Wiese. Aber auch dafür gibt es schon Pläne. "Wir sind wirklich auf einem guten Weg", sagt Anne Christel. Besonders beeindruckt habe sie stets der Einsatz der Nordweststädter, der Kampf für den Erhalt des Zentrums. "Das habe ich in meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht gehabt. Einfach toll", sagt sie

Beim Quartiermanagement wurde 2008 ein Gesprächskreis interessierter Bürger eingerichtet, der Vorschläge zur weiteren Nutzung des Gebäudes für die Bürger der Nordweststadt erarbeiten sollte. Der Grundgedanke dabei war, dass für das Gelingen von Integration und Identifikation der Bürger mit dem Stadtteil solche öffentliche Treffpunkte von vitaler Bedeutung sind.

Aus diesem Gesprächskreis entwickelte sich über die Jahre der Verein "Vokus 398" - Verein für die Organisation des Kultur- und Sozialzentrums Gerhart-Hauptmann-Ring 398. Seitdem setzt er sich dafür ein, dass das ehemalige Gemeindezentrum von den Bewohnern der Nordweststadt genutzt werden und zugleich auch kulturelle Veranstaltungen angeboten werden können. Der Verein besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeitern. Wer sich als mitarbeitendes oder als förderndes Mitglied, als Privatperson oder als Sponsor engagieren möchte, der findet mehr Informationen im Internet unter vokus398.de. Per E-Mail ist der Verein über die Adresse GHR398@web.de erreichbar. 

jdi

Die Zukunft der Paulskirche: Eine Architektur-Ausstellung über den kirchlichen Hort der Demokratie in Frankfurt blickt auf Historie wie Zukunft des Denkmals. In der Innenstadt hat der Bau des neuen U-Bahn-Tunnels zwischen dem Frankfurter Hauptbahnhof und dem Europaviertel hat begonnen. Die riesige, 80 Meter lange Vortriebsmaschine hat ihre Arbeit aufgenommen.

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