+
Bildhauer Joachim Kreuzt setzte den ersten Schnitt an dem Sandstein, aus dem er eine Büste von Gustav Herold formt. Nina Hurnÿ Pimenta Lima und Oskar Mahler schauen begeistert zu.

Denksteine zum Erinnern

Alfred Hottenrott setzte sich einst beim Kaiser höchstpersönlich dafür ein, dass der Hauptbahnhof dorthin kommt, wo er heute steht. Weil er damit das Bahnhofsviertel geprägt hat, wird ihm jetzt ein Denkmal gesetzt.

Von BENJAMIN KILB

Es ist nicht viel bekannt über Alfred Hottenrott. Als Bahnhofsplaner war er für die Entwicklung des Gleisfeldes des Frankfurter Hauptbahnhofs verantwortlich. Anschließend wurde er versetzt. „Wohl nach Danzig, dann verliert sich seine Spur“, erzählt Bildhauer Oskar Mahler.

Hottenrott wirkte nur kurz in Frankfurt und doch wäre das Gesicht der Stadt, vor allem das des Bahnhofsviertels, wohl ein anderes ohne sein Zutun: Denn Hottenrott setzte sich beim Bau des Hauptbahnhofs dafür ein, dass dessen Gleisfeld entgegen der ursprünglichen Planung 300 Meter weiter westlich gebaut wurde.

„Vier mal ging er mit jenem Anliegen dem Kaiser höchstpersönlich auf die Nerven, bis dieser endlich nachgab“, sagt Mahler, den viele wegen seiner Verdienste für den Kiez als inoffiziellen Bürgermeister des Bahnhofsviertels bezeichnen und dessen Wirkungsstätte ohne Visionär Hottenrott eine ganze andere Form hätte. „Das Viertel wäre woanders entstanden und auch viel kleiner als heute. Alfred Hottenrott ist somit eine Art Gründungsvater des Bahnhofsviertels.“

Aus Sicht des Bildhauers ist nun der Zeitpunkt gekommen, um den kaiserlichen Bahnhofsplaner zu würdigen und daran zu erinnern, wie der Standort des Bahnhofs die Form des benachbarten Viertels bedingt hat. Mahler und seine Bildhauer-Kollegin Nina Hurnÿ Pimenta Lima bearbeiten dafür einen Backstein aus der Kaiserstraße und vermerken darin in Blei den Namen und das Geburtsdatum Alfred Hottenrotts.

Der „Denkstein“, wie Mahler das Kunstwerk nennt, soll anschließend in der Lounge des Hauptbahnhofs aufgestellt werden. „Diese wird im Frühsommer eröffnet. Dann soll der Denkstein dort einen prominenten Platz erhalten“, kündigt er an. Wer sich dann näher über Hottenrott und den Bau des Hauptbahnhofs informieren möchte, der kann mit dem Smartphone einen QR-Code einscannen, der historische Infos aufs Telefon lädt.

Die Erinnerung an Alfred Hottenrott ist jedoch nur ein Teil der Arbeit, mit der Mahler und Hurnÿ Pimenta Lima an Menschen erinnern möchten, die den Hauptbahnhof oder das Bahnhofsviertel geprägt haben: Das kreative Duo legt zudem Hand an einen rund 200 Kilogramm schweren Sandstein aus der Bahnhofsfassade und fertigt daraus ein Denkmal für Gustav Herold, der einst die Atlas-Statue schuf, die heute auf dem Hauptbahnhofsportal steht.

Gestern Abend setzte Bildhauer Joachim Kreutz in der Taunusstraße bereits den ersten Schnitt. In den kommenden Wochen bringen Mahler und Hurnÿ Pimenta Lima den Sandstein in seine vorgesehene Form und hoffen, dass sich für den „Denkstein“ schließlich ein Platz in der Kaiserstraße findet. „Von dort könnte Herold dann auf seine Statue schauen. Auch an diesem Denkmal möchten wir einen QR-Code anbringen, über den sich eine Seite mit historischen Infos öffnet“, erklärt Mahler.

Beide „Denksteine“ sollen an ihren finalen Standorten dann eine korrespondierende Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Bahnhofsviertel schaffen. Gustav Herolds Büste soll auf die Atlas-Statue und den Bahnhof blicken, Alfred Hottenrott aus diesem heraus.

Die Idee der korrespondierenden Steine stammt von Heiko Scholz, dem einstigen Generalmanager des Frankfurter Hauptbahnhofs. Auch dass die beiden Bildhauer sich dem Stein aus der Bahnhofsfassade widmen können, ist sein Verdienst. „Herr Scholz gab mir den Stein während der 125-Jahresfeier des Bahnhofs, weil er mir so gefiel. Danach spannen wir gemeinsam herum, was sich daraus so alles schaffen lässt“, erinnert Mahler.

Den Anspruch, dass ihre Kunst letztlich allen Passanten und Fahrgästen gefällt, haben der Bildhauer und seine Kollegin freilich nicht: „Vielleicht finden die Menschen die Plastiken letzten Endes nicht schön. Aber zumindest reden sie darüber und erinnern sich der Personen Hottenrott und Herold“, sagt Mahler.

Bis zum 2. April 2016 soll der Sandstein in Mahlers Kunstgalerie Rote Treppe in der Kaiserpassage bearbeitet werden. Seit gestern können dort auch andere „Denksteine“ des Bildhauers und Bronzen von Nina Hurnÿ Pimenta Lima bewundert werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare